Little Britain Teetrinken statt blöken

Frisch aufgebrühter Tee mit Milch, keine Wartezeiten und lebenslange Freundschaften: Die britischen Postfilialen sind Orte paradiesischer Entspannung. Dagegen muten die Geschichten aus den Postämtern der Heimat recht phantasievoll an. Dort geht es definitiv schlimmer zu!

Von Christian Zaschke, London

In Londoner Postfilialen servieren sie den Menschen in der Warteschlange frisch gebrühten Earl Grey mit Milch und wehen ihnen mit Palmwedeln kühlende Luft zu. Der Filial-Entertainer erzählt zum Zeitvertreib sehr gute Witze. Ruckzuck ist man an der Reihe und schließt mit dem Schalterbeamten und sämtlichen Kunden lebenslange Freundschaften, welche allabendlich im Pub gepflegt werden. Dort erzählt man sich bei ausgesuchten Getränken Anekdoten aus Postfilialen in aller Welt.

Das ist Tee. In deutschen Postfilialen soll es den nicht geben.

(Foto: Catherina Hess)

Zum Beispiel diese: Zu Besuch in Deutschland. Berlin, schnell noch zur Post am Bahnhof Friedrichstraße. Samstags bis zehn Uhr abends auf, unglaublich, und nicht mal eine lange Schlange. Ziemlich viele Touristen unterwegs, die sich den ortsüblichen Touristenbeschäftigungen widmen: im Weg rumstehen, fotografieren, Currywurst essen.

Als Frauen verkleidete Männer feiern einen Junggesellenabschied, indem sie andere Männer brüllend anflirten, eine Gruppe Spanier bahnt sich auf Fahrrädern den Weg über den Bürgersteig. Beim Juwelier und Uhrenhändler findet "nach einem motorisierten Einbruchsversuch" Rabattverkauf statt. Gar nicht mal so schlechte Stimmung in Berlin.

In der Post geht es nicht sonderlich schnell voran, aber was soll's. Früher hing in solchen Filialen gern ein Schild mit dem Spruch "Ich bin hier auf der Arbeit, nicht auf der Flucht". Aber das war früher.

Als ich an der Reihe bin, frage ich, wie ich diesen Brief möglichst schnell nach England schicken könnte. Die Postfrau schaut mich an, als hätte ich gesagt: "Na, die Frisur hat dir aber deine dreijährige Tochter verpasst, was?"

Sie bellt etwas von einem Eilbrief für über 40 Euro, der dann am Donnerstag da wäre. "Heute ist Samstag", sage ich. Die Postfrau schaut mich an, als hätte ich gesagt: "Dein Gesicht und mein Arsch könnten gute Freunde werden." Das ist ein Spruch aus der Zeit, als in den Büros die Auf-der-Flucht-Schilder hingen.

"Geht es vielleicht schneller mit DHL?" frage ich. "DHL", schnaubt die Postfrau. "Genau", sage ich lächelnd. Hatte ich mal in der Werbung gesehen, dass DHL ziemlich gut sein muss. "DHL ist das Transportunternehmen der Post", knarzt die Frau, "da könnte auch Max Müller draufstehen." "Gibt es noch eine andere Möglichkeit?" frage ich vorsichtig. "Danach haben Sie mich nicht gefragt", blökt die Postfrau, "Sie haben gefragt, was das Schnellste ist."

Herrliche Geschichte, finden die Londoner Postfreunde im Pub, und so phantasievoll: Denn dass es in Deutschland Postfilialen ohne Tee geben soll, haben sie mir natürlich nicht abgekauft.