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Little Britain:Das schönste Hasenlächeln der Welt

Herrliches, rätselhaftes Brighton: Fische nagen einem gegen Gebühr die Hornhaut von den Füßen. Nirgends ist die Auswahl an hübschen Türgriffen größer. Und die Touchscreens der örtlichen Fahrkartenautomaten reagieren auf Berührung allergisch.

Christian Zaschke, London

Diamond Jubilee - Street Parties

Der Brighton Pier: Er ist gewöhnungsbedürftig, aber richtig schlimm ist er nicht. 

(Foto: Getty Images)

Wenn der Zug aus London in Brighton einfährt, ächzt und knarzt er, als wäre er aus morschem Holz gebaut. Auf den letzten paar hundert Metern bewegt er sich in Schrittgeschwindigkeit. Rechts erhebt sich ein Hügel, der sicherheitshalber zubetoniert wurde. Links steht eine hässliche Mauer angelegentlich in der Gegend herum, als wollte sie sagen: "Schau, wie hässlich ich bin. Wenn's dir nicht passt, kannste ja auf den zubetonierten Hügel gucken."

Schließlich eröffnet sich der Blick auf einen schmucklosen Kopfbahnhof, der mal wieder gefegt gehört. Hie und da sind Fahrschein-Automaten hingetupft, vor denen bemerkenswert schlecht gelaunte Menschen mittellange Schlangen bilden. Na, dachte ich, milde gestimmt, gibt doch keinen Grund, wegen einer mittellangen Schlange gleich schlechte Laune zu kriegen.

Brighton ist ein hübscher Ort, den die Touristenströme auf wunderbare Weise nicht kaputtgekriegt haben. Gut, der Brighton Pier ist gewöhnungsbedürftig, aber richtig schlimm ist er nicht. Es handelt sich um einen monströsen Steg, der mit einer ausgewogenen Mischung aus Spielhallen, Fish-&-Chips-Buden, Restaurants und Karussells bebaut ist. Ganz am Ende steht sogar eine kleine Achterbahn, die lauter ächzt und knarzt als der Zug aus London.

Auf Hinweisschildern werden die Besucher ermahnt, beim Aufsuchen eines Restaurants doch bitte unbedingt Oberbekleidung zu tragen. In einem Planwagen residiert eine Tarot-Kartenleserin. Wenige Meter weiter findet sich der Pediküre-Salon, in dem man seine Füße in ein Wasserbecken hält und sich von sehr kleinen Fischen die Hornhaut abnagen lässt. 15 Minuten Nagen à zehn Pfund. In der Innenstadt von Brighton lässt es sich aufs trefflichste einkaufen, insbesondere wenn man Spazierstöcke, Briefkästen, Türgriffe oder Langspielplatten aus den Siebzigern sucht.

Als ich nach zwei Tagen leider abreisen musste, bemerkte ich, dass die Touchscreens der Fahrscheinautomaten auf Berührung entweder allergisch oder gar nicht reagieren. Ein Automat schluckte meinen 20-Pfund-Schein, gab ein schredderndes Geräusch von sich und tat dann so, als sei nichts. Umgehend stieg eine bemerkenswert schlechte Laune in mir auf. Zum Glück eilte nach einigen Minuten eine uniformierte Frau mit blond gefärbtem Haar und einem sagenhaften Überbiss herbei. "Ach, Love", rief sie, "hat er wieder einen Schein gefressen?" Ich nickte. Sie öffnete zwei Sicherheitsschlösser, friemelte meinen zerknüllten Schein aus dem Inneren des Automaten und sagte mit dem freundlichsten Hasenlächeln der Welt: "Zwanziger mag er am liebsten." In diesem Moment machte sich auf Gleis 7 mein Zug daran, gen London zu knarzen.

© SZ vom 29.09.2012/ihe
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