Das Marcus-Evangelium

Wenn Bob Dylan eine Art Messias der Gegenkultur war oder ist, dann ist der heute 66-jährige Greil Marcus sein Apostel. Erst das geschriebene Wort des Letzteren lässt die Wunder des Ersteren so recht verstehbar werden, verleiht ihnen Dauer. Erst durch die gelehrte und feinsilbige Exegese des Schriftgelehrten vermögen wir die Tiefe des Mysteriums zu ahnen, welches sich in Songs wie "Froggy Went-A-Courtin'" oder "Man Gave Names To All The Animals" verbirgt. Nein, Ehre wem Ehre gebührt: dem Kollegen Greil Marcus ist das Schönste widerfahren, was einem Feuilletonisten zustoßen kann - er hat einen Protagonisten gefunden, an dessen Tun und Lassen er sein Steckenpferd, wann immer ihm danach ist, anpflocken darf. In Marcus' Fall ist dies das Nachsinnen über das Wesen der Freiheit des Individuums an einem seltsamen Ort, den USA. Und noch nicht genug damit, dass Dylan selbst Greil Marcus schon eingeladen hat, an seiner statt zu sprechen (in den Liner Notes zu den "Basement Tapes" etwa), nein, ganz offenkundig beeinflusst das Schreiben inzwischen die Musik und nicht nur umgekehrt. Seit Erscheinen der Dylan-Bücher "Basement Blues" (neu aufgelegt bei Rogner & Bernhard, Berlin 2011, 320 Seiten, 12,90 Euro), "Like A Rolling Stone" und der Essaysammlung "Bob Dylan by Greil Marcus", dessen Titel schon Bände spricht, ist das doch sehr idiosynkratische Tun dero Bobness in einen kulturhistorischen Kontext gestellt, dessen Schlüssigkeit Dylan selbst nicht mehr in Frage zu stellen scheint und brav nach Marcus' Bild seiner selbst weiterwurstelt.

Im Bild: Bob Dylan und Papst Johannes Paul II., 1997 Von Karl Bruckmaier

Bild: AP 13. Oktober 2016, 14:422016-10-13 14:42:38 © SZ am Wochenende vom 21./22. Mai 2011/rus/doer