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Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer:Auf unsicherem Terrain

Nadine Gordimer

Nadine Gordimer auf einem Archivbild, aufgenommen im Jahr 1980.

(Foto: AFP)

Wege aus dem dunklen Geflecht der Zugehörigkeiten: Im Alter von 90 Jahren ist die südafrikanische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer gestorben.

Von Thomas Steinfeld

Es ist zwar häufig und gern davon die Rede, dass eine Frau "stark" sei. Aber als Kompliment ist dieses Wort zweifelhaft. Denn "stark" ist eine Eigenschaft, die es eigentlich nur in Verbindung mit etwas Konkretem gibt, mit der physischen Kraft etwa oder mit der nervlichen Belastbarkeit, vielleicht auch mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit anderen gegenüber. "Stark" als Attribut eines ganzen Menschen hingegen ist etwas Moralisches, das es nur in der Gestalt gibt, dass man einen anderen dazu beglückwünscht, ein ganz besonders gelungener Mensch zu sein.

Aber was sollte das sein, zumal man, um dieses Lob zu empfangen, immer gleichsam doppelt auftreten muss: der Mensch als Frau, der Mensch als Kämpferin für Menschenrechte, der Mensch als Anwältin der Unterdrückten? Oft ist über die südafrikanische Schriftstellerin Nadine Gordimer, die am Sonntag im Alter von 90 Jahren starb, gesagt worden, sie sei eine "starke" Frau. Zum Glück für ihre Leser, zum Glück vielleicht auch für sie selbst, war sie es sehr nicht - oder doch nur in dem Sinne, dass "stark" hier bedeutet, das Alleinsein ertragen zu können.

Eine Heldin gibt es in den Büchern von Nadine Gordimer, die das verfängliche Attribut schon im Namen trägt: Es ist Stark, die Protagonistin des Romans "Niemand der mit mir geht", Juristin in einer Stiftung, die sich während der Zeit der Apartheid gegen Zwangsumsiedlungen wehrte und nun versucht, zwischen den landlosen Schwarzen und burischen Farmern zu vermitteln. Und sie, die nicht nur "stark" ist, sondern auch noch die Wahrheit im Namen trägt, gerät, je weiter die Geschichte sich entwickelt, in ein dermaßen kompliziertes Geflecht aus moralischen Verpflichtungen und persönlichen Interessen, aus privaten Dilemmata und doppelbödiger Politik, aus Abhängigkeiten auf allen Seiten, dass ihr am Ende nichts als das eigene Ich bleibt - wobei sie weiß, was für eine verfängliche, unzuverlässige, möglicherweise korrupte Gestalt gerade dieses Ich ist. Der Haiku, dem sich der Titel dieses Romans verdankt, lautet so: "Niemand der mit mir geht auf diesem Pfad: Dämmerung im Herbst". Man sollte ihn nicht als sentimentale Anwandlung verstehen.

Ja, man kann ihre Schriften auch landeskundlich lesen

Dass auch dieser Roman, wie das gesamte literarische Werk von Nadine Gordimer, eine autobiografische Grundlage besitzt, liegt auf der Hand. Das war bei ihr von vornherein so, seitdem die im November 1923 in einer Grubenstadt bei Johannesburg geborene Schriftstellerin ihre ersten Erzählungen schrieb, als Fünfzehnjährige, was dann schnell zu einer literarischen Karriere in Südafrika führte. Geschichten - genauer: "short stories" schrieb sie von 1961 an auch für den New Yorker, und es waren die Publikationen in dieser Zeitschrift, die zur Grundlage wurden für ihren internationalen Erfolg als Autorin von Romanen: von "The Lying Days" ("Entzauberung", 1953) über "Occasion for Loving" ("Anlass zu lieben", 1963) bis "Burger's Daughter" ("Burgers Tochter", 1979).

Formal betrachtet, zeichnen sich diese Bücher alle durch eine stilistische Geradlinigkeit und Klarheit aus, die man zuweilen mit einer Klarheit auch in Fragen der moralischen Bestimmung verwechselt hat (das wäre dann schlecht für die Literatur gewesen). Inhaltlich sind all diese Bücher, ja ihre fünfzehn Romane insgesamt, bis hin zu "Keine Zeit wie diese" (2012), ihre Erzählungen und ihre autobiografischen Schriften an Südafrika gebunden - und ja, man kann sie gleichsam landeskundlich lesen, als sehr sorgfältige, sehr gründliche Einführungen in die politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse eines Landes, das länger als irgendein anderer moderner Staat an der rigorosen Trennung der Rassen festhielt.

Den Nobelpreis für Literatur, den sie im Jahr 1991 erhielt, bekam sie allerdings weder für ihre Rolle als moralisch und politisch aufrechte Aktivistin - auch wenn sie dafür viel persönliche Unbill hatte hinnehmen müssen und mehrere Bücher viele Jahre im eigenen Land nicht veröffentlicht werden durften. Die Auszeichnung empfing sie, weil sie, politisch wie literarisch, nie einen Hehl daraus machte, auf welch unsicherem Terrain sie sich bewegte, wie Hautfarbe, Klassenzugehörigkeit, Geschlecht und, ja, auch Bildung ein fast undurchschaubar kompliziertes, im Zweifelsfall immer dunkles Geflecht von Zugehörigkeiten und Wegweisungen bilden, aus dem allenfalls utopische Auswege möglich sind. Das Maß, in dem die Liebe, neben den Rassenkonflikten, das zweite wichtige Motiv in ihrem literarischen Werk bildet, ist unmittelbar Ausdruck dieses Ineinanders von Schattierungen und Wertungen - und wenn man auch einwenden könnte, dieses Motiv sei allzu probat, so ist die Liebe doch, literarhistorisch betrachtet, ein alter Esel, dem man einiges aufbürden kann, ohne dass er darunter litte.

In ihren vorletzten Romanen, in "The Pickup" ("Ein Mann von der Straße", 2001) und "Get a Life" ("Fang an zu leben", 2005), schien Nadine Gordimer die Politik beinahe verlassen zu haben. In ihrem letzten Buch aber erwies sich, dass die Hinwendung zum persönlichen Schicksal auch zu den vielen verworrenen Dingen gehörte, mit der sich diese Schriftstellerin ein Leben lang herumschlug - und zu denen die Geradlinigkeit und Klarheit gehörten wie die andere Seite derselben Medaille. "Keine Zeit wie diese" handelt vom heutigen Südafrika, und davon, dass es zwar die Apartheid als Staatsverfassung nicht mehr gibt, sich aber alle Gewinne der Geschichte als prekäre Angelegenheiten offenbaren. Auswandern möchte daraufhin der männliche Held dieser Geschichte, wie die Heldinnen früherer Romane von Nadine Gordimer. Dass auch dieser Weg eine Flucht ist, und eine prekäre dazu - das Wissen darum machte Nadine Gordimer nicht nur zu einer wichtigen, sondern auch zu einer bedeutenden Schriftstellerin.

© SZ vom 15.07.2014/mkoh

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