Literaturnobelpreis Erleichterung

Die Schwedische Akademie vergibt im Herbst gleich zwei Literaturnobelpreise: einen für das Jahr 2019 und einen für 2018, als der Preis ausfiel. Ist das ein Ausweg aus der Krise?

Von Thomas Steinfeld

Im vergangenen Jahr hatte es keinen Nobelpreis für Literatur gegeben. Der Nobelstiftung, der Dachorganisation für alle Nobelpreise und Verwalterin des Vermögens, war nach Skandalen das Vertrauen in die Schwedische Akademie abhandengekommen, die den Nobelpreis für Literatur vergibt. Am Dienstag wurde nach einem Treffen zwischen Stiftung und Akademie bekannt gegeben, dass es in diesem Jahr gleich zwei Nobelpreise für Literatur geben werde - einen für 2019 und einen für 2018. Vorausgegangen war ein Katalog von Forderungen der Stiftung an die Akademie, die zu großen Teilen erfüllt sind. Dazu zählte die Trennung von der Lyrikerin Katarina Frostenson. Sie hatte offenbar nicht nur die Aktivitäten ihres Mannes gedeckt, der seine Nähe zur Akademie für sexuelle Übergriffe ausgenutzt haben soll, sondern ihm auch die Namen künftiger Preisträger und Akademiemitglieder verraten.

Darüber wollte die Stiftung der Auswahl künftiger Preisträger eine feste, unabhängige und transparente Struktur verleihen: Zum Auswahlkomitee innerhalb der Akademie, das fünf Mitglieder umfasst, gesellen sich nun fünf externe Gutachter, die alle aus Literatur oder Literaturkritik kommen. Bislang schlug das Komitee mehrere Kandidaten vor, unter denen die Akademie einen Preisträger auswählte. In Zukunft wird es nur noch einen Vorschlag geben. Zudem muss der Literaturkritiker Horace Engdahl, das bisher öffentlich sichtbarste Mitglied der Akademie, das Komitee verlassen. Er war bei der Verteidigung Frostensons und ihres Mannes vor Schmähungen von Kollegen und der Justiz nicht zurückgescheut und war zur Zentralgestalt der Skandale geworden. Noch nicht erfüllt hat die Akademie die Forderung, die Mitgliedschaft zeitlich zu begrenzen: Die beiden ältesten Mitglieder, der Sinologe Göran Malmqvist (94) und der Sprachwissenschaftler Sture Allén (90), hatten die Skandale durch besonders haltlose Behauptungen verschärft. An diesem Punkt arbeite die Akademie, so hieß es am Dienstag, an einer Änderung der Statuten.

Viele Vorwürfe gegen die Akademie bleiben. Und sie dürften kaum noch geklärt werden.

Offiziell ist damit die Krise der Akademie beendet. Aber etliche Vorwürfe sind ungeklärt, angefangen bei der privaten Vorteilsnahme bei der Nutzung von Wohnungen, die der Akademie gehören, über die Bevorzugung von Freunden bei der Vergabe kleinerer Literaturpreise, die von der Akademie vergeben werden, bis hin zu Vergehen gegen das Steuerrecht, die möglich sind, weil die Akademie als aus feudalen Verhältnissen überkommene Institution den Organen eines bürgerlichen Staates nur bedingt Einsicht gewähren muss. Die Vorwürfe dürften kaum noch geklärt werden: Zu groß ist die Erleichterung darüber, dass die Akademie nicht zerbricht und der Nobelpreis für Literatur erhalten bleibt.

Der Verlust an Autorität aber ist groß. Mit Grund hatte Sara Danius, die ehemalige ständige Sekretärin der Akademie, gefordert, alle Mitglieder auszutauschen. Jedes der mit Literatur befassten Mitglieder setzte irrige Behauptungen in die Welt, die am jeweiligen Urteilsvermögen zweifeln ließen. Und wie hat man sich einen Schriftsteller vorzustellen, der im Oktober 2019 erfährt, dass er den Nobelpreis für das Jahr 2018 erhalten wird, vergeben von einer Akademie, die zu jener Zeit nicht geschäftsfähig war, in der aber zum Teil noch dieselben Gestalten sitzen? Er oder sie wird sich überlegen müssen, ob er von dieser Akademie ausgezeichnet wird - oder ob nicht er es ist, der dieser Akademie mit seiner Reputation aufhelfen muss.