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Literaturfestival:Gesang im Käfig

Sympthomatisch, wie da zwei nicht ins Gespräch kamen: Peter Sloterdijk plaudert in Potsdam neben Kübra Gümüşay.

Von Jens Bisky

Für ein Gespräch "Über die Wahrheit" sind sie dank ihrer Verschiedenheit eine gute Besetzung: die Journalistin Kübra Gümüşay, 1988 in Hamburg geboren, und der 73-jährige Philosoph Peter Sloterdijk aus Karlsruhe. Ihr gemeinsamer Auftritt, zu dem das Literaturfestival Potsdam am Donnerstag in den Schirrhof des Kulturquartiers Schiffbauergasse geladen hatte, versprach Streit über Gegenwartswahrnehmung, den Unterschied der Generationen, über Sprache, Gesellschaft, Glauben. Aber nichts des Erwarteten geschah. Erst las Kübra Gümüşay lange aus ihrem Buch "Sprache und Sein", in dem von Sehnsüchten berichtet wird, dem Wunsch nach einer Sprache, die den Reichtum der Erscheinungen benennt, ohne ihn reduktionistisch zu kategorisieren, ohne Hierarchien festzuschreiben. Wie wären Dialoge zu führen, in denen nicht immer einer gewinnen muss, wie gelingt "gemeinsames Nachdenken"?

Dann lobte Peter Sloterdijk den Reiz der weiblichen Stimme, dankte für die Hinweise auf Vorzüge des Zögerns wie der Sorgfalt und deutete schließlich an, was in seinem neuen Buch stehen wird. "Den Himmel zum Sprechen bringen. Elemente der Theopoesie" ist für Oktober angekündigt. Einiges Interessante kam zur Sprache, manchmal in interessanten Formulierungen, und doch fühlte der Zuhörer sich, als trage man Platten voller Appetithäppchen an ihm vorbei, ohne dass es die Möglichkeit gab, zuzugreifen. Ein Hauptgericht stand nicht auf der Karte.

Einleuchtend erklärte Kübra Gümü- şay die Funktion der Formel vom "alten weißen Mann". Sie unterwirft jene, die gewohnt sind zu benennen, der Erfahrung des Benannt-, des Kategorisiertwerdens. Die Formel stellt das "Prinzip der Zuschreibung" deutlich aus, das den Einzelnen in den Käfig einer Identität sperrt, selbst wenn er an sich anderes wichtiger findet als die der Zuschreibung zugrunde liegenden Merkmale. Peter Sloterdijk ging darauf nicht direkt ein, er erinnerte daran, dass viel für die Vermutung spricht, die Menschen hätten anfangs nicht gesprochen, sondern gesungen.

Gespräche können schief gehen. Hier kam es zu keinem, weil keiner streiten wollte

Nur einmal widersprach er direkt. Gümüşay hatte die Vergiftung des Diskursklimas an der Karriere des Wortes "Gutmensch" erklärt, das Weltfremdheit unterstelle, homogenisierend wirke, mit negativen Assoziationen belegt sei. Manche hätten, um den Verdacht des Gutmenschentums von sich zu weisen, durch besondere Härte ihre Realitätstüchtigkeit zu demonstrieren versucht. Sloterdijk wandte ein, das Wort habe jenen gegolten, die immer nur sagten: "Denen muss geholfen werden", die also moralisch auf der sicheren Seite sich wähnend verlangten, andere müssten helfen. An der Stelle wäre eine Rückfrage gut gewesen: Ist es in der Welt nach 1789 nicht geboten, vernünftig, üblich Missstände an andere, die Öffentlichkeit, Institutionen zu adressieren? Steckt im Gerede von den "Gutmenschen" mehr als der seichte Gemeinspruch, es sei erst einmal vor der eigenen Tür zu kehren, ehe man den Übeln sich zuwendet?

Gespräche können schiefgehen. Dass es an diesem Donnerstagabend in Potsdam aber zu keinem kam, weil niemand streiten wollte, ist möglicherweise auch ein Symptom. Der polarisierten Gesellschaft fällt es besonders schwer, Dissens klar zu formulieren. Das liegt wohl auch daran, dass mehr über Positionen (wer spricht?), Regeln (darf man das?), Tonlagen geplaudert wird als über Wahrheit.

© SZ vom 08.08.2020

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