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Literaturland Brasilien:Das Sagbare sagen

In einer Videoperformance auf Youtube philosophiert Domeneck über die Krise der Poesie. Der Künstler liegt, bekleidet mit schwarzem Rollkragenpullover und Mantel, in einer Badewanne, das Wasser läuft: Poesie sei keine Literatur, Poesie sei Performance, sagt er, bevor auch sein Mund überspült wird. Unter Wasser blinzelt er minutenlang in die Kamera - abgetaucht. Domeneck will damit nicht dem Klischee folgen, dass Dichter darum ringen, das Unsagbare zu sagen. Er bezieht sich auf den deutschen Lyriker Helmut Heißenbüttel und sein Buch: "Das Sagbare sagen." "Das fand ich berührend", sagt der Wahlberliner. "Ich will auch das Sagbare sagen und dass Sprache sprechbar ist."

Obwohl Domeneck der Generation der Nachgeborenen der Diktatur in Brasilien angehört, haben ihn die Opfer des Militärputsches gefangen genommen. Seine Eltern engagierten sich nicht politisch. Der Vater tolerierte das, was im Land passierte. "Das war ein Problem zwischen uns", sagt der Sohn. Jedes Jahr am 31. März, dem Gedenktag des Militärputsches in Brasilien 1964, dem eine Diktatur folgte, versucht er, etwas über das Leben eines Opfers herauszufinden.

Was täten die Verschwundenen?

Die Folteropfer, Oppositionelle, deren Körper man nach ihrer Verhaftung nie wieder fand, nennt man in Brasilien "die Verschwundenen". Einer von ihnen, Ísis Dias de Oliveira, widmet Domeneck in seinem Gedichtband einen Text. Er überlegt, was diese Frau wohl an einem ganz normalen Sonntag tun würde, wenn sie noch lebte. Ob sie den Blues auf dem Sofa hätte, geschieden wäre oder schon den zweiten Mann hätte, sich fragte, warum sie diesen Kampf geführt hätte, oder ob sie emigriert wäre. "Ihre Finger wären vielleicht voller Druckerschwärze / von der Morgenzeitung / die vielleicht / wie früher / lügen würde / und das Schwarz / färbte ab auf die weiße / Keramiktasse, so wie / Materie von Materie / auf Materie übergeht / sofern lebendig / vielleicht."

Mit 17 verbrachte Domeneck ein Austauschjahr in den USA. Dort kam er erstmals in Kontakt mit der deutschen Sprache. Sein Gastvater hatte als GI in Deutschland gedient und seine Frau dort kennengelernt. Ein weiterer Gastschüler der Familie kam ebenfalls aus Deutschland. "Ich war ein Jahr lang mit zwei Deutschen und einem Amerikaner zusammen", erklärt er. "Das war mein erster Kontakt." Als brasilianischer Dichter im sprachlichen Exil zu leben, ist für ihn kein Problem. "Die verschiedenen Sprachen sind für mich keine Paralleluniversen", sagt Domeneck. "Ich lebe in meinem Sprachraum. Und der besteht aus Portugiesisch, Englisch und Deutsch."