Literaturfest München Angela Merkel als Romanfigur

Auf dem Münchner Literaturfest spricht der Schriftsteller F. C. Delius über den Unterschied zwischen Lüge und Fiktion - und über die Frage, ob Angela Merkel eine Romanfigur sein könnte. Klare Antwort: nein.

Von Nicolas Freund

Es herrscht Verwirrung, seitdem Doris Dörrie "Alles Echt. Alles Fiktion" als Thema des diesjährigen Literaturfests München ausrief. Nachdem viele Autoren in den letzten Jahren mit autobiografischen Texten großen Erfolg hatten und gleichzeitig Begriffe wie "Fake News" noch viel erfolgreicher waren, führt dieses Thema direkt ins Zentrum der Debatten. Schon bei der Eröffnung des Literaturfests am Donnerstag wurden die Themen unangenehm vermischt - als stünden sich Fakten und Fiktion unvereinbar gegenüber. Als könne eine Fiktion keine Fakten enthalten. Oder als stünde die Literatur im Verdacht, Fake News zu sein.

Literatur ist keine Lüge, sondern ein Mittel, um die Lüge als solche zu erkennen

Am Wochenende wurde die Diskussion mit Expertenrunden zu Themen wie der Rolle des Journalismus und dem Verhältnis von Erinnerung und Erzählen fortgesetzt. Eingeladen war auch F. C. Delius für einen Vortrag zu den Tücken des autobiografischen Schreibens, angekündigt wurde er von Dörrie aber mit einem Vortrag über die Frage "Kann Angela Merkel eine Romanfigur werden?" Kurze weitere Verwirrung, das ist der Titel eines Aufsatzes, den Delius in der Zeitschrift Sinn und Form veröffentlicht hat, dabei hat er einen ganz neuen Vortrag, in dem er aber auch auf die Frage nach der Möglichkeit einer Romanfigur Angela Merkel eingeht. Delius überspielt den Fehlstart souverän: "Dörrie lässt sich nicht gern widersprechen, ich widerspreche aber gerne - das passt."

An den Anfang stellt Delius ein Zitat Jean Pauls, "Leser kann man nicht genug betrügen", und ruft zur Besonnenheit in der Debatte um "Glitzerkram" wie "Fake News" auf. Sogar bis ins Literaturhaus, wo er den Vortrag hält, hätten es diese Begriffe nun geschafft. Es sei zu trennen: Im Alltag gebe es die Lüge, in der Kunst die Fiktion. Als Beispiel zieht er das autobiografische Schreiben heran. Daran erkennt man am besten, was passiert, wenn "Realität in Fiktion verwandelt" wird, wie es Dörrie vorher formulierte. "Es operiert mit Fantasie und vor allem mit der Form", fährt Delius fort, "es fügt dem Faktischen also etwas Entscheidendes hinzu. Etwas Schwieriges, schwer zu Benennendes, nämlich das, was Kunst ausmacht." Und das heißt nicht unbedingt, etwas hinzuzuerfinden.

Zur Illustration greift Delius auf die eigene Biografie zurück. 1967, im Regent's Park in London, gab es eine zufälliges Treffen mit einem Ball, einem Hund und Paul McCartney. 30 Jahre später machte Delius aus dieser Zufälligkeit ein ganzes Buch, indem er das Zusammentreffen in allen möglichen literarischen Formen nacherzählte: "als Traum, Bericht oder Gedicht, als Rap, Sonett oder Haiku". Eine Geschichte, ein Fakt, wenn man so will, in 66 Formen.

Könnte aber nun Angela Merkel eine Romanfigur werden? Delius verneint das. Für ihn komme das nicht infrage, denn eine Romanfigur Merkel wäre für ihn eine "ästhetische Lüge", denn er hätte zu ihr keinen "empathischen Draht" - und er müsse automatisch auch zu ihrem Kritiker werden, und dafür sei die Literatur nicht da.

Delius schließt mit einem Zitat der schottischen Autorin Ali Smith: "Literatur ist wichtiger denn je, weil sie erfunden wird. ( . . . ) Eine Lüge ist nicht wahr, und ein Roman weiß auch, dass er nicht wahr ist. Der Unterschied ist, dass die Lüge die Wahrheit untergraben will." Delius Vortrag erinnert daran, dass die Literatur nicht unter Verdacht steht, sondern dass sie lehren kann, eine Lüge als solche zu erkennen. So einfach ist das.