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Literaturfest:Singen und schwingen

Die erste Bänkelbar und ein Theaterprojekt beim Literaturfest

Von Antje Weber

Das Lied "Halleluja" wird man in den kommenden Wochen noch oft hören, doch am Freitag war es schon besonders berührend, als die erste Bänkelbar damit eröffnete. Da stand die junge Sängerin Antonia Dering mit Kontrabass im Hofspielhaus und erinnerte mit ihrer Hommage an Leonhard Cohen daran, wie untrennbar Poesie und Musik zusammengehören.

Und genau darum geht es bei den Bänkelbars, die sich Forum:Autoren-Kuratorin Elke Schmitter ausgedacht hat: Sprache vor allem sinnlich als Stimme und Klang zu erspüren - "wir sind ja Schwingungs-Menschen", sagt Schmitter selbst dazu. Verschiedenste Musiker und Lyriker sollen bei der Bänkelbar vortragen; davon erhofft sich Schmitter eine "Verdichtung", auch eine "Atmosphäre der Ratlosigkeit" und dann ein "Neu-Verstehen".

Das kalkulierte Spiel mit dem Nicht-Verstehen beherrscht vor allem die niederländerische Performerin Maud Vanhauwaert an diesem ersten Abend überaus charmant. Sie trägt auf Niederländisch einen Text vor, bei dem die Zuhörer nur die Begriffe "Begräbnis" und "Mikrofonanlage" kennen - da versteht man nichts und ahnt doch alles. Schwieriger wird die Kommunikation, wenn sich Moderatorin Judith Heitkamp mit der in Ulm lebenden bosnischen Sängerin Zorica und Pianist Jasmin Merdanovic auf Deutsch unterhalten will: Verständigung über die reine Poesie ist manchmal eben doch einfacher, weil sie ungefährer bleiben kann.

Ach ja, ein Thema hat diese stimmungsvolle Bänkelbar auch noch: Heimat. Das ist aber zweitrangig, auch wenn Lyrikerin Ulrike Draesner über die "Heim-Suchung" der Nibelungen rätselt und Sängerin Natasa Mirkovic eine bewegende albanische Totenklage anstimmt. Es werden auch noch Björn Kuhligk und Alida Bremer auftreten in dieser Nacht, doch leider zu so später Stunde, dass die Rezensentin bereits ihre eigene Heim-Suchung angetreten hat.

Noch einmal anders um Sprache und Sinne geht es am Samstag in den Kammerspielen. "Rot ist, wie ein Holzkästchen sich anfühlt" hat die Schriftstellerin und Regisseurin Judith Kuckart ihr Theaterprojekt genannt. Ein seltsamer Titel, der auch den drei Hauptdarstellerinnen Rätsel aufgibt, wie sie fröhlich plaudernd gestehen: "Rot, wie kann sich das anfühlen?" Insbesondere für Menschen, die Farben gar nicht sehen können? Denn Yesim Erdogan, Silja Korn und Heike Thiel sind blind - und sie sollen an diesem Abend in Worte fassen, wie sie die Welt wahrnehmen.

Ein Theaterabend im engeren Sinne ist das nicht, die theatralen Mittel beschränken sich im Wesentlichen darauf, dass die Selbst-Darstellerinnen schrittweise näher an das Publikum heranrücken. Es ist - abgesehen von Einschüben wie erzählten Träumen, biografischen Geschichten und Gesang - vor allem eine Art Talkrunde, die auf den Ergebnissen einer Schreibwerkstatt basiert. Noch-Kammerspiel-Schauspielerin Brigitte Hobmeier, die sich im Dienste der blinden Frauen freundschaftlich zurücknimmt, spielt dabei die Rolle der Moderatorin und stellt eine Menge Fragen: Wie speichern Blinde Erinnerungen ab? Fassen Blinde wirklich gerne die Gesichter anderer Menschen an? Haben auch Blinde Angst im Dunkeln?

Lebhaft, sympathisch und klug geben die drei Frauen Auskunft. Sie beschreiben die besonders große Bedeutung von Sprache für ihr Leben, da sie einen Raum ja nicht mit Blicken füllen und deuten können. Sie erklären, dass sie das Sehen für überbewertet halten: "Es geht eher ums Wahrnehmen." Trotz aller Antworten werden an diesem Abend jedoch auch neue Fragen aufgeworfen - Absicht? Ein wenig Ratlosigkeit gehört vor dem Verstehen ja angeblich dazu. Es ist am ersten Wochenende des Forum:Autoren jedenfalls einiges in Schwingung geraten.

© SZ vom 14.11.2016
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