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Little Britain:Haste länger was von

Nicht schlecht, dieser Roman: Die Russen haben offenbar einen Agenten in England platziert. Zu gern wüsste man, wie das wohl ausgeht. Dazu müsste man allerdings in die richtige Richtung lesen.

Christian Zaschke, London

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John-le-Carré-Roman: Wo werden hier noch Zigaretten geraucht und wo schon Argwohn verbreitet?

(Foto: iStockphoto)

Seit einigen Wochen lese ich mich rückwärts durch einen Roman von John le Carré. Ich hatte das Buch eines Sonntags aus dem Regal genommen, wo es betont unauffällig herumstand, und mich, da es recht unterhaltsam war, gleich bis in die Mitte vorgearbeitet.

An den Tag kann ich mich gut erinnern, weil es ohne Unterbrechung regnete. Zwar regnet es in London nicht direkt selten, aber fast niemals ununterbrochen. Selbst wenn es draußen so aussieht, als habe Gott die Nase endgültig voll von der Menschheit und flute die Erde ein zweites Mal, kann man sich ziemlich sicher sein, dass es drei Stunden später wieder trocken ist.

An diesem Sonntag aber trommelte der Regen so unaufhörlich auf die Scheiben, dass ich kurz hoffte, er würde sogar den faustgroßen Fleck Vogelscheiße auf dem Schlafzimmerfenster wegspülen, doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Der Vogelscheißfleck verlor nicht das kleinste bisschen an Substanz, und das ist im Grunde auch okay so.

Ich habe mich längst an den Fleck gewöhnt und würde ihn womöglich sogar vermissen. Da sich das Fenster nach außen öffnet, kann ich ihn nicht selbst wegmachen, und ich werde sicherlich nicht auf das Dach klettern, um ihn abzukratzen. Seit ich die Altersregion des mittelalten Sacks erreicht habe, ist mir die beherzt-dumme Furchtlosigkeit des jungen Mannes abhandengekommen. Ich kriege schon Höhenangst, wenn ich auf einen Stuhl steige, um eine Glühbirne zu wechseln.

Während es an diesem Sonntag also ununterbrochen regnete, las ich Seite um Seite. Um vier Uhr musste ich das Licht anschalten, und es gibt bekanntlich nichts Gemütlicheres, als an einem hoffnungslos verregneten Sonntagnachmittag bei warmem Licht einen Unterhaltungsroman zu lesen.

In dem Buch geht es um den britischen Geheimdienst in den Siebzigerjahren: Die Briten finden heraus, dass die Russen einen Agenten bei ihnen eingeschleust haben, wovon sie nur mäßig begeistert sind. Da sie aber nicht wissen, wer der Schurke ist, rauchen sie erst mal reichlich Zigaretten und verbreiten anschließend jede Menge Argwohn. Oft regnet es in dem Buch, aber niemals ununterbrochen. Kurzum: Es ließ sich gut an.

Leider kam ich erst einige Tage später dazu, das Buch weiterzulesen. Ich schlug es abends im Bett auf und blätterte einige Seiten zurück, um den Anschluss zu finden. Dann schlief ich sehr rasch ein. Am nächsten Abend blätterte ich noch etwas weiter zurück, weil ich mich an nichts erinnern konnte, bzw. nicht mehr genau wusste, wo noch Zigaretten geraucht und wo schon Argwohn verbreitet wurde. Wieder schlief ich beim Lesen ein. So geht es seither jeden Abend, und wenn ich so weitermache, müsste ich mich in drei bis vier Wochen wieder an den Anfang vorgearbeitet haben.

© SZ vom 06.10.2012/vks/pak

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