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Literaturwissenschaft:Unsichere Enklaven

Russian cadets commemorate 18th century Russian General Alexander

Russische Kadetten beim Denkmal für den russischen General Alexander Wassiljewitsch Suworow, im Herzen der Schweiz

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine Modelleisenbahn kann im Roman eine exakte Kopie der Wirklichkeit sein und dennoch erfunden: Thomas Strässle begibt sich in die Grauzonen zwischen "Fake und Fiktion".

Von Daniel-Pascal Zorn

Wussten Sie, dass ein kleiner Teil der Schweiz gar nicht in der Schweiz, sondern in Russland liegt? Das Suworow-Denkmal, im Jahr 1899 gestiftet zu Ehren des russischen Generals Alexander Wassiljewitsch Suworow, liegt nördlich von Andermatt, unweit der Einfahrt zum Gotthardtunnel. Im Herbst 1799 stießen die Russen bis zum Gotthard vor und trafen an der Teufelsbrücke auf die Soldaten Napoleons. In der Schöllenenschlucht starben Hunderte. Später führte Suworow seine Armee nach verlustreichen Kämpfen über sieben Alpenpässe in Richtung Heimat und wurde so zum Helden.

Das in den Felsen gehauene Denkmal, das an ihn erinnert, ist russisches Staatsgebiet. So behauptet es jedenfalls Thomas Strässle in seinem Buch "Fake und Fiktion": Das Suworow-Denkmal sei "eine russische Enklave im militärischen Herzen der Schweiz, bis heute Eigentum des russischen Staates." Diese etwas dramatisch formulierte Aussage würde man überlesen, stünde sie nicht in einem Buch, das die Frage aufwirft, was Fakten, Fiktion und Fake voneinander unterscheidbar macht.

Noch verdächtiger ist der Kontext, in dem sie sich findet. Strässle analysiert unter den Titeln "merging" und "schleifende Schnitte" Erzähltechniken, in denen Fakten und Fiktionen, Fakten und Fakes nahezu ununterscheidbar miteinander verschnitten werden. "Das ist ... eine beliebte Technik aller, die eine Täuschungsabsicht verfolgen, indem sie Wissens- und Informationsbestände unterschiedlicher Herkunft und aus unterschiedlichen Kontexten so miteinander vermengen, als würden sie gleichursprünglich zusammengehören." Dabei ist, so Strässle, entscheidend, "dass die Übergänge zwischen den heterogenen Bestandteilen unkenntlich gemacht werden und am Ende nicht mehr entscheidbar ist, was aus welcher Quelle kommt."

Der Satz über die russische Enklave in der Schweiz findet sich in einer Anekdote über den Schriftsteller Hermann Burger. Ein deutscher Regisseur wollte dessen Roman "Die Künstliche Mutter" verfilmen und war von der dort geschilderten Modelleisenbahn in einer Kirche, welche die Umgebung dieser Kirche maßstabsgetreu nachbildete, so nachhaltig beeindruckt, dass er sie sehen wollte. Der Autor musste ihn enttäuschen, die Eisenbahn war eine Fiktion. Weiter oben könne er aber das Suworow-Denkmal filmen, "eine russische Enklave im militärischen Herzen der Schweiz, bis heute Eigentum des russischen Staates." Der Regisseur glaubte ihm nicht und hielt auch das für eine Fiktion.

Darf eine Reportage fiktive Elemente enthalten? Muss sie es nicht sogar?

Die Verwirrung um das Denkmal überträgt sich von Strässles Buch auf den Leser. Handelt es sich um einen Satz, der in die Erzählung eingebettet ist? Oder berichtet der Autor Strässle von einem Faktum, von dem der Autor Burger berichtet, was ihm der deutsche Regisseur aber nicht glaubt? Ein Anruf bei der Touristeninformation in Andermatt bringt kein klares Ergebnis. Man wisse es nicht, aber man solle mal den Experten im Dorf anrufen. Gesagt, getan - die Information lautet: Es handelt sich um russisches Staatsgebiet. Bereits im Herbst 2007 aber hat ein aufmerksamer Leser der Neuen Zürcher Zeitung das gerade verneint: Es liege "ein heute als Privateigentum zu verstehendes zivilrechtliches Verhältnis zugunsten der Russischen Föderation vor. Hoheitlich, also nach öffentlichem Recht und Völkerrecht, bleibt der Standort Urner und damit Schweizer Boden." Die Frage bleibt unentschieden.

Sie führt zurück zu dem schwierigen Verhältnis von Fakten, Fiktionen und Fakes, das Strässle aus verschiedenen Perspektiven in den Blick nimmt. Ausgangspunkt ist die narratologisch unklare Unterscheidung zwischen Fiktion und Fake, die auch in aktuellen Debatten um journalistische Neutralität eine Schlüsselrolle spielt. Die Affäre um Claas Relotius etwa wird von genau dieser unklaren Unterscheidung bestimmt: Darf eine Reportage fiktive Elemente beinhalten? Muss sie es nicht sogar, damit sie sich von der Textform des Berichts unterscheidet? Wie verhalten sich Perspektive des Reporters und Fiktion zueinander? Ist jede Fiktion ein Fake? Oder gibt es Formen der Fiktionalisierung, welche die Wirklichkeit nicht verfälschen, sondern sie sogar ausmachen?

Der vorherrschenden Neigung, die Wirklichkeit allzu simpel nach dem Schema von "wahr oder falsch" zu beurteilen - Strässle nennt das die "Ausweitung des Tinder-Denkens" -, stellt er in elf Kapiteln die kritische Analyse gegenüber. Das gelingt besonders dann, wenn Strässle auf Geschichten wie die von der Modelleisenbahn und dem Denkmal zurückgreifen kann.

Über Beispiele aus der Literatur und ihrem Spiel mit Fakten und Fiktionen wird auf diese Weise das Spiel zwischen Fake und Fiktionen verdeutlicht, etwa mit Peter Bichsels Kindergeschichte "Amerika gibt es nicht". Darin behauptet ein Hofnarr, er würde ein Land entdecken, wird ausgelacht und versteckt sich einige Zeit im Wald. Er kommt wieder und verkündet, er habe das Land gefunden. Ein Seefahrer will wissen, wie er zu diesem Land kommt, und der Hofnarr antwortet: "Sie fahren ins Meer und dann immer geradeaus, und Sie müssen fahren, bis Sie zu dem Land kommen, und Sie dürfen nicht verzweifeln." Als der Seefahrer wiederkehrt, fürchtet der Hofnarr, dass seine Lüge auffliegt.

Strässles Buch zeigt, warum Fake und Fiktion keineswegs gleichzusetzen sind

Aber der Seefahrer bestätigt die Behauptung des Hofnarren. Der Seefahrer heißt Amerigo Vespucci, nach ihm wird das Land "Amerika" getauft. Der Hofnarr heißt Columbin und erhält vom König nach seiner "Entdeckung" einen neuen Namen: Christopher Kolumbus. Doch was, wenn auch Vespucci sich einfach einige Zeit im Wald versteckt hat? Bichsels Geschichte erteilt die Lektion, dass beide Lügner sein könnten, Columbin und Vespucci: "Solange die beiden 'Entdecker' einander decken, ist ihrer Wahrheit nichts entgegenzuhalten." Wir kennen dieses Phänomen heute in Form der "Filterblase": Solange alle einander bestätigen, gibt es keinen Grund, das gemeinsam Geglaubte infrage zu stellen.

Wenn solch gehaltvolle Geschichten den Schwerpunkt einer Darstellung ausmachen, wirkt auf der anderen Seite die systematische Verarbeitung der gewonnen Erkenntnisse oft aufgesetzt. So beginnt Strässle sein Buch mit wenig ertragreichen etymologischen Überlegungen zum "Fake" und möchte über die Darstellung des Phänomens, der Verstrickung von Fakten in Fiktion und Fakes hinaus eine systematische narratologische Definition des Fakes leisten.

Das ist dort nicht überzeugend, wo allzu verkürzte Ausflüge in die Philosophie unternommen werden. Begriffe wie "Suggestion" oder "Identifikation" bleiben blass, weil sie die zentralen Phänomene nur benennen, aber nicht erklären. Wenn etwa die "Suggestion" darin besteht, "eine schon im Bewusstsein vorhandene und eine neu hinzukommende Vorstellung so miteinander zu verbinden, dass die oder der Betreffende es nicht merkt", kommt es darauf an, die Art und Weise dieser Manipulation zu beschreiben. So bleibt die über Anekdoten geleistete Phänomenologie hinter dem systematischen Anspruch zurück. Die "Identifikation" wiederum verweist in die Sozialpsychologie, wo entsprechende Ansätze, auch mit narratologischem Einschlag, vorliegen. Mehr Verweise in diese Richtung wären wünschenswert gewesen.

Was Strässles Buch aber leistet, ist eine durchgehende Problematisierung der Begriffe, mit denen wir oft allzu selbstverständlich hantieren. Wann ein Faktum, wann ein Fake vorliegt und warum Fake und Fiktion keinesfalls gleichzusetzen sind, weil gerade Fiktionen das zeigen können, was der Fake verschleiern muss - solche Fragen beantwortet man nach der Lektüre von Fake und Fiktion nicht mehr mit dem Tinder-Denken von "wahr oder falsch", "hier oder da". Man denkt darüber nach und ruft in Andermatt an, ob die Schweiz wirklich eine russische Enklave besitzt. Es ist das größte Lob für ein Buch, wenn es seine Leser nicht nur überzeugt, sondern zum Handeln bewegt.

Thomas Strässle: Fake und Fiktion. Über die Erfindung von Wahrheit. Carl Hanser Verlag, München 2019. 96 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 05.04.2019
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