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Literaturkritik & Geschichte:Es hielt ihn nicht im Sessel

Am 2. Juni 1920 wurde Marcel Reich-Ranicki in Polen geboren, er starb am 18. September 2013 in Frankfurt am Main. Einen populäreren Literaturkritiker als ihn hat die Republik nicht mehr gesehen.

(Foto: mauritius images / United Archiv)

Zum 100. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki kann man lange Gespräche mit dem großen Kritiker wieder lesen. Ein biografisches von 1986 sogar zum ersten Mal. Wie hätte die bundesrepublikanische Öffentlichkeit wohl darauf reagiert?

Anfang 1986 besuchte der Hörfunkjournalist Paul Assall den 65-jährigen Marcel Reich-Ranicki, um ihn über sein Leben zu befragen, aber dieser schien, wie Assall sich erinnert, "griesgrämig gestimmt zu sein". Gleich der Auftakt, Fragen nach Aufgabe und Programm eines Kritikers, lief seinen Erwartungen zuwider: "Wir reden immer über das Thema, das gar nicht das Thema unseres Gesprächs sein sollte. Wir sollten nicht über Literatur reden. Das ist das Thema von Peter von Matt." Der Verleger Egon Ammann hatte ein Doppelporträt geplant, bestehend aus einem biografischen Gespräch und einem über Literaturkritik. Aber wie hätte man über das Leben Reich-Ranickis sprechen und dabei die Literatur ausklammern können? Das Gespräch mit Peter von Matt ist 1992 erschienen (und gerade im Kampa-Verlag wieder aufgelegt worden), aber erst jetzt, zum 100. Geburtstag, hat Paul Assall sein Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki veröffentlicht, als Hörbuch wie als Buch.

1986 leitete Marcel Reich-Ranicki den Literaturteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das "Literarische Quartett", das ihn auch unter Nichtlesern populär machen würde, ging erst zwei Jahre später auf Sendung. Einige Wochen bevor er Assall stundenlang Auskunft gab, hatten Mitglieder der jüdischen Gemeinde und viele andere in Frankfurt am Main gegen die geplante Aufführung des Fassbinder-Stückes "Der Müll, die Stadt und der Tod" protestiert, gegen, wie es auf einem Transparent hieß, "subventionierten Antisemitismus". Im Juni 1986 würde die FAZ Ernst Noltes Vortrag "Vergangenheit, die nicht vergehen will" veröffentlichen und damit den Historikerstreit auslösen. Im Jahr zuvor hatten Kanzler Kohl und Präsident Reagan auf dem Soldatenfriedhof Bitburg, wo auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt sind, Kränze niedergelegt. Wie hätte die bundesrepublikanische Öffentlichkeit reagiert, wenn das Gespräch mit Reich-Ranicki, seine Erinnerungen an die Schulzeit in Berlin, die Deportation nach Polen, das Überleben erst im Warschauer Getto und dann in einem Versteck damals veröffentlich worden wären?

Auf die Frage, ob eine literarische Darstellung der Getto-Situation gerecht werden könne, antwortet Reich-Ranicki 1986, er könne so nicht darüber schreiben, andere schon, das sei im einzelnen Fall zu beurteilen. Und dann verweist er auf den von ihm hochgelobten Roman "Jakob der Lügner" von Jurek Becker. Ob ihn, wollte Assall wissen, das Getto heute noch bedränge. "Ich kann die Frage ganz klar beantworten: Nicht das Getto bedrängt mich, sondern die Judenverfolgung, die ich ein Leben lang mitzuerleben das Pech hatte. Das ist ein Unterschied."

"Die Jahre im Getto waren nicht die schrecklichsten in meinem Leben"

Der Kritiker Christian Schultz-Gerstein hatte 1978 immerhin im Spiegel über Reich-Ranicki behauptet: "Bücher schrieb er zahlreiche, und stets hatte er um sich eine moralische Leibwache von wohlmeinenden Deutschen mit schlechtem Nachkriegsgewissen, die an dem einstigen Gefangenen des Warschauer Gettos Wiedergutmachung übten, indem sie ihm seine Leidenserfahrungen als Bonus auf seine geistigen Gaben anrechneten." Der Artikel wird im Gespräch gestreift. Leider fehlen im Buch Erläuterungen zu den zeitgenössischen Kontroversen, so müssen Leserinnen und Leser sich die für das Verständnis nötigen Informationen selbst zusammensuchen, etwa die Zurückweisungen des infamen Satzes durch Siegried Unseld oder Uwe Johnson. Die Möglichkeit, den Augenblick kurz vor der Epochenzäsur 1989 genauer zu beleuchten, wurde damit vertan. Das ist schade. Über das Leben des Großkritikers kann man sich inzwischen besser in dessen Autobiografie "Mein Leben" (1999) informieren.

Reich-Ranicki, 1920 in Włocławek geboren, lebte ab 1929 in Berlin. Er war zwölf, als Hitler Reichskanzler wurde, konnte in Berlin noch Abitur machen und wurde 1938 im Zuge der "Polenaktion" deportiert. Mit der Klarheit, die ihn auch als Kritiker auszeichnete, berichtet er Assall über das Überleben im von den Deutschen besetzten Warschau: "Die Jahre im Getto waren nicht die schrecklichsten in meinem Leben. Sie waren nicht die schlimmsten, weil man im Getto - trotz allem, was da passierte, trotz der panischen Angst vor dem, was kommen wird, denn man spürte ja, dass sich etwas anbahnte - immerhin in einem großen Kollektiv war. Man war nicht isoliert. Man konnte mit anderen Menschen, Freunden, Bekannten sprechen. Man hörte Schreckliches, aber man war nicht ganz allein. Dann, als ich aus dem Getto geflohen bin - ich bin relativ spät aus dem Getto geflohen, erst Anfang Februar 1943, als schon die meisten deportiert waren -, als ich im sogenannten arischen Stadtteil verborgen war, das waren eigentlich die schlimmsten Jahre: der schrecklichste Hunger und die größte Abhängigkeit von anderen Menschen und überhaupt die Tatsache, dass jedermann einen denunzieren und dem Tod ausliefern konnte. Die Zeit außerhalb des Gettos war schlimmer als die im Getto. Aber das ist natürlich alles relativ."

1958 floh er in die Bundesrepublik und wurde zum einflussreichen Kritiker. Warum? Wie?

Ausführlich berichtet er über seine Nachkriegserfahrungen, seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei Polens, aus der man ihn nach einigen Jahren wegen "ideologischer Entfremdung" ausschloss. 1958 floh er in die Bundesrepublik, wo er kaum bekannt war, aber rasch zu einem einflussreichen Kritiker wurde. Warum? Wie? Der Schriftsteller Horst Krüger hat berichtet, wie ungewöhnlich Reich-Ranickis Temperament damals war, "fast beängstigend, Unruhe, Leidenschaft, Energie beflügelte das Gespräch. Es hielt ihn nicht im Sessel. Er lief durch das Zimmer, kampfesmutig. Er redete dauernd. Er war in höchstem Maße erregt. Und das Komische war: Der Grund seiner Erregung war nicht Konrad Adenauer, nicht die deutsche Wiederbewaffnung, auch nicht die Atombombe, worüber sich damals die westdeutschen Intellektuellen erregten. Der Grund seiner Erregung war - die deutsche Literatur."

Dieses Temperament ist auch im Gespräch mit Assall zu spüren, wenn die Rede etwa auf Thomas Mann, auf Lessing, auf Anna Seghers, auf Richard Wagner kommt. Viele Ansprüche an Literaturkritik weist er zurück, aber nicht diesen: ein Pädagoge zu sein, der die Leser in der Liebe zur Literatur unterweist.

Paul Assall (Hrsg.): "Ich schreibe unentwegt ein Leben lang". Marcel Reich-Ranicki im Gespräch. Piper Verlag, München 2020. 160 Seiten, 12 Euro.

Paul Assall (Hrsg.): "Ich schreibe unentwegt ein Leben lang". Marcel Reich-Ranicki im Gespräch. Hörbuch Hamburg, Hamburg 2020. 4 CDs, 274 Minuten, 14 Euro.

Marcel Reich-Ranicki: Der doppelte Boden. Ein Gespräch über Literatur und Kritik mit Peter von Matt. Hg. v. Thomas Anz Kampa Verlag, Zürich 2020. 288 Seiten, 24 Euro.

© SZ vom 02.06.2020

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