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Literaturfest:Ticket in die Vergangenheit

Sten Nadolny

"Schreiben geht nicht ohne Narzissmus": Sten Nadolny.

(Foto: Eckhard Waasmann/Piper)

Sten Nadolny erinnert sich an sein Debüt "Netzkarte"

Von Bernhard Blöchl

Ein 38 Jahre altes Buch in den Fokus des Literaturfests zu rücken, ist ein kühnes Vorhaben. Wie bereichernd es sein kann, auch mal zurückzublicken, die Flut der Neuerscheinungen fidel ignorierend, zeigt der Abend mit Sten Nadolny. Dessen Debüt "Netzkarte" passt schon thematisch zum Bücherschau-Motto "Das schöne Mysterium" mit Entdeckungsreisen unterschiedlicher Art. Ist doch der Roman gewordene Selbsterfahrungstrip des jungen Ole Reuter, der 1976 einen Monat lang mit der Bahn kreuz und quer durch die Bundesrepublik fährt, ohne Sinn und ohne Ziel, eine Hymne auf die Lust am Unterwegssein. Vor allem aber gibt es in der gut gefüllten Black Box des Gasteig Antworten auf die spannende Frage, wie ein preisdekorierter Bestsellerautor (zuletzt "Das Glück des Zauberers") zum eigenen Frühwerk steht. In diesem Fall: selbstkritisch und verschmitzt. Das merkt man daran, wie er die Zeilen des "Jungen Spundes" kommentiert, die er eben vorgelesen hat. Seine Zeilen. Zum Beispiel jene, die von der Begegnung Ole Reuters mit einem rauchenden Mädchen handeln. "Ich könnte mich ohrfeigen. Nur ein paar andere Worte mit freundlichem Klang, und ich hätte die Nacht im Warmen verbracht, dort wo es am wärmsten ist." Nadolny beendet den Leseabschnitt, blickt in das Publikum und lächelt. "Ein bisschen peinlich ist es mir schon", sagt er. Man erlebe hier "einen, der das Schreiben entdeckt". Beim Wiederlesen zur Vorbereitung sei er "ein bisschen ins Kopfschütteln" gekommen.

Nadolny, inzwischen 77, kokettiert charmant. Frühe Passagen, die zunächst Notizen eines Reisenden waren und kein Buchprojekt, wie er erzählt, nennt er "unschuldige Schreiberei". Und je länger der vergnügliche, durch und durch retrospektive Abend dauert, desto mehr taucht der Bachmann-Preisträger von 1980 in die eigene Vergangenheit ein. Erzählt von den "vielen Absagen", die er einst bekommen habe, von dem Versuch, die "Netzkarte" unter dem Pseudonym der Hauptfigur zu veröffentlichen, vom "wahrheitsgemäßen Erfinden", von der unbedingten Verbindung von Schreiben und Narzissmus, von der allmählichen Entdeckung der Raffinesse und der Überlagerung der Recherchen zu "Netzkarte" (1981) und seinem Welthit, "Die Entdeckung der Langsamkeit" (1983).

So nehmen die Zuhörer teil an einer wortschönen Reise durch die BRD mit drolligen Orten wie Sulz, Eickel und Jerxheim, aber eben auch an einer Reise zum jungen Nadolny. Reisebegleiter an diesem Abend ist der Autor und Kulturkritiker Harald Eggebrecht (SZ). Beide Herren kennen und verstehen sich gut. Auf Eggebrechts Nachfrage, ob er die kussfreudige Episode mit der jungen Frau in Köln selbst erlebt habe, antwortet Sten Nadolny: "Wir sind seit 43 Jahren zusammen, seit 30 Jahren verheiratet."

© SZ vom 28.11.2019
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