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Liv Ullmann als Regisseurin von "Fräulein Julie":"Ich bin nur angeblich emanzipiert"

Jessica Chastain als "Miss Julie".

Verzogen, unglücklich und von Gefühlen hin und her gerissen: Jessica Chastain als "Miss Julie".

(Foto: Alamode Film)

Liv Ullmann war der Star von Ingmar Bergman, inzwischen führt sie selbst Regie. Warum die Tragödie "Fräulein Julie" aktuell ist, inwiefern sich Klassenunterschiede vielleicht verstärkt haben und über Einsamkeit spricht sie im Interview.

Von Paul Katzenberger

Es war ein Skandal, als August Strindberg 1888 seine Tragödie "Fräulein Julie" veröffentlichte; das Theaterstück wurde erst einmal verboten. Die Schauspielerin Liv Ullmann hat das Kammerspiel nun mit Colin Farrell und Jessica Chastain in den Hauptrollen verfilmt und sich dabei eng an die Vorlage gehalten.

Wie ihr Mentor Ingmar Bergman ließ sie sich damit von dem schwedischen Dramatiker inspirieren. Bergman hatte über seine Muse gesagt, sie sei für ihn wie eine Stradivari. Seit den Neunzigerjahren spielt Ullmann selbst oft die erste Geige und führt Regie bei Filmen, die von Bergman hätten sein können - so auch in diesem Fall.

Während einer Mittsommernacht entscheidet sich das Los dreier Menschen im Schloss eines Grafen. Julie (Chastain), unglücklich aufgewühlte und attraktive Tochter des Hausherren landet mit ihrem Diener John (Farrell) im Bett. Er ist darüber mehr erschrocken als sie, doch im rigiden Ständesystem der Zeit ist das vor allem für Julie ein tiefer Sturz. Sie erwägen die Flucht, doch John zaudert, seine Stelle und seine frömmlerische Verlobte Kathleen (Samantha Morton) hinter sich zu lassen. Das Unglück nimmt seinen Lauf.

SZ.de: Ihr neuer Film "Fräulein Julie" ist eine Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von August Strindberg, das schon mehrfach verfilmt worden ist. Was hat Sie dazu inspiriert, bei einer weiteren Version Regie zu führen?

Liv Ullmann: Vor sechs Jahren habe ich Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" an verschiedenen Bühnen in den USA und Australien mit Cate Blanchett in der Hauptrolle inszeniert. Damals wurde mir bewusst, wie sehr Williams und andere große Schriftsteller von Strindberg beeinflusst waren. Ich las mir daraufhin "Fräulein Julie" noch einmal durch, und plötzlich erkannte ich Aspekte an dieser Tragödie, die heute noch relevant sind. Etwa die Einsamkeit, unter der viele Menschen leiden. Das war mir bei der ersten Lektüre des Stücks entgangen.

Ihr Film spielt im späten 19. Jahrhundert auf dem Herrensitz eines Grafen, als es noch deutliche Klassenunterschiede gab zwischen der Aristokratie und ihrem Hauspersonal. Auch die Frauen waren viel strengeren Regeln unterworfen als heute. Trotzdem halten Sie das Stück für aktuell.

Wenn Sie die moderne Welt betrachten, dann manifestiert sich das Klassensystem auf andere Art und Weise viel stärker als damals. In einem großen Teil der Welt besteht das Gefühl, nicht dazuzugehören oder nicht willkommen zu sein. Die Flüchtlinge, die über das Mittelmeer zu uns kommen, können noch nicht einmal von einem besseren Leben träumen. Und auch bei uns sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau noch sehr ausgeprägt, auch wenn wir das vielleicht nicht wahrhaben wollen.

Fühlen Sie sich als Frau ebenfalls benachteiligt?

Als Regisseurin und Schauspielerin nehme ich zum Beispiel deutlich wahr, wie stark sich die Gehälter zwischen Männern und Frauen in meinem Beruf unterscheiden. Und als Frau bin ich inzwischen angeblich emanzipiert, aber dann merke ich, dass ich noch genauso um die Männer herumtänzele wie Nora in Henrik Ibsens Stück "Ein Puppenheim" (eine Protagonistin, die von Vater und Ehemann wie eine Puppe behandelt wird, Anm. d. Red.), nur um die Dinge machen zu können, die ich machen will. Das ist tief in mir drin.

Diese Konventionen, von denen Sie sprechen, gehen aber nicht so weit wie im Film, wenn John, der Julie als Untergebener zu nahe gekommen ist, den einzigen Ausweg aus diesem standeswidrigen Fehlverhalten in ihrem Selbstmord sieht.

Dass er ihr den Suizid nahelegt, und sie dem folgt, hat aus meiner Sicht aber weniger mit den damaligen Konventionen zu tun, sondern mehr mit meiner Interpretation von Strindbergs Stück. Johns größtes Ziel ist es, gesellschaftlich aufzusteigen und am Schluss zeige ich ihn, wie er so hoch steigt, wie es für ihn in dem Augenblick möglich ist: die Treppe hoch zu seinem Herrn, um ihm Kaffee zu bringen. Julie findet dagegen einen Ort der Seelenruhe.

In Strindbergs Stück resultiert Julies seelisches Chaos aus ihrem schlechten Verhältnis zur Mutter. In Ihrem Film schildert Julie ihr Verhältnis zur Mutter nicht so ausführlich wie bei Strindberg. Warum?

Die Stelle, an der sie von ihrer Mutter spricht, kommt im Stück erst recht spät. Ich wollte deswegen keine so lange Geschichte daraus machen wie Strindberg, sondern mich auf das Wesentliche beschränken. Das besteht aus meiner Sicht darin, dass sie bereits in frühem Alter ohne Mutter aufwachsen musste. Und als die Mutter noch lebte, wurde sie von ihr übersehen und überhört. Wichtig ist außerdem, dass ihr die Mutter einen Hass auf Männer einimpfte.

"Die Natur Irlands hat perfekt zur Geschichte gepasst"

Bei Strindberg zündet die Mutter auch das Haus an. Warum war das unwichtig?

Mir ging es vor allem um das tiefe Gefühl der Einsamkeit, das Julie empfindet. Dass das abgebrannte Haus dafür ein Grund sein könnte, konnte ich nicht erkennen. Ausschlaggebend für mich war, dass die Mutter niemals für sie da war und dafür gesorgt hatte, dass sie kein gesundes Verhältnis zu Männern aufbauen konnte.

Auch John und seine Verlobte Kathleen sind in dem Stück phasenweise sehr durcheinander. John hadert mit seiner sozialen Herkunft, während Kathleen das Werben Julies um John zutiefst abstößt, vor allem wegen ihrer tiefen Frömmigkeit.

Colin Farrell und Liv Ullmann bei der Premiere von "Miss Julie" in Chicago im Oktober 2014.

Colin Farrell und Liv Ullmann bei der Premiere von "Miss Julie" beim Chicago International Film Festival im Oktober 2014.

(Foto: imago/APress)

Sie sind beide nicht glücklich mit dem, was ihnen zuteil wurde. Aber im Gegensatz zu Julie haben sie noch Träume im Leben. Sie hat nur noch Sehnsucht danach, nicht mehr zu existieren. Für sie ist auf dieser Welt kein Platz.

Warum haben Sie Strindbergs Stück von Schweden nach Irland verlegt?

Der wichtigste Grund dafür bestand darin, dass es sich bei "Fräulein Julie" um eine englische Produktion handelt. Ich musste daher mit englischsprachigen Schauspielern arbeiten. Also verlegte ich die Szenerie nach Irland, worüber ich im Nachhinein sehr glücklich bin. Denn die Natur Irlands passt perfekt zur Geschichte, genau wie das Schloss, das wir dort gefunden haben.

Der irische Akzent des gebürtigen Iren Colin Farrell passt in der Tat gut zu dem Schauplatz Ihres Filmes. Jessica Chastian ist in der Originalfassung hingegen anzumerken, dass sie ins Irische erst hinein finden musste.

Ich persönlich empfand gerade sie genial in der Arbeit mit der Sprache. Wie sich ihre Stimme im Laufe dieser Nacht verändert, wie sie ihren seelischen Verfall durch die Sprachmelodie intoniert, das fand ich großartig.

Haben Sie darauf geachtet, dass sich das in der deutschen Synchronisation wiederfindet?

Darauf hatte ich leider keinen Einfluss. Ich habe meine Rollen ab und zu selbst ins Englische synchronisiert. Für deutsche Synchronisationen reichten meine Sprachkenntnisse nicht aus, was ich bedauere, denn ich bin der Überzeugung, dass Originalschauspieler Rollen besser sprechen als Synchronsprecher. Eine Ausnahme gibt es: Als ich Judy Winters deutsche Synchronisation meiner Marianne in Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" hörte, kam es mir so vor, als ob sie die Rolle an manchen Stellen tatsächlich besser sprach als ich selbst. Sie hat mich öfters synchronisiert und ich wusste bei ihr immer, dass ich in den Händen einer sehr guten Schauspielerin bin.

Ingmar Bergman war ihr wichtigster Mentor und ein großer Bewunderer August Strindbergs. Er hat dessen Stücke ja auch auf die Bühne gebracht. Wenn er einen Film aus dem Stoff der "Miss Julie" gemacht hätte, wäre das Ergebnis ähnlich wie bei Ihnen ausgefallen?

Auch wenn unser Geschmack sehr ähnlich war, wäre bei ihm sicher etwas anderes herausgekommen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ihm meine Interpretation des Stücks gut gefallen hätte.

© SZ.de/rus
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