Literaturfest Erfundene Wahrheiten

"Alles Echt. Alles Fiktion" heißt das Motto des Forum:Autoren beim Literaturfest, das an diesem Mittwoch beginnt. Wir haben sechs sehr unterschiedliche Schriftsteller nach dem Verhältnis von Realität und Fantasie in ihrem Werk befragt - ein Faktencheck

Im Faktencheck (von links oben im Uhrzeigersinn): F.C. Delius, Ursula Poznanski, Ken Follett, Arno Frank, Verena Kast und Deborah Feldman. Fotos: J. Bauer, J. Mangione, O. Favre, B. Hartung, P. Fiacco, M. Bothor; Collage: SZ

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Perfekte Camouflage

Deborah Feldman schreibt sich in "Überbitten" frei

Dieses Leben liegt tatsächlich da wie ein offenes Buch. Meint man. In Wirklichkeit sind es drei Bücher. Hingelegt hat sie die Schnell- und Vielschreiberin Deborah Feldman seit 2012. Alle drei kreisen um ihr eigenes, erst 31-jähriges Leben: "Unorthodox" (2012), "Exodus" (nein, sie schreckt vor dem großen Titel nicht zurück, 2013), "Überbitten" (2017). Autofiktional oder real? - Der Faktengehalt ihrer neuerlichen Lebensbekenntnisse, die den Begriff "Abbitte leisten" im Titel tragen, bewegt sich um geschätzte 90 Prozent. Das ist viel, berücksichtigt man die unvermeidliche Neigung, die Vorkommnisse in der eigenen Biografie beim Aufschreiben sinnstiftend einander anzupassen.

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Selbst mag die in den Medien omnipräsente Bestseller-Autorin dazu keine Zahl nennen. Sie äußerte sich allerdings zum Verhältnis Fakt und Fiktion unlängst in einem Spiegel-Interview folgendermaßen: "Das Ich meines Buches ist eine Maske insofern, als es eine Tarnung bietet. Ich schreibe über mein privates Leben, und die Menschen denken: Oh, wie ehrlich! Und glauben diese Frau zu kennen. Das ist die perfekte Versteckmethode."

"Überbitten", ihr 700-seitiges Opus magnum zur schrittweisen Selbstbefreiung in chronologischen Stationen aus den Fesseln ihrer ultraorthodoxen jüdischen Glaubensgemeinschaft, in Williamsburg / New York, wartet mit einem dichten Gespinst oft irrwitziger Episoden auf. Die absurdeste von allen ermöglicht ihr schließlich, in einem Münchhausen'schen Coup die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Fakt ist nämlich, dass ihr Urgroßvater, der nichteheliche Sohn ihrer Ururgroßmutter und eines Katholiken, jenes urkundlich beglaubigte Detail im Stammbaum liefert, das ihr als Surplus zum Status als Nachkommin rassisch Verfolgter zur schnellen Einbürgerung verhalf. (Ein Lapsus, dass Deborah Feldman diesen Urgroßvater, sich der Nazi-Terminologie bedienend, einen "Halbjuden" nennt.) Im Wagemut ihrer Ururgroßmutter glaubt sie sogar, den Keim ihrer eigenen Aufmüpfigkeit zu entdecken. Sie flieht aus ihrem anachronistischen, repressiven Umfeld - nach Berlin.

Letzteres mutet selbst schon als Paradox an: Die Enkelin von Holocaust-Überlebenden sucht ausgerechnet im Land der Täter Zuflucht. Feldman denkt gründlich darüber nach und kommt zu dem Schluss, dass Berlin, wo so viele Existenzen außerhalb der Norm Platz finden, nicht der Schmelztiegel New York ist. Aber es "zählt nicht das, was uns trennt, sondern wie viel wir gemeinsam haben. Sich windend damit zu hadern, deutsch zu sein, ist nicht so anders, als sich windend damit zu hadern, jüdisch zu sein", schreibt sie und fährt fort: "Eines ist der Kehrwert des anderen." Das "Bewohnen beider sich überlappenden Sphären dieser Identitäten" betrachtet sie als "eine natürliche Fortentwicklung". Und ist, nachdem sie sich an der eigenen Lebensgeschichte so gründlich abgearbeitet hat, zur Schriftstellerin wohl nun bereit für die Fiktion. Eva-Elisabeth Fischer

Literaturfest-Eröffnung, Mi., 15. Nov., 19 Uhr, Gasteig; Gespräch am Do., 16. Nov., 18.30 Uhr, Alte Bayerische Staatsbank, Kardinal Faulhaber Str. 1

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Wirbeln und verstören

Büchnerpreisträger F. C. Delius über das Romanschreiben

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"Der Chronist muss objektiv sein, der Schriftsteller subjektiv, radikal subjektiv." So schreibt Friedrich Christian Delius in einem Essay, der im März in der Zeitschrift Sinn und Form erschien, unter dem Titel "Kann Angela Merkel eine Romanfigur werden?" Um die Frage schnell zu beantworten: nein. Um etwas länger beim Unterschied zwischen Chronist und Schriftsteller zu bleiben: Das Etikett des Chronisten, das ihm selbst immer wieder aufgeklebt wird, gefällt Delius ganz und gar nicht. Das sei "als Kompliment ganz nett gemeint, aber ziemlich falsch". Denn nach seiner Vorstellung notiert ein Chronist die Fakten "sauber und ordentlich hintereinander". Romanschreiber dagegen "sind keine solchen Beamten, sie produzieren Unruhe und Verstörung". Sie "wirbeln die Fakten durcheinander, vermengen sie mit Fiktion und setzen sie neu zusammen".

Ein Fakten-Beamter, das kann man also schon einmal festhalten, ist der Büchnerpreis-Träger und überhaupt vielfach für sein großes Werk ausgezeichnete Schriftsteller mitnichten. Und auch wenn er selbst sich auf Anfrage nicht festlegen will, in welche Richtung das Pendel zwischen Fakten und Fiktion genau ausschlägt: Aus solchen Sätzen kann man klar herauslesen, dass er der Fiktion einen sehr viel höheren Stellenwert einräumt als den Fakten. In einer Mail verweist Delius zudem auf einen Satz von Imre Kertész, den er auch im Essay zitiert: "Im Roman sind nicht die Tatsachen das Entscheidende, sondern allein das, was man den Tatsachen hinzufügt." Und er präzisiert: "Die Betonung liegt auf: allein." Was nun aber wie hinzugefügt werden sollte und könnte, "ist nicht mehr in Formeln zu fassen und darum das Thema meines Vortrags".

Dieser Vortrag beim Forum:Autoren des Literaturfests soll von den "Tücken (auto-)biografischen Schreibens" handeln und damit vom "Wechselspiel zwischen Distanz, Ironie und Empathie". Das verspricht interessant zu werden, denn nach seinen Anfängen als politischer Autor (auch gegen diese Zuschreibung wehrt er sich) hat Delius im Laufe der Jahre und Bücher dem Autobiografischen immer mehr Raum gegeben. In der Erzählung "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" von 1994 zum Beispiel gab er Einblicke in seine Kindheit. In "Bildnis der Mutter als junge Frau" setzte er 2006 der eigenen Mutter ein Denkmal. Und auch im zuletzt erschienenen Roman "Die Liebesgeschichtenerzählerin" von 2016 greift er wieder auf die eigene komplexe Familiengeschichte zurück, diesmal an einer Reise der Tante entlang erzählt.

Doch aller biografischen Details zum Trotz sollte man sich auch bei diesem Roman klarmachen: Sein Schöpfer ist, um wiederum den Essay zu zitieren, "Subjektivist durch und durch". Nur "ein einziger Mensch auf der Welt" konnte den Roman so schreiben, in der "eigenen Perspektive, eigenen Sprache, mit eigenem Stil". Ohne ein "großes und demütiges Ich", so Delius, gehe gar nichts: "Der Kern der Sache muss mit mir zu tun haben." Antje Weber

Vortrag, Samstag, 18. Nov., 17 Uhr, Literaturhaus

Seelische Selbstvergiftung

Psychoanalytikerin Verena Kast denkt über Angst und Hass nach

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Träume oder Gefühle sind reale Gegebenheiten für die Schweizer Psychologieprofessorin und Psychotherapeutin Verena Kast. Daher bringt sie die Frage nach dem Verhältnis von Fakt und Fiktion in ihren Büchern zum Schmunzeln. "Die Innenwelt eines Menschen ist für mich keine Fantasie", sagt die Präsidentin des Züricher C.G. Jung-Instituts. Deshalb enthielten ihre Sachbücher - mehr als 80 hat sie bislang geschrieben - aber nicht zu 100 Prozent Tatsachen. Schließlich gestalte sie ihre Materialen während des Schreibprozesses doch sehr kreativ. "Wenn ich ein Zahlenverhältnis nennen soll", sagt Verena Kast, "dann handelt es sich um 20 Prozent Fiktion und 80 Prozent Fakten."

Verena Kast, Jahrgang 1943, hat sich in ihrem Berufsleben viel mit Märchen und deren psychologischer Deutung auseinandergesetzt. Ausgiebig erforscht sie auch Emotionen, für sie Urkräfte, die in Verbindung mit Bildern und Gedanken menschliche Kultur ausmachen. Den Anstoß für ihr jüngstes Buch "Wi(e)der Angst und Hass" (Patmos) lieferte die Münchner Pfarrerin Jutta Höcht-Stöhr von der Evangelischen Stadtakademie. Sie fand, Kast solle sich angesichts des Hasses in der Welt und der Angst vor dem Fremden mit diesen Gefühlen auseinandersetzen. Die Analytikerin griff die Idee auf, "obwohl ich eigentlich nicht über Hass schreiben wollte".

Präzise und anschaulich beschreibt sie in ihrem Buch, wie Hass entsteht, schildert den schleichenden Prozess der seelischen Selbstvergiftung, der ausgelöst wird, wenn Menschen bestimmte, aggressionserfüllte oder sie demütigende Situationen immer wieder durch- oder nacherleben. Die Muster dieser Angsterfahrungen, die oft aus der Kindheit stammen, brennen sich ein, werden verinnerlicht und generalisiert.

"Emotionen sind ansteckend, weil wir sie über den Körper erleben, das läuft meist nicht als bewusster Akt", sagt Kast. Jeder, der in eine Gruppe kommt, lasse sich leicht von Gefühlen anderer infizieren, sowohl im negativen als auch im positiven Sinn. "Im Positiven ist das etwas sehr Schönes, im Negativen sehr belastend." Angst, Ansteckung, Ärger - da frage sich der Einzelne schnell, ob er zu kurz kommt, zumal der Mensch nach Ansicht Kasts zu viel Fremdheit nicht verträgt; er brauche ein paar Orientierungspunkte, die ihn beheimatet sein lassen in einem sich ständig wandelnden Leben. Wenn Fremde kämen, verändere sich schließlich für alle viel, sagt Kast: "Für die, die kommen, genauso wie für die, die da sind." Reichlich Raum also für diffuse Ängste, aber eben auch eine Herausforderung, sich weiterzuentwickeln.

Kast hat viele Vorlesungen zu diesen Themen gehalten. Die Recherche und Vorbereitung, die sie dafür leistete, erleichtert ihr jetzt das Schreiben. Früher arbeitete sie mit Zettelkästen, heute nutzt sie Suchmaschinen, um nach neuen Studien zu forschen. "Ich recherchiere auch stark rückwärts, denn über Emotionen hat bereits Aristoteles viel Kluges geschrieben." Die existenziellen Dinge, denen ihr Interesse gilt, hätten die Menschen eben schon immer beschäftigt. Sabine Reithmaier

Vortrag, Sonntag, 19. Nov., 17 Uhr, Literaturhaus

Siena sehen und sterben

Ursula Poznanskis neuer Jugendthriller "Aquila"

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Die deutsche Austauschstudentin Nika wacht morgens schwer verkatert in ihrer italienischen WG-Wohnung auf. Verschwunden sind nicht nur ihre Mitbewohnerin Jenny, sondern auch ihr Handy, Schlüssel, Pass und der Akku für ihr Notebook - sowie die komplette Erinnerung an die vergangenen zwei Tage. Stattdessen prangt eine Drohung auf dem Badezimmerspiegel und über dem Badewannenrand hängt ein blutiges Männer-T-Shirt. Was anmutet wie das Setting zu einem weiteren Hangover-Sequel, ist tatsächlich der Auftakt zu Ursula Poznanskis Jugendthriller "Aquila", in dem die 19-jährige Nika auf eigene Faust in Siena zu ermitteln beginnt. Zum einen, weil ihre Italienischkenntnisse so schlecht sind, dass sie den mysteriösen Hergang der Polizei nur bruchstückhaft verständlich machen kann. Zum anderen aber auch, weil sie laut Augenzeugen in einen heftigen Streit mit Jenny verwickelt war. So dass Nika sich schließlich sogar selbst verdächtigt: "Hatte Jenny das wirklich gesagt, war es eine Erinnerung oder nur etwas, das Nika sich in ihrer Fantasie zusammenreimte?" Auflösung verspricht eine Liste mit kryptischen Notizen, die Nika während der verlorenen Tage hingekritzelt haben muss: "Das Blut ist nicht deines. Cor magis tibi sena pandit. Du weißt, wo das Wasser am dunkelsten ist. Halte dich fern von Adler und Einhorn. . ."

"Die Geschichte hat viel Fiktives, enthält aber keine fantastischen Elemente und spielt auch nicht in der Zukunft", sagt die Autorin Ursula Poznanski. Die Wienerin, Jahrgang 1968, erreichte mit ihrem Debütroman "Erebos", in dem Jugendliche gezielt in ein Online-Rollenspiel hineinmanipuliert werden, auf Anhieb eine riesige Fangemeinde. Das Buch, in dem virtuelle Welten und Roman-Realität verschwimmen, wurde in 23 Sprachen übersetzt. Und erhielt 2011 den deutschen Jugendliteraturpreis, verliehen von der Jury von Jugendlichen. Das erscheint umso aussagekräftiger im Kontext von Themen wie jugendlicher Leseunlust oder Mediensucht.

Vor diesem Hintergrund nimmt sich die Handlung von Poznanskis neuem Buch erstaunlich realistisch aus. "Recherchiert habe ich in Siena sehr genau, ich bin mehrere Male dorthin gereist", sagt sie. Auch mit der Geschichte der 17 historischen Stadtteile, den Contraden, mit den jeweiligen Verfeindungen und Bündnissen, habe sie sich beschäftigt. Beim Schreiben lag der Stadtplan des heutigen Siena immer vor ihr. So existieren die Straßen und auch der kleine Brunnen mit der titelgebenden Steinfigur wirklich. "Deshalb würde ich den Faktengehalt innerhalb der Romanfiktion auf fünfzehn Prozent schätzen", sagt sie. Damit der Thriller realistisch erscheine, mussten die Protagonisten mindestens 18 Jahre alt sein. "Sie dürfen vor dem Gesetz keine Kinder mehr sein und sich selbständig bewegen können, sonst funktioniert die Geschichte nicht". Die funktioniert übrigens tatsächlich so gut, dass man beim Lesen große Lust bekommt, sich auf eine eigene Entdeckungsreise in das sommerliche Siena zu begeben. Barbara Hordych

Lesung, Samstag, 2. Dezember, 15 Uhr, Gasteig

Das Trauma als Thema

Arno Franks Roman über seine abenteuerliche Kindheit

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Einen Schlüsselsatz seines Romans lässt Arno Frank Großmutter Bärbel sagen, ziemlich früh im Buch und scheinbar belanglos. "Wir brauchen keine ausgedachten Geschichten", verfügt diese und füttert den Ich-Erzähler "mit Anekdoten, die Tacitus über die Germanen zu berichten wusste, Herodot über den Vogel Phönix in Ägypten, Thukydides über die Pest in Athen". Nun ist der Ich-Erzähler in "So, und jetzt kommst du" (Tropen-Verlag) der Autor selbst, also Arno Frank, und der brauchte für sein literarisches Debüt tatsächlich keine ausgedachten Geschichten.

Frank, geboren 1971 in Kaiserslautern, erzählt darin die unfassbaren Geschehnisse seiner Kindheit und Jugend, "die Geschichte einer sich ereigneten unerhörten Begebenheit", wie er das nennt. Diese kühne Hochstapler-Story, die Roadnovel und Coming-of-Age-Dramödie zugleich ist, handelt davon, wie der kleine Arno mit seinen Eltern und Geschwistern permanent vor der Polizei flüchten muss; wie er sich in Südfrankreich als "Fremder unter Fremden in der Fremde" fühlt und ihm goldene Kugelschreiber und teure Restaurants an der Croisette peu à peu komisch vorkommen, kurzum: Wie sich ein heranwachsender, ahnungsloser Junge mit den ausgedachten Geschichten, Lügen und Betrügereien seines Vaters arrangieren muss, dessen Welterklärungsversuche oft mit den Worten enden: "So, und jetzt kommst du."

All das hat er aufgeschrieben, frei rekonstruiert seien lediglich die Dialoge. "Alles sollte wahr sein", erklärt Arno Frank, der als Journalist unter anderem für die taz und den Musikexpress arbeitet. Warum die Romanform, warum so spät, warum so faktentreu? "Ein Trauma, nach bald 30 Jahren zum Thema geworden, hat sich hier selbst seine Form gesucht", erklärt der Familienvater. "Fiktion hätte den Irrsinn nur verharmlost. Beim Schreiben habe ich mich deshalb so streng an die Fakten gehalten, wie es mir möglich war."

Eine schwierige Aufgabe, gewiss, verlief doch diese Tour de force, die Frank aus der Sicht des naiven Jungen detailreich erzählt, quer durch Europa, in den Siebziger- und Achtzigerjahren. 300 000 veruntreute D-Mark, Savoir-vivre an der Côte d'Azur, "du musst dir nehmen, was du willst", weiter nach Portugal, zurück nach Deutschland, das volle Programm. Die Flucht der Familie endet, wie sie enden muss. Überraschend ist der Ort: Erding. "Ja", bestätigt Frank, auch das stimme. "Danach ging es aber noch mit dem Bus weiter in ein Nest, dessen Namen ich nicht mehr entsinne. Ich weiß nur, dass es dort sehr ländlich und sehr bayerisch war." Seine Erinnerungen und die seiner Schwester ("ihr Gedächtnis ist eine Goldgrube") sowie ein paar Recherchereisen, "um auch noch den Gerüchen nachzuspüren und die Detailschärfe zu verbessern", das waren die Musenküsse. Oder wie er selbst sagt: "Erinnerung ist lichtempfindliches Material. Mit dem Schreiben habe ich dieses Material ins Fixierbad getaucht, wie Fotografen früher, und nun hat die Erinnerung diese Form angenommen, diese Farben." Bernhard Blöchl

Lüge und Fiktion: Arno Frank und Jakob Hein, Samstag, 18. Nov., 20.30 Uhr, Literaturhaus

Schöpfungen, die wahr wirken

Ken Folletts neuer Bestseller "Das Fundament der Ewigkeit"

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Dörfer oder Kleinstädte mit dem Namen Kingsbridge gibt es in Großbritannien öfter. Dieses eine Kingsbridge, gelegen zwischen London und Bristol, gibt es allerdings nicht. Und auch nicht die imposante mittelalterliche Kathedrale darin. Beides sind reine Erfindungen des britischen Bestseller-Autors Ken Follett. Schöpfungen, die allerdings eine solche Überzeugungskraft haben, dass sich Leser gerne mal erkundigen, wo dieses Städtchen samt Kathedrale zu finden ist. Sogar so gerne, dass Follett auf seiner Homepage an verschiedenen Stellen darauf verweist, dass sein Kingsbridge definitiv fiktiv ist.

In drei seiner Romane ist dieser Ort einer der Hauptschauplätze: In seinem wohl berühmtesten Werk "Die Säulen der Erde", das 1989 erschien und in dessen Zentrum der Bau eben jener fiktiven mittelalterlichen Kathedrale steht. Im September ist - nach "Die Tore der Welt" - der dritte Teil seiner Kingsbridge-Reihe erschienen, "Das Fundament der Ewigkeit" (Lübbe), das zur Zeit des Machtkampfes zwischen Protestanten und Katholiken und der Thronbesteigung von Elisabeth I. spielt. Es ist ein Spionage- und Intrigenroman, der lustvoll die taktischen Manöver an den europäischen Königshäusern des 16. Jahrhunderts entfaltet. Dabei kommt natürlich auch eine Liebesgeschichte nicht zu kurz, trotz eines handlungsgetriebenen Aufbaus und eines großen Personaltableaus - vom genauso ehrgeizigen wie machthungrigen Emporkömmling bis zur mutigen, kämpferischen Bürgertochter.

Eingebettet ist Folletts Spionagegeschichte in die historisch belegbaren Fakten rund um die Krönung und Herrschaft Elisabeths I. und dem Leben ihrer Widersacherin, der schottischen Königin Maria Stuart. Gerade das historisch Belegte stellt für Follett eine wesentliche Grundlage dar. Für seine Arbeit betreibt der 68-Jährige aufwendige Recherchen. 228 Bücher, gibt er an, habe er für "Das Fundament der Ewigkeit" herangezogen. Wesentlich für seine Recherchen sind Geschichtsbücher, etwa die "Oxford History of England", die ihm, wie er beschreibt, ein starres Grundgerüst liefern aus historischen Namen, Daten, Kriegen, Anschlägen und Massakern. Innerhalb dieses Rahmens aus Fakten entwickle er seine Geschichte. Follett erzählt selbst über sein Schreiben: "Unwissenheit ist ein Hindernis für meine Vorstellungskraft." Deshalb zieht er nicht nur Bücher heran, sondern besucht Schauplätze, soweit sie (noch) existieren. Oder begutachtet in Museen Gemälde, Gegenstände und Kleidungsstücke aus dieser Zeit.

Folletts Protagonisten indes sind keine historischen, sondern fiktive Figuren, die der Autor mit größter Freiheit in diesem Faktengerüst herumspazieren lässt. Sobald sie an Punkte gelangen, die historisch belegt sind, endet diese Freiheit. Das Verhältnis zwischen Fakten und Fiktion auf den fast 1200 Seiten selbst einzuschätzen, dafür hat der viel beschäftigte Autor zwar keine Zeit. Aber Vorsicht: Ken Follett hat nachweisbar das Talent, äußert glaubhaft zu erzählen. Yvonne Poppek

Lesung, Donnerstag, 16. Nov., Literaturhaus