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Literaturgeschichte:Jenseits der schon gewussten Wahrheit

Der Philosoph Hans Blumenberg war ein besessener Leser moderner Literatur. Es scheint, als habe er erst in der Auseinandersetzung mit ihr zu den Grundfragen seines Denkens gefunden.

Von Ernst Osterkamp

Hans Blumenberg

Philosoph Hans Blumenberg (1920-1996).

(Foto: Peter Zollna/Suhrkamp Verlag)

Es war für die Hörer von Hans Blumenbergs Vorlesungen von einigem Vorteil, wenn sie über ein breites weltliterarisches Wissen verfügten. Denn er brachte in ihnen seine stupende literarische Belesenheit in Form überraschungsvoll ausgewählter Zitate von Friedrich Hebbel bis Anaïs Nin, von Dante bis Paul Valéry argumentativ mit einer Selbstverständlichkeit zur Geltung, die jeden didaktischen Hinweis auf die Bedeutung der zitierten Autoren oder den Werkzusammenhang von vornherein ausschloss. Die Höflichkeit des Vortragenden setzte bei seinen Hörern eine umfassende literarische Bildung (von der philosophischen oder theologischen wollen wir hier gar nicht reden) voraus, von der er genau wusste, dass sie dergleichen in der Regel nicht besaßen. Gut so! Denn so ging mit der Öffnung der gedanklichen immer auch eine Erweiterung der literarischen Horizonte einher; meine Exemplare der Werke Paul Valérys habe ich, beschämt über meine literarische Unbildung, sämtlich im Anschluss an Blumenbergsche Vorlesungen erworben. Was weltliterarische Bildung ist und was sie vermag, habe ich nicht in germanistischen, sondern in den Vorlesungen des Philosophen erfahren.

Der Welt- und Lebenshunger der Nachkriegszeit wird sich in seinen Lektüren Bahn gebrochen haben

Er muss ein besessener Leser gewesen sein, und in dem Jahrzehnt nach dem Krieg dürfte es nicht zuletzt der Welt- und Lebenshunger der Zeit gewesen sein, der sich auch in seinen Lektüren Bahn brach. Hans Blumenberg hat es nicht geliebt, als Person in den Vordergrund zu treten; in seinen 1945 bis 1958 entstandenen Schriften zur Literatur gibt es aber doch einige Stellen, in denen er sich dazu bekennt, ein leidenschaftlicher Leser zu sein. 1955 schrieb er in einem Zeitungsartikel über die Konjunktur der Taschenbuch-Reihen, er dürfe sich "mit einem Minimum an Koketterie zu jener Elite zählen, die schon zur Reichsmarkzeit für ein rororo-Heft im Zeitungsformat ihre Zigarettenration zu opfern nicht zögerte." Anrührender freilich noch ist, was ihm, wie er 1953 zum 60. Geburtstag von Hans Fallada schrieb, zu jener Zeit widerfuhr, "als wir die entlegensten Bezirke der deutschen Landwirtschaft nach Essbarem durchforschten, während uns zugleich die große Welt da draußen in niegekannten Werken moderner Literatur bestürzend aufgetan wurde". Da saß er einmal in einem offenen Eisenbahnabteil und war, indes eine ihm gegenübersitzende "schon leicht amerikanisierte junge Dame" ,Licht im August' von William Faulkner las", in Falladas "Kleiner Mann - was nun?" versunken, und was dem kleinen Mann dort angetan wurde, verfehlte seine Wirkung auf diesen Leser nicht: "da wurde es mir ein wenig feucht in den Augen."

Beobachtungen zu Form und ästhetischer Gestalt der Texte spielen nur eine marginale Rolle

Freilich, solche Bekenntnisse eines Lesers wollte der Privatdozent Blumenberg in den Düsseldorfer Nachrichten nur unter dem Pseudonym Axel Colly veröffentlichen, und dies vielleicht auch deshalb, weil er befürchten mochte, dass seine Würdigung von Falladas Fähigkeit, der "herzhaften Tapferkeit, die so wenig ausrichtet und doch das einzig Große enthält (...): sich selbst nicht aufzugeben", literarisch eine Stimme zu verleihen, zu viel von ihm selbst hätte preisgeben können. Unter seinem eigenen Namen hat er, schon leicht amerikanisiert, hingegen große Essays über William Faulkner oder Ernest Hemingway veröffentlicht.

Gewiss haben aus dem Nachlass zusammengestellte Bände mit Texten über Goethe, Fontane, Ernst Jünger bereits wichtige Züge in der Physiognomie des Lesers Hans Blumenberg hervortreten lassen. Dennoch kommt dem jetzt erschienenen Band mit seinen Schriften zur Literatur aus den Jahren 1945 bis 1958 große Bedeutung schon deshalb zu, weil er einen erheblichen Beitrag zur intellektuellen Biografie des Philosophen als eines Lesers in den frühen Jahren der Bundesrepublik leistet. Dabei geht der Band mit einem Text auf signifikante Weise hinter diesen Zeitraum zurück: Im Anhang erscheint erstmals eine nicht weniger als 65 Seiten umfassende Abhandlung des 18-jährigen Schülers über Hans Carossa, und man tut gut daran, die Lektüre des Bandes mit diesem Aufsatz trotz seines superlativischen Stils, der unablässig das Höchste und Tiefste beschwört, trotz der großen geistesgeschichtlichen Formeln und der breiten Textparaphrasen zu beginnen. Denn er zeigt, wie emphatisch und identifikatorisch der junge Blumenberg gelesen hat, ja dass das Versinken in der Gegenwelt der Lektüre für ihn im Jahre 1938, im Falle Carossas verbunden mit dem religiösen Bekenntnis, ein Akt von existenzieller Bedeutung war. Man kann nur darüber spekulieren, was es für ihn, dessen Mutter jüdischer Herkunft war, in dieser Zeit umfassender Gefährdung seiner physischen und geistigen Zukunft bedeutet haben mag, seinen Entwurf von "Carossas geistiger Gestalt" auf dessen Bild des "Menschen in Rüstung" zulaufen zu lassen, das Carossa in seinem Roman "Der Arzt Gion" "zum Bild der geistigen Festung ausgeweitet" habe, um dann seinen Text mit einem schmalen Abschnitt "Geistgeweihte Zukunft" abzuschließen. Schon in diesem Text zeigt sich, dass den Leser Blumenberg literarische Werke vor allem deshalb faszinierten, weil sie für ihn Träger ideeller Gehalte waren; die "höchste Fähigkeit des Dichters" sei, so statuierte der jugendliche Leser, darin "beschlossen, auch das Unscheinbarste aufglänzen zu lassen im Lichte einer Idee", und so sei der Dichter denn "befähigt, die Idee aus dem sklavischen Bann der grauen Dinge zu erlösen". Der lesende Philosoph hat sich dies, wenngleich in weniger emphatischer Sprache, in seinen späteren Jahren auf vielfache Weise zunutze gemacht.

Lässt sich nicht auch in einer Wendung wie derjenigen, dass "in Bild und Klang eines jeden Wortes, nicht nur in seinem begrifflichen Inhalt" "die dichterische Aussage enthalten" sei, bereits der künftige Metaphorologe erkennen? Allerdings gibt der frühe Carossa-Aufsatz in seinem Desinteresse an Fragen der künstlerischen Form und an allen Problemen der ästhetischen Verfasstheit literarischer Texte auch schon ein Charakteristikum der Aufsätze des späten Blumenberg über Werke der Dichtung zu erkennen; so oft er zum Beispiel über die "Marienbader Elegie" geschrieben haben mag, so entschieden verharrte er doch immer in deren biografischem oder ideengeschichtlichem Vorhof, und auch in den hier zusammengestellten frühen Schriften zur Literatur spielen Beobachtungen zu Form und ästhetischer Gestalt der besprochenen Texte nur eine marginale Rolle. Die Bedeutung der Literatur bestand für ihn, den späteren Philosophen der Metapher und des Mythos, vor allem darin, dass sie ein Erkenntnismedium sui generis darstellt, das seine diagnostische Kraft oft erheblich vor der begrifflichen Reflexion zu entfalten vermag. Er hat dies schon 1950 in seinem Vortrag "Das Problem des Nihilismus in der deutschen Literatur der Gegenwart" ausgesprochen: Die moderne Dichtung "ist der philosophischen Analyse fast überall weit vorausgeeilt und hat Phänomene und Probleme sichtbar gemacht, an die sich das Denken nur allmählich heranzutasten vermag". Es war dieser Befund, der den jungen Privatdozenten immer wieder in Zeitungen wie den Düsseldorfer Nachrichten und den Bremer Nachrichten und in der katholischen Zeitschrift Hochland mit hohem Qualitätsbewusstsein gleichsam im Vorfeld der Philosophie über moderne Dichtung nachdenken ließ. Wie weit er dabei im Einzelnen noch von seiner späteren Philosophie entfernt gewesen ist, lässt sich freilich daran ermessen, dass er es in einem Artikel zum 80. Geburtstag Thomas Manns fertigbrachte, dessen Roman "Joseph und seine Brüder" - für den Autor von "Arbeit am Mythos" doch wohl dessen wichtigstes Werk - mit keinem Wort zu erwähnen.

Vor allem die angelsächsische Literatur sättigte seinen Wirklichkeitshunger

Freilich konnte die Literatur ihre diagnostische Kraft im Hinblick auf die Probleme der modernen Wirklichkeit für Blumenberg nur dann entfalten, wenn sie sich nicht mit philosophischen Traditionsbeständen und Ansprüchen auflud. Darin gründete seine Distanz zur zeitgenössischen deutschen Literatur. Diese sei "in ihrer Gestaltung der Zeitphänomene philosophisch außerordentlich vorbelastet. Sie bringt es nicht zu der unreflektierten Unbefangenheit, die sich ganz dem Bezug zur Wirklichkeit öffnet." Der Leser darf sich also nicht darüber wundern, dass Namen wie Robert Musil oder Hermann Broch in diesen Schriften nicht auftauchen. Unter den deutschsprachigen Autoren der Moderne brachte Blumenberg uneingeschränkte Bewunderung nur Franz Kafka entgegen, der dem neuzeitlichen "faustischen" Bewusstsein universeller Objektivierbarkeit und Machbarkeit der Welt in "apokalyptischen Bildern" ein Ende gesetzt habe.

Zu Ernst Jünger trat Blumenberg im hier dokumentierten Jahrzehnt in wachsende Distanz. Seinen Wirklichkeitshunger sättigte er dagegen bevorzugt an der modernen angelsächsischen Literatur: an Graham Greene und Evelyn Waugh, an Ernest Hemingway, T. S. Eliot und William Faulkner, denen er große Essays widmete. Sie zu lesen lohnt sich auch heute noch, weil er sich in ihnen jeweils auf der Grundlage der Kenntnis des Gesamtwerks, soweit es ihm verfügbar war, mit philosophisch-theologischer Begriffsschärfe um die Herausarbeitung werkkonstitutiver zentraler Gedankenfiguren und der fundamentalen Werkproblematik bemühte. In dem kritischen Essay über Eliot hat Hans Blumenberg fast en passant zu einer Wesensbestimmung der Dichtung gefunden, die wie nichts sonst zu erklären hilft, was dem Philosophen die Lektüre großer Poesie unentbehrlich machte: "weil Dichtung, wie Kunst überhaupt, es mehr mit der Wahrheit zu tun hat, deren wir bedürfen, als mit der, die wir schon besitzen."

"Es wird", so hat 1950 - im Jahr seiner Habilitation - schon der Dreißigjährige in seinem Vortrag über das Nihilismusproblem geschrieben, "deshalb immer eine echte Aufgabe philosophischer Besinnung sein, die in der Kunst und Dichtung bezeugte Erfahrung sorgfältig abzuhören und sich von dem als echtes Zeugnis Erkannten in der Richtung des Denkens, des Ansatzes der Fragen bestimmen zu lassen." Der Philosoph hat sich konsequent daran gehalten und deshalb bei den Hörern seiner Vorlesungen ein weltliterarisches Bewusstsein vorausgesetzt. In dem 1958 erschienenen Essay über Faulkner (dem letzten in dieser Sammlung) zitiert er den amerikanischen Autor: "Die Vergangenheit ist niemals tot. Sie ist nicht einmal vergangen." Und lässt hierauf den Ausruf folgen: "Das ist genau die Formel des Mythos!" Gelegentlich drängt sich der Eindruck auf, Hans Blumenberg habe erst in seiner kritischen Auseinandersetzung mit der modernen Literatur zu Grundfragen seines Denkens und zur Sicherheit seines Stils gefunden.

© SZ vom 12.06.2017
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