Literaturverfilmungen Buch als Beute

Literatur dient häufig als Vorlage für Kinofilme oder Theaterstücke. Der britische Verlegerverband hat untersuchen lassen, wie viele Verfilmungen es gibt und ob sie sich auf Besucher- und Verkaufszahlen auswirken.

Von Martina Knoben

Wenn Literaturverfilmungen gelungen sind, vergisst man schnell, dass sie Literaturverfilmungen sind. Ein berühmtes Beispiel ist "The Shining" von Stanley Kubrick nach dem gleichnamigen Roman von Stephen King. Auch Christian Petzold nimmt für seinen aktuellen Film "Transit" das Buch von Anna Seghers mehr als Humus denn als Fahrplan. Und bei einem Thriller wie "Red Sparrow" von Francis Lawrence oder Paul Verhoevens "Elle" lässt sich die Vorlage sogar leicht übersehen, so sehr überstrahlt die Starpower - Jennifer Lawrence, Isabelle Huppert - die Bücher.

Ein Hinweis des britischen Verlegerverbandes ist da womöglich hilfreich, der - nicht ganz uneigennützig - die Bedeutung von Buchvorlagen für Filme, Fernsehsendungen und Theaterstücke unterstreicht. Die Publishers Association (PA) hat laut dem Magazin The Bookseller eine Studie in Auftrag gegeben, die besagt, dass Filme nach Büchern weltweit 53 Prozent mehr - nämlich 91 Millionen Dollar - an den Kinokassen eingenommen haben als Filme, die nach Originaldrehbüchern entstanden; in England waren es 44 Prozent mehr (5,4 Millionen Pfund). Der - nicht ganz überraschende - Schluss, den die Autoren der Studie daraus ziehen, ist, dass Filme von der Hebelwirkung populärer Vorlagen profitieren können. Bestseller haben ihr Publikum schließlich schon gefunden.

Dem kann man nicht widersprechen. Vor allem beim Kinderfilm ist diese Hebelwirkung so bekannt, dass bevorzugt Klassikeradaptionen groß herauskommen; Drehbuchautoren und Produzenten mit Originalstoffen haben es dagegen sehr schwer. Und die Comicverfilmungen im Blockbusterkino - auch sie zählen als Literaturverfilmungen - sind zur regelrechten Plage geworden. Weil die Studios bei ihren Großproduktionen auf Nummer sicher gehen wollen, riskieren sie nichts Neues.

Die gute Nachricht, die die Verleger der Studie entnehmen: Filme nach Buchvorlagen tendierten dazu, eine "reichere, ausgereiftere Geschichte" zu erzählen. Welche Literaturadaptionen damit gemeint sind, ob es dieselben sind, die die hohen Gewinne machen, erfährt man leider nicht. Vielleicht hilft ein Blick auf die Zahlen des vergangenen Kinojahres: Unter den weltweit umsatzstärksten zehn Filmen finden sich die Comic-Literatur-Verfilmungen "Spider-Man: Homecoming", "Guardians of the Galaxy Vol. 2", "Thor: Ragnarok" und "Wonder Woman"; in den deutschen Charts taucht außerdem das Sadomasodrama "Fifty Shades of Grey" auf.

Ob man das als Triumph des gedruckten Wortes empfindet, ist Geschmackssache. Virginia Woolf jedenfalls hasste Literaturverfilmungen; sie verglich den Film mit einem "Parasiten", der von der "Beute" Literatur lebt.