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Literaturfestival Berlin:"Wir schaffen die bessere Welt und fangen jetzt damit an!"

Beim "Internationalen Literaturfestival Berlin" herrscht erst Einigkeit in der Betroffenheit, dann wieder Ergriffenheit vor der eigenen Zuversicht. Schließlich war Edward Snowden zugeschaltet.

Von Jörg Magenau

Die vier Erzfeinde des Sozialismus hießen Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Hauptfeinde der Demokratie sind nicht weniger allgegenwärtig. Drei davon nannte Jan Schulte-Kellinghaus in seinem Grußwort zur Eröffnung des Internationalen Literaturfestivals Berlin: Frustration, Desinteresse und Populismus. Als Programmdirektor des RBB weiß er, dass es diese Gegner sind, die tatsächlich hinter dem "Lügenpresse"- und "Staatsfunk"-Geschrei stecken. Den vierten Feind ergänzte später der russische Schriftsteller Victor Jerofejew: die Dummheit. Wie sonst wäre zu verstehen, dass sich ein Wahlvolk mehrheitlich für Despoten wie Kaczynski, Orban, Erdogan, Putin oder Trump entscheidet?

"Nur die allerdümmsten Kälber / wählen ihre Metzger selber", hat Bertolt Brecht einst gedichtet. Eine Erklärung für die autokratische Wende der Gegenwart heute ist das nicht. Doch das Gefühl der Gefährdung liberaler, aufklärerischer Errungenschaften wächst in der westlichen Zivilisation, die vielleicht leichtfertig für selbstverständlich gehalten worden sind. Denn die mediale Dauerpräsenz von Katastrophen und Terror erzeugt ein Gefühl von Bedrohung, das ausbeutbar ist. So ist es zu erklären, dass im Rahmen dieses Literaturfestivals ein Kongress "für Demokratie und Freiheit" Autoren versammelte, die demonstrieren durften, dass sie nicht nur schreiben, sondern auch vom Handeln sprechen können.

Die Liste der Redner bei der "langen Nacht der Demokratie" reichte vom indischen Anthropologen Arjun Appadurai bis zum amerikanischen Übersetzer Eliot Weinberger, vom polnischen Dissidenten Adam Michnik über Zhanna Nemtsova, der Tochter des ermordeten russischen Oppositionellen Boris Nemtsow, bis zum unvermeidlichen Peter Schneider. Dass solche Veranstaltungen dazu tendieren, sich in Weihestunden zu verwandeln, liegt in der Natur der Sache. Dass dabei dann aber auch ein paar neue Ideen angesprochen wurden, ist mehr als erhofft.

Edward Snowden, der via Skype überlebensgroß auf einer Kinoleinwand im Bühnenhintergrund erschien, war hier eher für das Weihevolle zuständig. Als Saulus der Geheimdienste, der sich zum Paulus der Freiheit gewandelt hat, ist er so etwas wie der virtuelle Heilige der digitalen Gegenwart. Während er - früher hätte man gesagt: zur besten Sendezeit - über das Ausmaß der Überwachung im Internet sprach, herrschte absolute Stille im Saal.

Der ganze Abend war nicht auf Debatte, sondern auf Konsens ausgerichtet

Dabei blieb jedoch ziemlich unklar, wie die "Schutzräume", an denen er arbeitet und in denen wir uns in einer zukünftigen, "besseren Welt" überwachungsfrei austauschen könnten, funktionieren sollen. Wirkungsvolle Verschlüsselungstechnologien sind auch eine Glaubenssache, obwohl laut Snowden nicht der Glaube die Welt verändert, sondern nur das Handeln in der Öffentlichkeit.

Er hat die technische Gefährdung der Freiheit erkannt und setzt dagegen auf technische Maßnahmen. Technologie, sagt er, war seit der Erfindung des Rades immer der beste Hebel zur Verbesserung der Welt. Aber was nützen ihm seine digitalen "Schutzräume", wenn er sich nicht aus dem Moskauer Exil herausbewegen kann? Über Russland sagte er kein Wort, wie Zhanna Nemtsova spitz anmerkte.

Präziser und anregender, jenseits des Herzerwärmenden, war die argentinische Expertin für "liquid democracy", Pia Mancini. Warum, fragte sie, begnügen wir uns immer noch mit den politischen Formen des 19. und 20. Jahrhunderts, der repräsentativen Demokratie, bei der wir alle vier Jahre unsere Stimme abgeben - und das war's dann?

Die technischen Möglichkeiten für direkte Beteiligungen wären doch gegeben. Wir könnten uns unsere Repräsentanten für jedes Thema einzeln wählen. Warum immer noch Parteien? Warum nationalstaatliche Einengung? Warum ist unsere Stimme immer noch an die Zufälligkeit unseres Geburtsortes gebunden und nicht an unsere Interessen? Warum keine globale, digitale, direkte Demokratie? Selbst Europa, das in den Redebeiträgen immer wieder als transnationaler Hoffnungsraum aufleuchtete, wäre für diese Vision ein viel zu kleiner Rahmen. Dieses Neue hat längst begonnen, auch wenn es oft nur die Form eines grassierenden Online-Petitions-Irrsinns annimmt.

Das sind Anstöße, die in die Zukunft als "offenen Raum" weisen, von dem der Grünen-Politiker Ralf Fücks sprach. Sinnbildlich war dieser Raum im Licht hinter den sanft wehenden, weißen Vorhängen zu erkennen, die auf die Kinoleinwand im Hintergrund projiziert wurden. Davor stand ein langer, leerer, verschatteter Tisch mit sechs Mikrofonen, an dem nichts gesprochen wurde, weil der Abend nicht auf Debatte, sondern auf Konsens und einzelne Redebeiträge vom Rednerpult ausgerichtet war. "Zuversicht" bezeichnete Fücks als "Essenz der Demokratie". Dass die Zukunft offen ist, das ist ja schon die gute Nachricht. Und es war nur halb ironisch, wenn Fücks mit einem priesterlichen "Fürchtet euch nicht!" endete. Edward Snowden setzte noch eins drauf: "Wir schaffen die bessere Welt und fangen jetzt damit an!" Der Applaus war lang, die Ergriffenheit groß. Denn dagegen ist nun wirklich nichts zu sagen.

© SZ vom 11.09.2017
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