Liv Lisa Fries im Porträt Am Set ist ihr jedes einzelne Detail wichtig

Auch sonst scheint Fries alles um sich herum aufzusaugen, genau wahrzunehmen, genau zu reflektieren. Das spürt man, wenn sie vom Dreh erzählt, von ihrer Begeisterung für das Schauspielen, von ihren Rollen. "Damit ich eine Figur spiele, braucht sie etwas...". Fries muss kurz überlegen, wieder fährt sie mit den Händen durch die Luft, suchend, tastend. "Etwas, das ich manchmal gar nicht fassen kann. Das kann ein innerer Konflikt sein, äußere Umstände, manchmal auch nur ein einziger Satz". Dieses Etwas müsse nichts mit ihrer eigenen Lebensrealität zu tun haben. Daumen und Zeigefinger schnappen zusammen: "Es muss mich berühren, Reibung erzeugen, mich neugierig machen".

In den vergangenen Jahren hat Fries viele komplexe Frauenfiguren und extreme Charaktere gespielt. Die Überlebende eines Amoklaufs in Staudamm, die Freundin eines Mannes, der gerade sein Coming-Out hatte in Romeos. Mit einigen dieser Frauen hat sie etwas gemeinsam: Eine gewisse Kompromisslosigkeit; die Bereitschaft bis zum Äußersten zu gehen. In Und morgen Mittag bin ich tot spielt sie die Mukoviszidose-Erkrankte Lea, die darum kämpft, das Ende ihres Lebens selbst bestimmen zu dürfen. Für den Film hat Fries zehn Kilo abgenommen und ein halbes Jahr lang Betroffene begleitet. Eine der Patientinnen habe ihr gezeigt, was passiert, wenn sie keine Sauerstoffmaske nutzt. Schleim füllt die Lunge und schnürt die Luft ab. Langsames Ersticken.

Das habe Fries emotional sehr mitgenommen, aber auch angespornt, alles zu geben. Sie wollte mit ihrer Rolle vor Betroffenen bestehen können. Zur Vorbereitung rannte sie Treppen hoch und runter und atmete dabei durch einen Strohhalm. Das ist in etwa der Anspruch, den sie an sich selbst stellt. Und um ihm gerecht zu werden gibt sie alles, geht an ihre Grenzen. Sie lernt sich in jeder Rolle neu kennen - und wird von der Öffentlichkeit immer wieder neu entdeckt. Und immer wieder als Nachwuchshoffnung gehandelt.

So wie in Babylon Berlin. Dort spielt sie die Rolle der Stenotypistin Charlotte Ritter, die im Berlin der 20er Jahre zusammen mit Kommissar Gereon Rath Mordfälle löst. Eine Traumrolle, wenn man in Pankow aufgewachsen ist. Das Gefühl dieser Zeit hat sie dieses Mal aus Büchern aufgesogen. Ein Überbleibsel aus ihrem Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft, das sie abgebrochen hat, weil sie einfach zu viele Rollen bekam.

Für die Figur der Charlotte Ritter hat sie Werke von Schriftstellerinnen der 20er-Jahre gelesen. Das kunstseidene Mädchen von Irmgard Keun und Alles ist Jazz von Lili Grün. In Letzterem reflektiere sich die Protagonistin selbst, wischt die Gedanken dann wieder weg und macht weiter. "Das wollte ich für Charlotte Ritte auch. Deshalb habe ich zusammen mit den Regisseuren eine eigene Textpassage geschrieben, die es dann auch tatsächlich in die zweite Staffel geschafft hat". Fries klingt überrascht, wenn sie das sagt.

Fries kann die Gedanken nicht immer so leicht wegwischen. Sie sucht auf jede Frage eine Antwort. Und es sind ziemlich viele Fragen, die sie sich stellt. Schließlich könne jedes Detail am Set wichtig sein. Wie halte ich das Wasserglas in der Szene? Oder steht es auf dem Tisch? Jede Handlung sage etwas aus. Jeder Blick kann eine Antwort bedeuten. Ihr Schauspielkollege Volker Bruch, der den Kommissar Gereon Rath spielt, sagt es so: "Liv will und muss alles verstehen, damit sie sich dann am Set bedingungslos der Szene hingeben kann. Dann kann man sich als Partner von ihr überraschen lassen, bis man am Ende völlig vergisst zu spielen. Das ist das Beste, was einem passieren kann". Fries mag die Rolle der Charlotte Ritter. Weil sie getrieben sei von der Suche nach Wahrheit: "Charlotte Ritter löst zwar Kriminalfälle, aber eigentlich ist s ie auf der Suche nach sich selbst". So wie Fries.

Bevor sie geht sagt sie noch, dass sie zwar auf der Suche sei, aber eigentlich doch ziemlich zufrieden mit sich und überhaupt. Gerade laufe es ganz gut. Aber wer weiß, das könne sich auch alles ändern, schließlich sei viel Glück dabei gewesen.

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