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Zukunft des Literaturarchivs Marbach:Einfach alles aufheben?

Literaturarchiv Marbach

Ein Archiv, hieß es, müsse seine "Faszinationsressourcen" erschließen. Hier eine Ausstellung 2019 am Literaturmuseum des Archivs in Marbach mit Handschriften von berühmten Dichtern.

(Foto: Ferdinando Iannone/picture alliance/dpa)

Eine digitale Konferenz des Literaturarchivs Marbach diskutiert, was diese Institution in Zukunft sammeln kann und soll. Und ob ihr mehr gesellschaftliche Relevanz nutzt oder schadet.

Von Lothar Müller

Im Oktober 2019 gab der Schriftsteller Christian Kracht seinen "Vorlass" ins Deutsche Literaturarchiv Marbach. Dort wurde das Wort "Vorlass" erfunden. Es ist ein junges Wort, das anzeigt, wie eng Autorschaft und Nachlassbewusstsein miteinander verknüpft sind. Ein solcher Vorlass wird in den Normalbetrieb eingespeist, katalogisiert, benutzbar gemacht. Irgendwann taucht er in einer großen Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne gegenüber dem Archivgebäude auf.

Bei der digitalen Konferenz "#LiteraturarchivDerZukunft", die das Marbacher Archiv am Mittwoch veranstaltete, ging es im Kern darum, was künftig der Normalbetrieb des Literaturarchivs sein soll. Geladen waren Wissenschaftler, Journalisten, Archivare. Sandra Richter, seit 2019 Direktorin in Marbach, markierte den Ausgangspunkt. "Archivieren ist ein deutungsoffenes Schlagwort. Es meint erwerben, erschließen, erforschen, ausstellen, vermitteln." Jede dieser Tätigkeiten lässt sich ausweiten, steigern. Längst gehören nicht mehr nur schriftliche Quellen zum Literaturarchiv, sondern auch Objekte wie das Taufhemd von Thomas Mann. Wenn Taufhemd, dann auch die Barbour-Jacke aus Christian Krachts Roman "Faserland", forderte der Literaturkritiker Marc Reichwein. Jede Generation hat Ansprüche auf Reliquien. Sein Kollege Volker Weidermann beneidete melancholisch den Literaturkritiker Volker Hage, der sein gesamtes Kritikerleben mitgeschrieben hat, einschließlich aller Mitteilungen, die Marcel Reich-Ranicki auf seinen Anrufbeantworter gesprochen hat.

Ein Archiv, sagt Eva Geulen, müsse Mut zur Lücke haben

Ein altes Wunschbild aus dem 19. Jahrhundert tauchte in den Statements auf, die Idee des totalen Archivs. Entstanden ist sie durch die Fusion von Historismus und Positivismus. Es ist eine ironische Volte der Geschichte, dass sie nun bei der Avantgarde der Digitalisierung wieder auflebt. Zum Normalbetrieb des Archivs gehört der Aufbau einer Abteilung für digitale Formate. Der Sockel, auf dem das geschieht, ist klein, die Ungeduld des digitalen Positivismus groß. Er liebt, wie sein Vorgänger, die lückenlose Materialfülle. Als seine Anwältin forderte Kathrin Passig, das Marbacher Archiv solle schlicht "alles", was auf diesem Feld tagtäglich entsteht, archivieren. Technisch sei das kein Problem. Konzeptionell wäre das "Alles" durchaus ein Problem. Es würde ein Grundelement des Normalbetriebs außer Kraft setzen: dass ein Literaturarchiv auswählt, was es aufnimmt. Einspruch gegen das Konzept "alles archivieren und maschinell erschließen" kam nicht nur von Roland S. Kamzelak, der in Marbach für den Aufbau des digitalen Archivs zuständig ist und auf den Geld- und Energiebedarf verwies. Einspruch kam auch von Stephanie Jacobs, der Leiterin des Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig, die auf dem Prinzip "repräsentative Selektion" beharrte. Das "Alles" sei ein "Unding der Fiktion".

In der Rhetorik der disruptiven Expansion müssen die Institutionen von ihrem Schlendrian und ihrer Traditionsfixierung befreit und so zukunftsfähig gemacht werden. Kühl konterte die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen die Orientierung an gewünschten Zukünften: "Archive investieren in die Zukunft der Vergangenheit. Ein Archiv wird selektiv sein und sein müssen. Es muss nicht für alles gerüstet, auf alles vorbereitet sein. Es muss den Mut zur Lücke haben. Seine Sammlung legt Zeugnis ab von Entscheidungen." Interessant wird das Entscheiden unterhalb des "Alles". Die Übersetzerin Marie Luise Knott regte eine Diskussion darüber an, ob und wenn ja, wie die Arbeit der Übersetzer im Literaturarchiv der Zukunft dokumentiert werden kann.

Julika Griem, Direktorin des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, verteidigte die Institution Archiv als Schutzraum der Nachhaltigkeit und der legitimen Standards gegen die normative Aufladung von Agilität, Disruption und partizipativer Dauerkommunikation. Zwar müsse ein Archiv seine "Faszinationsressourcen" erschließen, aber gemäß seiner eigenen Binnenlogik und nicht als "Faszinationsmanagement". Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, warnte angesichts der Diskussionen um das Literaturarchiv als "Denkfabrik", "Institute for Advanced Studies", "Cloud" und "Crowd science" vor der Überdehnung des Anspruchs von Kulturinstitutionen, sich "jenseits ihrer Kernkompetenz" alle möglichen Varianten von "gesellschaftliche Relevanz" zu eigen zu machen. In dieser Warnung steckte ein Stück Zukunft. Wichtigste Zuwendungsgeber des Deutschen Literaturarchivs sind der Bund und das Land Baden-Württemberg. In der Zeit nach der Corona-Krise werden die öffentlichen Haushalte sparen. Möglicherweise geraten dann die Expansionsstrategien von Kulturinstitutionen unter großen Legitimationsdruck.

© SZ/masc
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