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Literatur und Politik:Gute Miene für den Diktator

Edinburgh International Book Festival

In Ihren Romanen findet sich der Blick Afrikas auf den Kolonialismus: Petina Gappah.

(Foto: Getty Images)
  • Am Mittwoch startet das 19. Internationale Literaturfestival in Berlin - die Eröffnungsrede hält die Schrifstellerin Petina Gappah.
  • Petina Gappah arbeitete bis vor wenigen Tagen als Beraterin für Simbabwes Präsidenten, Mugabe-Nachfolger Emmerson Mnangagwa.
  • Für Millionen Menschen im südlichen Afrika ist Mnangagwa ein übler Diktator.

Man kann gespannt sein, was Petina Gappah sagen wird, wenn sie am Mittwoch das Internationale Literaturfestival in Berlin eröffnen wird. Das Programm gibt dazu wenig her, außer, dass der Pianist Christian Beldi sie zum Auftakt am Flügel begleiten wird. Die recht umfangreiche Autoren-Biografie der Autorin informiert die Besucher darüber, dass Gappah in Sambia geboren wurde und in Simbabwe aufwuchs, dass sie immer Schriftstellerin werden wollte aber erst Jura studierte, dass sie viele Jahre lang bei der Welthandelsorganisation in Genf arbeitete und gleichzeitig Bücher schrieb, die mit vielen Preisen ausgezeichnet wurden. Oft geht es in ihren Werken, wie ihrem Ende August auf Deutsch erschienenen Roman "Aus der Dunkelheit strahlendes Licht" um einen Perspektivwechsel, eben nicht die europäische Sicht auf Afrika, sondern den umgekehrten Blick auf den Kolonialismus. Was die Besucher bis Sonntagabend auf der Website des Festivals nicht im Detail erfuhren, ist, dass Gappah bis vor wenigen Tagen eine enge Beraterin von Simbabwes Präsident Emmerson Mnangagwa war, einem Mann, der für Millionen Menschen im südlichen Afrika ein übler Diktator ist.

Während man in Deutschland, Europa und den USA vor allem über das Buch von Gappah spricht, ihr Werk im Deutschlandfunk und der New York Times lobend besprochen wird, debattieren Kritiker in Simbabwe über ihr Engagement für die Regierung. Der Menschenrechtsaktivist Brilliant Mhlanga schreibt auf Twitter: "Wie kann Petina Gappah öffentlich einen Putsch unterstützen, in dem sie den barbarischen Mnangagwa und seine Bande von Plünderern verteidigt." Die ebenfalls preisgekrönte Schriftstellerin Novuyo Rosa Tshuma sagt, ihre Kollegin sei "nicht zu einer ehrlichen Kritik von Mnangagwa in der Lage, dazu, wie er Menschenrechte und Demokratie missbraucht hat".

Gappah wurde im Ausland das freundliche Gesicht des Regimes

Am Mittwoch nun hält sie die Eröffnungsrede bei einem Literaturfestival, das sich "den Menschenrechten verpflichtet" sieht. Während Schriftsteller oder Künstler in Deutschland sehr genau unter die Lupe genommen werden, wenn sie Sympathien für extremistische Parteien äußern, bleibt das Wirken von Petina Gappah bisher unbeachtet. "Wenn wir Autoren einladen, die sich politisch äußern, dann sind es gerade solche, die sich den Menschenrechten verschreiben", teilt das Festival mit. Und der S. Fischer-Verlag schreibt: "Wir sind überrascht von dieser Diskussion und versuchen, uns ein Bild zu machen."

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Petina Gappah sagte ein bereits zugesagtes Interview wieder ab, als sie auf Nachfrage erfuhr, dass es in dem Gespräch auch um ihre Arbeit für die Regierung gehen sollte. Sie sagt, ihre Aussagen seien in der Vergangenheit immer von der Opposition missbraucht worden, die Debatte in Simbabwe sei zu polarisiert. Sie nennt Referenzen, bei denen man sich über sie erkundigen möge. Der einzig namentlich genannte Simbabwer sagt: Petina Gappah sei eine erwachsene Frau, die ihre Entscheidungen selbst erklären müsse. Spricht man mit weiteren Journalisten und Kulturschaffenden, dann erzählen viele, wie überrascht sie gewesen seien, die ehemalige Kritikerin des Regimes plötzlich als Beraterin derselben Leute wieder zu treffen.

Gappah hat immer wieder darüber geschrieben und gesprochen, wie Robert Mugabe Simbabwe erst befreite und dann in den Abgrund riss. Den "Gründer" und "Zerstörer" des Landes nannte sie ihn einst. Mugabe wurde im November 2017 durch einen Putsch gestürzt. Er war gerade dabei, seine Frau als Nachfolgerin in Stellung zu bringen, sie zur Vize-Präsidentin zu machen, als die Generäle putschten und Emmerson Mnangagwa ins Amt hoben, der fünf Jahrzehnte lang treu an der Seite von Mugabe stand. Der Sicherheitsminister war, als im Matabeleland ein Massaker an Oppositionellen verübt wurde bei dem etwa 20 000 Menschen getötet wurden. Der in führender Position Verantwortung trug, als weiße Farmer vertrieben und ermordet wurden. Der dabei war, wenn Wahlen verschoben und Oppositionelle verschleppt wurden. Als er zum Nachfolger Mugabes ernannt wurde, gab es in Simbabwe Stimmen, die glaubten, der Nachfolger werde womöglich schlimmer wüten als Mugabe.

In dieser Zeit schloss Petina Gappah eine Vertrag mit dem Präsidialamt, die Regierung startete eine Kampagne unter dem Slogan "Zimbabwe is open for business". Präsident Mnangagwa bekam von seinen Beratern einen bunten Schal umgehängt, bereiste die Welt und gab Interviews, in denen er von der neuen Zeit erzählte, von Reformen und Menschenrechten. In einer großen Geschichte der Financial Times beschrieb der Journalist, wie eine "quirlige" Gappah beim Interview zugegen gewesen sei, wie sie den Präsidenten überredet habe, sich der Öffentlichkeit zu stellen. "Sie ist einer der ehemaligen Kritiker, die zu hoffen wagen, dass sich ihr Heimatland wirklich verändern kann." Die offenbar auch hoffte, dass Mnangagwa sich ändern kann.

Gappah wurde im Ausland das freundliche Gesicht des Regimes. Die Rechnung schien aufzugehen, viele westliche Diplomaten verbreiteten die Kunde der neuen Zeit. Deutschland eröffnete eine Vertretung der Handelskammer. Auch die Kritiker gestehen ihr zu, das Land wieder international ins Gespräch gebracht und die lähmende Isolation zumindest ein bisschen beendet zu haben.