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Literaturfestival:Alter und neuer Faschismus

Was können die Intellektuellen tun, wenn das eigene Land im Nationalismus versinkt? Das Internationale Literaturfestival Berlin sucht Formen des Widerstands.

Jahr für Jahr steht das Internationale Literaturfestival in Berlin vor einer selbst gewählten Herausforderung. Auf der einen Seite will man die aus aller Welt eingeladenen Autoren als Künstler ernst nehmen und sie keinesfalls als landeskundliche Informanten vorführen. Auf der anderen Seite sollen die Veranstaltungen den Anspruch eines Diskurs- und Debattenfestivals bedienen, das unbequeme Wahrheiten ausspricht und zu Selbstkritik aufruft. Als am vergangenen Mittwoch die simbabwische Schriftstellerin Petina Gappah das Festival mit einer Rede über Kolonialismus und europäische Verantwortung eröffnete, wurden gleich beide Erwartungen enttäuscht.

Denn bezüglich der künstlerischen Funktion der Literatur hatte Gappah kaum mehr als ein paar müde Klischees zur versöhnenden Kraft des Lesens zu bieten. Literatur zu lesen, hieß es da, sei die einzige wirkliche Möglichkeit, in die Seele des anderen vorzudringen und fördere durch Empathie und Mitgefühl das Verständnis der Vergangenheit.

Gappah hatte es sich zur Aufgabe gemacht, diese Vergangenheit als eine von Afrika und Europa geteilte zu rekonstruieren. Es half ihrer Sache allerdings kaum, dass sie sich dafür einen denkbar fragwürdigen Gewährsmann auserkoren hatte: den Hobby-Historiker und Baumkenner Earl Pakenham, der in seinem schon bei Erscheinen heftig kritisierten Bestseller "The Scramble for Africa" die Geschichte der Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten als flotten Abenteuerroman inszenierte - und zwar unter ausschließlicher und unkritischer Verwendung imperialer Quellen.

Auf die Kritik, die im Vorfeld an Gappahs Beratertätigkeit für die Regierung des Mugabe-Nachfolgers Emmerson Mnangagwa laut wurde (SZ vom 10.09.), reagierte man indes nur am Rande. Mnangagwa war als Minister mitverantwortlich für die Ermordung Zehntausender Oppositioneller und lässt auch als Präsident Menschen verschleppen und auf Demonstranten schießen. Gappah wählte den diplomatischen Ausweg und sagte lediglich, sie habe die Chance ergreifen wollen, Veränderung zu sein statt nur darüber zu schreiben, "in einem Regime, mit dessen Politik ich nicht immer einverstanden war." Die Journalistin Gabriele von Arnim wiederum sprach in ihrer Einführung von dem alten Dilemma der Intellektuellen: entweder bequem von außen das Regime kritisieren oder unbequem von innen für Veränderung kämpfen.

Folgte man dieser absurden Logik, wären unter anderem all jene Intellektuellen als bequeme Beobachter von außen zu diskreditieren, die sich im Instituto Cervantes trafen, um über das neue autoritäre Brasilien zu sprechen. Sehr viel dringlicher als am Eröffnungsabend ist man dort der Frage nachgegangen, welche Handlungsspielräume den Intellektuellen im Brasilien unter Bolsonaro noch bleiben. Während der Romanautor Luiz Ruffato ein paar Statistiken beisteuerte, lieferte der britische Historiker Perry Anderson einen zwar informativen, aber letztlich zu unpräzisen Überblick zu den politischen, ökonomischen und kulturellen Krisen, die Bolsonaros Aufstieg den Boden bereiteten.

Schon jetzt herrsche in Brasilien ein auf Dauer gestellter Ausnahmezustand

Am interessantesten am ersten Teil des Abends waren die Ausführungen der afrobrasilianischen Soziologin Djamila Ribeiro, die in druckreifen Sätzen verdeutlichte, dass Rassismus kein identitätspolitischer Nebenschauplatz ist, sondern ein historisches Erbe, das die gesamte brasilianische Gesellschaft strukturiert. Dass es dann kaum noch Gelegenheit gab, über das Spezifische der Situation unter Bolsonaro zu sprechen, lag nicht zuletzt an der fahrigen Gesprächsleitung eines sichtlich überforderten Moderators.

Zum Glück verzichtete das zweite Panel gleich ganz auf umständliche Moderationsmanöver und widmete sich in einem dichten Dreiergespräch der traurigen Rückkehr der Exilthematik, die man in Brasilien mit dem Ende der Militärdiktatur bereits überwunden glaubte. Neben dem in Berlin lebenden Schriftsteller und Kunsthistoriker Rafael Cardoso und dem in Paris lehrenden Literaturwissenschaftler Leonardo Tonus konnte vor allem die Philosophin Márcia Tiburi Akzente setzen.

Wie einst Hannah Arendt für den alten, beschrieb sie das Gespenstische an der allmählichen Durchsetzung eines neuen Faschismus, der zwar nicht direkt tötet, aber indirekt zum Töten aufruft. Schon jetzt herrsche in Brasilien ein auf Dauer gestellter Ausnahmezustand, und der rechtswidrig inhaftierte Ex-Präsident Lula sei dafür die lebendige Metapher.

Was also tun gegen die "graue, traurige Politik" von "Bolsonaro und seinen sieben Zwergen"? Auch wenn die seit Kurzem im französischen Exil lebende Tiburi einfache Lösungen scheute, wollte sie sich auf keinen Fall mit der Diagnose einer "zivilgesellschaftlichen Depression" abfinden. Ihr Abschlussplädoyer für eine lebensbejahende Opposition ließ sich nicht zuletzt auch als Appell an Kulturinstitutionen wie das Literaturfestival oder die mitorganisierende Heinrich-Böll-Stiftung verstehen: als Aufforderung, die Werte der Demokratie nicht nur formelhaft zu beschwören, sondern sie durch die Förderung kultureller Grundlagenforschung mit zu verteidigen.