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Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano:Aus Büchern und Zeitungen zusammengetragen

Der 1945 in Paris geborene Modiano, der sich manchmal als "Halbjude und Halbflame" bezeichnet, um die Wurzellosigkeit seiner Herkunft auszudrücken, liefert den Gegenentwurf zur aktuellen Sondierungsliteratur, die über persönliche Erinnerung allgemeine Vergangenheitsfetzen ans Licht bringen will. Alles ist bei ihm zwar aus persönlicher Erfahrung eingefärbt, aber aus Dokumenten, Büchern, Zeitungsausschnitten zusammengetragen und kunstvoll zusammengefügt. Sein Arbeitszimmer in seiner Wohnung unweit des Pariser Jardin du Luxembourg ist eine bis zur hohen Decke reichende Bücherwelt aus bekannten und entlegensten Zeugnissen. Modiano ist ein Sammler im Sinne Walter Benjamins, doch sammelt er nicht Dinge, sondern Atmosphären, Stimmungen, Schwingungen am Punkt des Verhallens.

Nähere Aufschlüsse über den Zusammenhang zwischen seiner eigenen Biografie und seinen Büchern gab er 2005 in "Ein Stammbaum". Es war ein beinah stenografisch erzählter Lebensbericht seiner Kindheit und Jugend, der sich allerdings seinerseits schnell aufs Terrain des Spurenlesens begibt. Die hoffnungslos halbglücklichen Kinderjahre in der Wohnung des - damals noch gar nicht so noblen - Quai de Conti hinter dem Institut de France, hauptsächlich in Obhut der Großeltern aus Flandern, sporadisch anwesende Eltern, ein früh verstorbener Bruder und endlose Entdeckungszüge durchs intellektuelle Paris Sartres, Boris Vians, Raymond Queneaus: Alles ist faktisch richtig in diesem Bericht und bezeugt gleichzeitig das Bewusstsein einer radikal ungewissen Identität.

Wie Queneau, unter dessen weisendem Blick er in die Literatur hineinwuchs, "war ich nur wirklich ich selbst, wenn ich allein durch die Straßen ging", heißt es in "Ein Stammbaum", der alles andere ist als das.

Mit seiner Medienscheu, seiner Abneigung gegen alle nicht literarischen Verlautbarungen eines Schriftstellers und seiner flaneurhaften Konzentration aufs Werk - am häufigsten trifft man ihn auf der Straße und in Buchhandlungen - hat Patrick Modiano so gut wie keine Feinde in der französischen Literaturszene. Distanzierte oder aufrichtig bewundernde Anerkennung für ein fein ausgearbeitetes Werk waren denn auch, gemischt mit einiger Überraschung, die ersten Reaktionen im Land nach der Verkündung des Nobelpreises. Dass dieser eher untypische Autor den Sprung zur Weltberühmtheit schaffte, ließ die Menschen in den Redaktionen, Verlagen und Regierungskabinetten erst einmal kurz schlucken. Im Unterschied zu den französischen Nobelpreisvorgängern gab es am Donnerstagnachmittag in Paris keinen Wirbel um improvisierte Pressekonferenzen. Der Gekürte blieb vorerst stumm, die wahren Literaturfreunde freuten sich im Stillen, Rundfunk- und Fernsehanstalten mussten sich mit Archivaufnahmen vertrösten. Auch so kann ein großes Literaturereignis aussehen.

Lieferbar

Diese Bücher von Patrick Modiano sind derzeit auf Deutsch lieferbar:

Hanser: "Aus tiefstem Vergessen"; "Unbekannte Frauen"; "Place de l'Etoile"; "Im Café der Verlorenen Jugend"; "Der Horizont". In den nächsten Tagen erscheint "Gräser der Nacht".

Diogenes: "Catherine, die kleine Tänzerin".

Suhrkamp: "Straferlass", "Eine Jugend".

Besonders erfreulich ist der Nobelpreisentscheid auch für Modianos deutschen Verlag Hanser, der den Autor seit vielen Jahren ohne große Bestsellerträume beständig und sehr zeitnah zu den Originalausgaben herausbringt. Es kann geradezu exemplarisch genannt werden, wie hier ein Schriftsteller, von dem ein Verlag überzeugt ist, über die Jahre kontinuierlich auch in Deutschland Leser gewinnen konnte.

Nicht unwesentlich dabei ist auch seine Übersetzerin Elisabeth Edl, die ihr stetes Engagement mit Sachkompetenz und einem subtilen Verständnis für die feinen Nebenklänge in Modianos Schreiben verbindet. Solche Glücksfälle im Zusammenwirken von Autor, Verlag und Übersetzer über einen so langen Zeitraum hinweg sind eher selten. Das Nobelpreiskomitee wiederum erfüllt seine Rolle, indem es mitunter auch Autoren vom Rand in den Mittelpunkt stellt. In manchen Fällen war das in den vergangenen Jahren eher kurios. In Gestalt Patrick Modianos bedeutet es den Beweis, dass man auch ohne große Auftritte, Polemiken und Skandale mit Literatur Schlagzeilen machen kann - Schlagzeilen allerdings, die auch schnell wieder verblassen und dann guten Texten den Platz überlassen. An solchen ist beim diesjährigen Nobelpreisträger kein Mangel.

© SZ vom 10.10.2014/cag
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