Literatur Zu viel blieb auf der Strecke

"Aus der Traum (Kartei)": Durs Grünbeins Aufsätze, Notate und Träume in einem Sammelband.

Von Christoph Bartmann

Ein "Fundbuch" stellt der Verlag in Aussicht, leider aber eines, in dem man etwas Entscheidendes nicht findet, nämlich die Anlässe, zu denen die Stücke dieser "leitmotivisch verflochtene(n) Sammlung von Aufsätzen, Reflexionen, Reden, Traumnotizen, Vorträgen, Sprechertexten und Gedichten" geschrieben wurden. Durs Grünbein ist ein viel beschäftigter öffentlicher Intellektueller, er nimmt Preise entgegen oder hält Preisreden auf andere, er gehört der einen oder anderen Dichtervereinigung an und schreibt noch im Landeanflug zur Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Sarajevo an einem Gedicht. Da möchte man doch gerne wissen, auf welches Ereignis hin oder auf wessen Einladung die Texte dieses Bandes verfasst wurden. Ohne diese Angaben erweckt das vorliegende Gebinde den trügerischen Eindruck eines autonom entworfenen Textganzen.

Das wäre nicht nötig gewesen, weil man viele von Grünbeins Texten auch dann mit Gewinn läse, wenn vermerkt wäre, dass die Erstveröffentlichung an anderer Stelle erfolgte. Einen wesentlichen Teil des Buches nehmen Essays und Kritiken zur Literatur ein. Ovid, Kleist, Rilke, Jünger, Pound, Eliot, Pasolini, Bobrowski, Christensen - Grünbein begibt sich nicht mit irgendwem ins Gespräch, sondern mit den Großen. Er habe, schreibt er in einer einleitenden "Fußnote zu mir selbst", "die Straße der modernen Poesie an ihrem oberen Ende betreten", das soll heißen dort, wo die feinen Adressen schon den Supermärkten und Waschstraßen Platz machen.

"Ganz insgesamt wird das, was man die Realität nennt, überschätzt."

Von dort aber hat sich Grünbein bald die besseren Lagen erschlossen. Ob dies dann noch die Straße der modernen Poesie war, bleibt strittig, jedenfalls säumen zunehmend auch römische Villen den Weg von Grünbeins Lyrik. Damals, am Anfang, habe er feststellen müssen, "dass zuletzt beinahe alles auf der Strecke geblieben war": Versformen, Strophen, Spannungsbögen, "schließlich die Poesie selbst". Die Autoren, mit denen Grünbein kritisch im Gespräch ist, repräsentieren die Fülle der überlieferten Poesie. In deren Nachfolge sieht sich der Dichter selbst. Das ist weniger Anmaßung als ein legitimer Anspruch: keine Nachahmung, kein Klassizismus, sondern ein Weiterarbeiten im Geiste und auf den Spuren der Älteren.

Dann ereilt den Dichter natürlich hin und wieder eine Abendeinladung. Ein Kulturveranstalter hat sich eine Reihe zum Thema Mittelmeer ausgedacht, also hält Grünbein einen Vortrag mit dem Titel "Die Akademie des Meeres", worin es um vieles, von der minoischen Inselkultur bis zu den "Flüchtlingsströme(n) aus den Ländern Schwarzafrikas", geht. Wenn Grünbein will, kann er bildungsbürgerlich tönen wie Peter Bamm, der unsere Eltern einst an die "Küsten des Lichts" entführte.

Vielleicht ist es keine gute Idee, solche Gebrauchstexte dann noch einmal zwischen Buchdeckel zu bringen, wo sie dann eine Wirkung entfalten, die dem Ganzen abträglich ist. Andererseits liest man Grünbeins auch schon anderswo gedruckte Nachbemerkung zu seinem Dresdner Auftritt mit Uwe Tellkamp im März 2018 mit Gewinn. Man kann die heterogenen Bestandteile dieses Buches nicht über einen Kamm scheren: Manches ist gut, anderes kann man sich ersparen.

Aber in der Hauptsache soll es ja, dem Titel zufolge, um Träume gehen, um die Traumkartei, worin der Dichter die seltsamen Begebenheiten seiner Nächte verzeichnet. Dieser Teil füllt dann nur einige Dutzend Seiten im ersten Teil des Buches. "Ganz insgesamt wird das, was man die Realität nennt, überschätzt", meint Grünbein. "Ganz insgesamt" dürfte das seit Freuds Traumdeutung zwar eigentlich niemandem mehr passieren, aber Grünbein findet, ganz "Poeta Doctus", Freud habe in seinem Drang nach den Mechanismen, der Materialität und der "Arbeit" des Traums dessen Poesie vernachlässigt. Ja, Freud und sein Bruder Marx, die beiden "realitätsgierigen Agnostiker", hätten uns mit ihren Diagnosen regelrecht aus dem Traumreich ausgeschlossen und zum Leben in der Realität verurteilt.

Darüber müsste man länger sprechen, aber der Dichter ist für solche Ansichten argumentativ nicht zu belangen. Wenn Träume, für ihn und für uns alle, so wichtig sind, wie Grünbein postuliert, dann träumt er in seiner Kartei noch immer entschieden zu wenig und stellt zu viele steile Thesen in den Wachraum, die bei Tageslicht besehen nicht überzeugen können. Weil aber Durs Grünbeins Traumkartei ein Work in Progress ist, darf man hoffen und muss man wünschen, dass seine Träume immer besser, tiefer und reicher werden und es eines Tages ein Buch geben wird, das nichts anderes enthalten wird als große Träume aus Grünbeins Kartei.