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Literaturnobelpreis:Körper ohne Ehre

In der schwedischen Akademie fliegen weiter die Fetzen. Die Mitglieder werfen sich wüste Anschuldigungen an den Kopf, weitere Enthüllungen werden folgen. Wie es nun mit dem Literaturpreis weitergehen soll, ist offen.

Die schwedische Akademie sei wie ein Krug, erklärte am Dienstag ein Kulturjournalist in Stockholm. Nun sei er zerbrochen, und alles fließe heraus. Am Freitag hatten, wie berichtet, drei Mitglieder der Akademie, die den Nobelpreis für Literatur vergibt, das Gremium verlassen. Grund dafür war eine heftigen Auseinandersetzung um die Mitgliedschaft der Lyrikerin Katarina Frostenson. Sie wird zum einen beschuldigt, gegen ihre Schweigepflicht die Namen künftiger Nobelpreisträger ihrem Mann verraten zu haben, der diese Informationen dann für unredliche Zwecke außerhalb der Akademie benutzt haben soll. Außerdem soll sie mit ihrem Mann einen kommerziellen Kulturklub auf rechtlich nicht haltbare Weise betrieben haben.

Weil zwei Mitglieder der Akademie die Arbeit schon seit Längerem aufgegeben hatten, war die Zahl der aktiven Mitglieder somit auf dreizehn gesunken. Sobald statt der eigentlich 18 Mitglieder nur noch zwölf übrig sind, ist das Gremium nicht mehr beschlussfähig und dann weder in der Lage, neue Mitglieder zu wählen noch den Nobelpreis zu vergeben.

Den Abtrünnigen, die Katarina Frostenson aus der Akademie ausschließen wollten, wurde daraufhin von acht verbleibenden Mitgliedern vorgeworfen, aus dem eigentlich nicht justiziablen Verhalten der Lyrikerin zu harte Konsequenzen ziehen zu wollen. Diese acht Mitglieder wiederum wollen sich nun dem Vernehmen nach an diesem Mittwoch untereinander treffen und beraten, ob sie Sara Danius, der Ständige Sekretärin der Akademie, das Vertrauen entziehen wollen. Inzwischen wurde bekannt, dass, mit Katarina Frostenson als Quelle, insgesamt sieben Namen von Nobelpreisträgern vorab zirkulierten, von Elfriede Jelinek bis Bob Dylan. Die Buchmacher von Unibet untersuchen nun, ob es in den jeweiligen Jahren zu Unregelmäßigkeiten bei den Wetten auf Nobelpreisträger gekommen sein kann. Sara Danius wiederum führte ein langes Gespräch mit dem schwedischen König Carl XVI. Gustaf, dem Patron der Institution, in dem es vermutlich um eine Neuordnung des Gremiums ging.

Am Dienstag beschuldigte Horace Engdahl, selbst lange Zeit Ständiger Sekretär, seine Nachfolgerin, ihr Amt schlechter zu versorgen als je ein Ständiger Sekretär seit Gründung der Institution im Jahr 1786. Die Abtrünnigen, erklärte er weiterhin, seien bloß schlechte Verlierer. Der Schriftsteller Kjell Espmark, einer der Abtrünnigen, teilte daraufhin der schwedischen Presse mit, die Äußerungen Horace Engdahls seien das "Schändlichste", was er in seinem Leben habe lesen müssen: "Im Körper dieses Mannes gibt es keine Ehre mehr." Die Enthüllungen aus der Akademie, deren oberstes Gesetz ein absolutes Schweigegebot über alle inneren Belange der Institution ist, werden nun weitergehen. Ein Ende ist nicht abzusehen, ebenso wenig wie eine Zukunft für den Literaturnobelpreis.

© SZ vom 11.04.2018
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