Literaturnobelpreis Wenn Weltgeltung mehr zählt als Weltliteratur

Völlig mit sich selbst beschäftigt und zerstritten: die Schwedische Akademie.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Im Niedergang der Schwedischen Akademie sind die persönlichen Zerwürfnisse ihrer Mitglieder nur die halbe Wahrheit.
  • Auch inhaltlich hatte sich das Gremium schon länger nicht mehr für Weltliteratur interessiert, sondern zunehmend für sich selbst.
  • Wer den Literaturnobelpreis retten will, muss die Schwedische Akademie neu organisieren. Anders ist die Auszeichnung nicht zurückzugewinnen.
Von Thomas Steinfeld

Wäre die Schwedische Akademie noch intakt, wäre an diesem Donnerstag bekannt gegeben worden, wer 2018 den Nobelpreis für Literatur erhält. Doch es gibt in diesem Jahr keinen Nobelpreis. Das liegt nicht nur an einem Sexualskandal, zu dem jetzt das Urteil gesprochen wurde. Es liegt auch am Zustand dieser Auszeichnung.

Ein Funke nur war der Skandal um sexuelle Übergriffe, mit dem im vergangenen November der spektakuläre Niedergang der Schwedischen Akademie begann. Am Rand der Akademie gezündet, außerhalb der eigentlichen Institution, zischte er auf und warf ein grelles Licht auf die Instanz, die seit 1901 den Nobelpreis für Literatur vergibt. In dieser plötzlichen Helligkeit sah die Akademie nicht mehr aus wie eine von der ganzen Welt geachtete, in höchstem Maße zivile Instanz, sondern wie eine zermürbte, von anmaßenden, korrupten Emporkömmlingen beherrschte Clique.

Je offenbarer der Zerfall der Akademie wurde, je tiefer sie sank, an moralischen Kriterien gemessen, desto mehr schienen persönliche Eigenheiten den eigentlichen Grund der Erosion zu bilden: "Jetzt sind wir ein paar Mitglieder los, die wir nicht mehr haben wollten", sagte der Sinologe Göran Malmqvist vor ein paar Wochen. "Sie können uns keine Schwierigkeiten mehr bereiten." Das Persönliche aber ist nur die halbe Wahrheit. Denn auch der Nobelpreis für Literatur, das Unternehmen, aus dem die Akademie ihre sachliche Geltung bezieht, war längst im Niedergang begriffen. Dass infolge der persönlichen Querelen seine Vergabe in diesem Jahr ausfällt, ist nur eine Bestätigung einer Erosion, die lange zuvor eingesetzt hatte.

Mangelndes Urteilsvermögen ist das Mindeste, was man der Rest-Akademie vorwerfen wird

Am Montag dieser Woche verurteilte ein Stockholmer Gericht Jean-Claude Arnault, den Ehemann der Lyrikerin Katarina Frostenson, wegen Vergewaltigung zu zwei Jahren Haft. Seinen Übergriffen hatte der Skandal gegolten, mit dem der öffentliche Niedergang der Akademie begann, über seinem Verhalten (und über der Loyalität Kristina Frostensons) war die Akademie zerbrochen, als eine Minderheit der Mitglieder im vergangenen Mai verlangte, Frostenson aus der Akademie auszuschließen. Ein Verfahren gegen Arnault und Frostenson wegen Verstößen gegen das Steuer- und Arbeitsrecht steht noch aus.

Literatur Jean-Claude Arnault muss wegen Vergewaltigung zwei Jahre in Haft
Schwedische Akademie

Jean-Claude Arnault muss wegen Vergewaltigung zwei Jahre in Haft

Der 72-jährige gebürtige Franzose war der Auslöser für den Konflikt in der Schwedischen Akademie, die den Literaturnobelpreis für dieses Jahr ausgesetzt hat.

In beiden Fällen hatte die Rest-Akademie argumentiert, es gebe keinen Grund für einen Ausschluss, da offenbar keine justiziablen Handlungen vorlägen. Dieses Argument ist nach dem Urteil von Montag hinfällig, wodurch sich für die Rest-Akademie eine neue, noch schwierigere Lage ergibt. Denn hatte sich nicht Horace Engdahl, ihr Sprecher, öffentlich zu Arnault bekannt und ihn zum "Vorbild für die männliche Jugend" erklärt? Und hatte er nicht noch vor ein paar Tagen behauptet, Katarina Frostenson, die vorübergehend ihre Mitarbeit eingestellt hatte, könne jederzeit in die Akademie zurückkehren? Mangelndes Urteilsvermögen ist das Mindeste, was nun der Rest-Akademie vorgeworfen werden wird. Und auch an Kritik wegen offensichtlich korrupter Verhältnisse wird es nicht fehlen.

Der Nobelpreis für Literatur verdankt seine Entstehung noch der "Welt von Gestern" (Stefan Zweig). Nach dem Ersten Weltkrieg und der definitiven Aufteilung des Globus in Nationalstaaten hätte er kaum mehr geschaffen werden können. Ausgezeichnet wurde jeweils ein Werk der Weltliteratur, und das heißt, konkret: ein Werk, das es wie selbstverständlich ertrug, von der Sprache, in der es entstanden war, in viele andere Sprachen übertragen zu werden. Noch der kleinste Kulturkreis, noch die kleinste Sprache konnte den Stoff für diesen Preis liefern, weshalb es vor jeder Bekanntgabe eines künftigen Preisträgers in den Redaktionen Befürchtungen gab, die Wahl könnte auf einen weithin unbekannten Schriftsteller aus einem Land fallen, in dem sich kein Kollege auskannte.

Bedeutend wurde dieser Nobelpreis durch die Erwartung, es gebe eine globale Gemeinschaft der Leser, die genügend intellektuelle Neugier aufbringe, mit Weltliteratur etwas anfangen zu wollen. Und wurde diese Erwartung nicht eingelöst, Jahr für Jahr, offensichtlichen Unterschieden in der literarischen Qualität zum Trotz? Dass Schweden selbst zu den Ländern gehört, in deren Sprache ausländische Literatur eher selten übersetzt wird, tat diesem Anspruch keinen Abbruch.

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Es bedurfte eines kleinen, wohlhabenden, neutralen und erwiesenermaßen friedlichen Landes, um dieser Erwartung ein Zuhause zu geben, eines Staates, der nicht unmittelbar von den Interessen größerer Mächte abhängig war. Man stelle sich vor, der Nobelpreis für Literatur wäre in Frankreich zu Hause gewesen: Er wäre zu einem französischen Preis geworden. Oder in den Vereinigten Staaten: Er hätte sich zu einem amerikanischen Preis entwickelt. Im Nobelpreis für Literatur wurde, scheinbar wenigstens, der babylonische Fluch aufgehoben. Die Vielheit der Sprachen und Literaturen erschien aus seiner Perspektive wie ein Schleier, hinter dem eine tiefere Gemeinschaft erkennbar wurde, in der die Literatur das Mittel war, mit dem sich die Menschen über sich selbst verständigten. So kamen "Quo vadis" und die "Blechtrommel", Selma Lagerlöf und Herta Müller zusammen, und wenn weder Marcel Proust noch Philip Roth den Preis erhielten, so mochte das zwar als Ungerechtigkeit erscheinen. Die Idee der Gemeinschaft aber wurde durch solche Versäumnisse nicht beschädigt.

Immer mehr wollte die Akademie sich selbst in ihren Entscheidungen spiegeln

Diese Idee hat ihre Verbindlichkeit verloren, im Zuge einer fortschreitenden Ausweitung des Begriffs von Literatur, der dem Nobelpreis zugrunde liegt. Zum ersten Mal wurde in den späten Neunzigern erkennbar, dass die Akademie preisgab, was bislang ihre Orientierung gewesen war: Sie verlieh den Nobelpreis im Jahr 1997 an den Komödianten Dario Fo, der zwar in gewisser Hinsicht ein Mann des Theaters war, kaum aber ein Mann der Literatur. Letztere verhält sich allenfalls dienend zu den satirischen, komischen oder politischen Absichten, die Dario Fo verfolgte - was unter anderem daran zu erkennen ist, dass er nie ein lesendes Publikum besaß. Oder daran, dass die Literaturkritik nicht viel über seine Sketche zu sagen vermochte. Oder daran, dass "Bezahlt wird nicht", das einzige Werk Dario Fos, das tatsächlich ein Welterfolg war, eine Farce ist und nie als etwas anderes behandelt wurde. Nur scheinbar anders liegt, aus internationaler Perspektive betrachtet, der Fall bei Elfriede Jelinek, die den Preis im Jahr 2004 erhielt. In ihren Theaterstücken repräsentiert sie - im Vergleich etwa mit den dramatischen Werken Samuel Becketts - ein enges Milieu, dessen Wirkung sich mehr oder minder auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Und auch ihre Prosa ist durch den Nobelpreis kaum über die Schwelle internationaler Bedeutung gehoben worden.