Literaturgeschichte Feuerwerke globaler Wirkung

Sandra Richter schreibt eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur.

Von Burkhard Müller

Es ist ein Titel, der erst einmal verblüfft: "Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur" nennt die Stuttgarter Germanistik-Professorin und künftige Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, Sandra Richter, ihr mehr als 700-seitiges Buch. Die "Weltgeschichte" auf dem Einband ist rot und fett gedruckt, doch bei den Porträts darunter - Goethe, Kafka, Thomas Mann, Karl May, Hertha Müller und, zentral, Mephisto - handelt es sich zweifellos um Landsleute. Dass sie ihre Verdienste haben, wird niemand bestreiten; doch wie käme hier die Welt ins Spiel?

Richter macht zunächst klar, was sie nicht im Sinn hat: nämlich keineswegs Weltliteratur, Sektion Germany. Der von Goethe und seinen Mitstreitern ins Spiel gebrachte Begriff scheint ihr in mehrfacher Hinsicht unbrauchbar zu sein: weil er den Leser durch die schiere Masse dessen, was er umfassen soll, überstrapaziert; weil er dem autoritären Kanon nahesteht; weil auch die Nazis ihn für sich besetzten; und weil er im Zeitalter der Globalisierung vor allem die englischsprachige und nach ihrem Vorbild gemodelte Literatur begünstigt. Stattdessen will die Autorin "beobachten, wie deutschsprachige Literatur in der Welt wahrgenommen wird", und weiter: "Dieses Buch will sich dem bekannten und unbekannten Anderen nähern. Es riskiert das Scheitern am Unmöglichen - bewusst, weil es, so meine Überzeugung, das Risiko wert ist."

Die gleichförmige Reihung ist hier das vorherrschende kompositorische Prinzip

Das Projekt ist freilich nicht ganz so neuartig und riskant, wie Richter glauben machen möchte. Sie bewegt sich vielmehr in den gut ausgefahrenen Gleisen der Rezeptions-, Motiv- und Stoffgeschichte, und wenn dem Buch eine Gefahr droht, dann am ehesten, dass es zu viel Altbekanntes wiederholt. Versprochen werden Fallbeispiele und ausgewählte Erzählungen, und teilweise auch wirklich geliefert; gleich am Anfang zum Beispiel die Geschichte des Einflusses, den der "Faust" auf Mary Shelleys Frankenstein-Roman gehabt hat. Aber das Buch folgt dem Vorsatz, die ganze deutsche Literatur seit dem Mittelalter ins Auge zu fassen, vom Nibelungenlied bis Yoko Tawada und Feridan Zaimoglu. Da erweist sich rasch, dass 700 großformatige Seiten zwar viel sind, wenn man sie am Stück lesen soll, aber deutlich zu wenig, sobald es ums Einzelne geht. Sandra Richter verfällt, wie wohl nicht anders möglich, dem Geburtsfehler aller Literaturgeschichten: der Abhak-Philologie.

Sandra Richter: Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur. C. Bertelsmann, München 2017, 728 Seiten, 36 Euro. E-Book 29,99 Euro.

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Es hört sich so an: "In die Romanszene kam nach 1989 rege Bewegung. Die sogenannte Berlin- und Popliteratur (Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre) feierte die neue Freiheit. Kritischer und dezenter widmete sich die Wendeliteratur Themen wie Heimat und Utopie sowie autobiografischen Reflexionen. Uwe Tellkamps ,Turm' (2009) erhielt gleich nach Erscheinen Rezensionen im gesamten westeuropäischen Ausland; Guntram Vesper überraschte mit dem späten Wenderoman ,Frohburg' (2016). Dabei waren Wendeliteratur und Erinnerungsdiskurs eng miteinander verbunden: DDR-Reflexion ließ sich ohne den Blick auf die Nazi-Zeit nicht betreiben. Julia Francks preisgekrönter und viel übersetzter Roman ,Mittagsfrau' (2007) fügte wie in einem Vexierbild alle großen Themen zusammen: den Krieg, die deutsch-jüdischen Beziehungen, das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung, dargeboten am Beispiel einer Mutter, die ihren kleinen Sohn auf einem Bahnsteig zurücklässt."

Das Zitat musste so lang geraten, um einen Eindruck vom Habitus und vom Duktus dieses Buchs zu geben - zugespitzt formuliert, um exemplarisch zu langweilen. Die Autorin beschwört die Kraft des Narrativs, erzählt aber nicht (höchstens erzählt sie nach), sondern benutzt die gleichförmige Reihung als vorherrschendes kompositorisches Prinzip. Da so das deutschbürtig Besondere nicht zu seinem Recht kommt, verbleibt auch das, was die anderen draus machen, im Unbestimmten. Die außerdeutsche Rezeption hat ihre liebe Mühe, sich überhaupt Gehör zu verschaffen; man erfährt von ihr im zitierten Abschnitt gerade mal so viel, dass Tellkamp im Ausland rezensiert und Franck viel übersetzt wurde - aber nicht, wie das geschah. (Nebenbei bemerkt, scheint Richter nicht zu wissen, was ein Vexierbild ist.)

Richter spricht eingangs von der Unbescheidenheit ihres Vorhabens und Titels. Das Problem war ihr also klar. Sie hätte es auf zwei Arten in den Griff bekommen können: entweder durch die entschiedene Konzentration auf ein paar ausgewählte Fälle; oder durch eine sorgsam durchdachte, mehrdimensional angelegte Methode. Beides hat sie nicht getan. Trotz mancher bemerkenswerter Einzelfunde (zum Beispiel der japanische Kaugummi "Lotte", der auf den "Werther" rekurriert und "der Geliebte / die Geliebte deines Mundes" zu werden verheißt), begnügt sie sich, sobald sie das Ganze ins Auge fasst, mit einfachen statistischen Verfahren. Eine zentrale Rolle spielen Anzahl und Orte der Übersetzungen. Ein kartografischer Appendix stellt die weltweite Wirkung von "Nathan dem Weisen" oder der "Duineser Elegien" als ein dynamisch aussehendes Feuerwerk dar, das vom Sprengpunkt Deutschland aus in alle Welt explodiert; dabei spiegelt es bloß das simple Faktum wider, dass Rilke außer in Island auch in Buenos Aires in die Landessprache übertragen wurde.

"Starke Figuren wandern besonders oft in die Literatur anderer Länder ein."

Dem Buch fehlt es an einem Fokus, der es über andere, allzu ähnliche Werke sowie über das, was sowieso jeder weiß oder leicht nachschlagen könnte, hinaushöbe. Wie ein solcher aussehen könnte, davon findet man immerhin an zwei Stellen eine Andeutung: bei Richters Interpretation des Bildes von M.D. Oppenheim, "Lavater und Lessing bei Moses Mendelssohn", wo sie die missionarische Zudringlichkeit Lavaters sehr sinnfällig macht; und dann bei einigen ihrer "Fünfundzwanzig Thesen", die einen weiteren Anhang bilden. Da findet sich, These 2: "Starke Figuren wandern besonders oft in die Literatur anderer Länder ein." Ferner, in These 6: "Biografismus hilft der Kulturermittlung." Außerdem, These 10: "Literaturrezeption bedarf des Milieus, oder: Ein fremdsprachiger Text kommt selten allein."

Thesen sollten erst aufgestellt, dann erhärtet werden. Dass Sandra Richter es umgekehrt macht, dass sie ihre Thesen dem Buch nicht vorausschickt oder integriert, sondern sie zum Nachklapp gestaltet, lässt erkennen, wie außerordentlich schwer es ihr wurde, die Früchte ihres Fleißes - Anmerkungen und Literaturverzeichnis umfassen jeweils rund hundert Seiten - in ein zusammenhängendes Werk zu organisieren.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.