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Alexander Solschenizyn und der Nobelpreis:Auszeichnung als Schutzschild

Alexander Solschenizyn Nobelpreis 1974

Erst 1974 konnte der Literaturnobelpreis dem Preisträger des Jahres 1970, Alexander Solschenizyn, übergeben werden.

(Foto: ZUMA/Keystone/imago images)

Neu frei gewordene Unterlagen zeigen, wie die Schwedische Akademie mal eine schwierige Entscheidung erfolgreich traf: für den Literaturnobelpreis an Alexander Solschenizyn.

Von Thomas Steinfeld

Fünfzig Jahre lang hält die Schwedische Akademie die Stellungnahmen und Protokolle unter Verschluss, in denen der Abstimmungsprozess festgehalten wird, der einer Entscheidung für den Nobelpreisträger in Literatur vorausgeht. Dann darf lesen, wer lesen will. Freigegeben wurden in diesen Tagen die Unterlagen aus dem Jahr 1970: Damals wurde die Auszeichnung Alexander Solschenizyn zugesprochen, nur ein Jahr nachdem dieser zum ersten Mal als möglicher Kandidat genannt worden war. Und es zeigt sich, wie der Literaturkritiker Kaj Schueler nun in einer Dokumentation für die Stockholmer Tageszeitung Svenska Dagbladet offenlegt, dass hinter diesem Beschluss nicht nur eine ungewöhnlich einige Akademie stand, sondern man sich auch darüber im Klaren war, dass die Auszeichnung eine politisch und diplomatisch schwierige Angelegenheit werden würde: Die Frage, ob der Preis Solschenizyn persönlich schaden oder nützen könne, spielte bei allen Überlegungen eine Rolle.

Widersetzt hatte sich der Entscheidung nur ein Mitglied der Akademie: der Schriftsteller, Übersetzer und Kritiker Artur Lundkvist, der den Australier Patrick White (Nobelpreis 1973) oder den Chilenen Pablo Neruda (Nobelpreis 1971) favorisierte. Er bewundere Solschenizyn für seinen "einsamen Kampf gegen eine übermächtige Unterdrückung", meinte Lundkvist. Literarisch setze der Kandidat jedoch lediglich den Realismus des 19. Jahrhunderts fort. In dieser Hinsicht seien die Werke "ziemlich primitiv und uninteressant".

Über Tage war der Preisträger nicht zu erreichen und soll missgelaunt gewesen sein

Der Literaturhistoriker Henry Olsson widersprach: Habe man im Jahr 1965 dem Stalinisten Michael Scholokow ("Der stille Don") den Preis verliehen, könne man im Sinne der Unparteilichkeit auch einem "kritischen Kommunisten" den Preis geben. Solschenizyns Werke konnten zu jener Zeit in der Sowjetunion nicht mehr veröffentlicht werden, die Romane "Krebsstation" (1967) und "Der erste Kreis der Hölle" (1968) waren nur im Westen erschienen. Der Schriftstellerverband hatte ihn ausgeschlossen. Die Akademie fürchtete, wie aus den Unterlagen hervorgeht, eine Wiederholung des Falls von Boris Pasternak ("Doktor Schiwago"), der im Jahr 1958 von den sowjetischen Behörden genötigt worden war, die Auszeichnung abzulehnen.

Bereits im Vorfeld der Entscheidung hatte die Akademie Kundschafter nach Moskau entsandt, die mit der Nachricht zurückkehrten, Solschenizyn hoffe, ein Nobelpreis könne ihn davor bewahren, vom KGB ermordet zu werden (es kam dann trotzdem zu einem Anschlag, den der Schriftsteller überlebte). Schwieriger noch wurden die Verhältnisse, nachdem die Entscheidung bekannt gegeben worden war: Über Tage hinweg konnte der Preisträger nicht erreicht werden, da er sich in der Datscha eines Freundes, des Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, verborgen hatte. Als Solschenizyn die Nachricht dann empfing, soll er ausgesprochen missgelaunt gewesen sein. Zunächst versprach er, zur Vergabezeremonie nach Stockholm zu reisen, später sagte er ab. Daraufhin scheiterten die Versuche, ihm die Auszeichnung in einer Moskauer Privatwohnung zu überreichen, weil der Ständige Sekretär der Akademie kein Visum erhielt. Tatsächlich übergeben werden konnte Solschenizyn der Preis erst, nachdem er aus der Sowjetunion ausgewiesen worden war, während der Zeremonie zur Vergabe der Nobelpreise für das Jahr 1974.

© SZ/masc
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