"Little Women" im Kino:Frauen sind auch richtige Menschen!

Filmstill

Vier Schwestern auf dem Weg ins Leben: Emma Watson, Florence Pugh, Saoirse Ronan und Eliza Scanlen (von links) in "Little Women".

(Foto: Sony)
  • Die Romanverfilmung "Little Women", die zweite Regiearbeit nach ihrem Erfolg "Lady Bird" von Greta Gerwig, wurde mit Spannung erwartet.
  • Leider lässt Gerwig zu oft aufsagen, was gezeigt werden muss, der Film droht, in die Schmonzette abzurutschen. Dabei würden die Schauspielerinnen eigentlich überzeugen.

Von Juliane Liebert

Greta Gerwigs "Little Women" ist wie eine von diesen Postkarten mit motivierenden Zitaten, die man von Bekannten bekommt. "Wege entstehen dadurch, dass man sie geht." Dazu ein schönes, aber etwas zu kitschiges Meerfoto. Rückseite: "Ich glaube an dich!" Man kriegt so was, ist ein wenig gerührt, leicht peinlich berührt, aber man kann die Karte nicht wegwerfen, weil sie offenbar mit so viel Liebe und in bester Absicht erstellt wurde. Ist so eine Karte einmal da, wird man sie nie wieder los. Auf der Postkarte, die Greta Gerwigs "Little Women" ist, steht in sehr hübscher Schreibschrift: "Frauen sind auch richtige Menschen!"

Es ist die etwa hundertste Verfilmung des (besonders in den USA) berühmten Buches von Louisa May Alcott. Vier Schwestern finden kurz nach dem Bürgerkrieg ihren Weg ins Leben. Nach dem Erfolg von "Lady Bird" wurde das zweite Regiewerk von Greta Gerwig mit Spannung erwartet und sahnte direkt sechs Oscarnominierungen ab. Nicht zuletzt dank Starbesetzung - neben Saoirse Ronan und Timothée Chalamet, die schon in "Lady Bird" mitspielten, sind unter anderem Emma Watson, Meryl Streep und Florence Pugh dabei. Der Film wird weithin als klug und feministisch gefeiert. Dass Gerwig keine Nominierung als beste Regisseurin erhalten hat, löste allgemein Empörung aus.

Dabei gibt es so einiges, das gegen den Film spricht. Vor allem ist er schon fast schockierend kitschig. Gerwig hat Haarspray am Set verboten, damit die Haare der Schauspielerinnen schön weich und natürlich fallen. Stets voll, vom Wind verweht, immer adrett. In goldenem Licht gleiten die vier Frauen durch ihre feministischen Nöte, und man fragt sich, warum der Inhalt sich so gar nicht in der Form ausdrückt.

Wer von dem Hype um Greta Gerwig nichts weiß, sieht eine in Schönheit schwelgende Schmonzette

Gerwig hat versucht, den Stoff des Romans zu aktualisieren. Sie legt den Fokus auf die Widerstände, denen sich die Frauen stellen müssen, auf ihre jeweiligen Eigenheiten, Talente und Zweifel. In einer Zeit, in der Ehe die einzige Perspektive für eine Frau war, gab es da so einige. Aber die Feminismusmonologe klingen deplatziert, wie auswendig gelernt. Frauen, die zu einem nervtötenden Klischeefilmscore in Kostümen emanzipatorische Tweets des 21. Jahrhunderts aufsagen? Die Worte passen nicht in das schnörkelige Dekor. Und weil die Kostümfilmästhetik ganz ungebrochen ist, wirkt es so, als würden sich Cowboys in Hashtags unterhalten.

Zudem sind die nicht aus dem Buch übernommenen Dialoge übertrieben explizit. Eine Schauspielerin wie Saoirse Ronan kann die tiefen Konflikte ambitionierter Mädchen in dieser Epoche eigentlich mühelos in ihrem Spiel transparent machen, in "Lady Bird" steckte ihre Lebendigkeit den ganzen Film an - sie muss sie nicht mit Slogans erklären. Auch hier macht es noch Vergnügen, ihr (und auch Florence Pugh) zuzusehen. Aber "Lady Bird" hat es ganz gut hinbekommen, den emotionalen Überschwang als Teil des Erwachsenwerdens zu erzählen. In "Little Women" entkoppeln sich Form und Figuren. Zudem vermittelt Timothée Chalamet in jeder Sekunde den Eindruck, dass er sich für den geilsten Typen auf diesem Planeten hält. Vermutlich ist das seine hervorstechende Eigenschaft, aufgrund derer ihm so eine besondere Präsenz zugeschrieben wird. Er war in "Lady Bird" schon anstrengend, aber da konnte man noch sagen, okay, er soll halt ein blasiertes Arschloch spielen. Nach diesem Film ist nun klar, dass er selbst als Bambi noch wie ein blasiertes Arschloch wirken würde.

In der Schlüsselszene des Films klagt Jo (Saoirse Ronan) ihrer Mutter ihr Leid: "Frauen haben Gehirne, sie haben Seelen, und nicht nur einfach Herzen. Frauen haben Ambitionen, und sie haben Talent, genauso wie Schönheit. Ich hab es so satt, wenn die Leute sagen, dass Liebe das Einzige ist, wozu eine Frau fähig ist, ich hab es so satt!" Im Trailer endet ihr Monolog bezeichnenderweise an dieser Stelle, im Film fügt sie hinzu, "... aber ich bin so einsam". Wohl zu viel Ambivalenz fürs Marketing.

Wenn man das sehen würde, ohne irgendwas über den Film zu wissen - vom Hype um Greta Gerwig, den Oscarnominierungen -, würde man eine in Schönheit schwelgende Schmonzette erwarten. Wobei man natürlich gerechterweise sagen muss, dass schon Dutzende ähnlich überzuckerte Filme von und/oder über Männer mit Oscars überhäuft wurden.

Man müsste herzlos sein, um sich vom oft hervorragenden Schauspiel der Darstellerinnen und der Zuträglichkeit der Familienszenen nicht rühren zu lassen. Der Film ist stellenweise sehr witzig und liebenswert. Aber Greta Gerwig lässt zu oft aufsagen, was gezeigt werden muss. Und wer in Familienharmonie schwelgen möchte, kann auch einfach mal wieder seine Mama anrufen. Sie hat schon seit Weihnachten nichts mehr von einem gehört. Die arme Frau.

Little Women, USA 2019 - Regie und Buch: Greta Gerwig. Kamera: Yorick Le Saux. Musik: Alexandre Desplat. Mit Saoirse Ronan, Emma Watson, Florence Pugh, Eliza Scanlen, Laura Dern, Timothée Chalamet, Meryl Streep. Sony, 135 Minuten.

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