bedeckt München 23°

Literatur-Werbung:Bis der Kopf platzt

Seit einigen Jahren übernehmen die Verlage diesen Unsinn. In dieser Saison ist Lilian B. Rubin "der weibliche Oliver Sacks" (Patmos), Felicia Zeller "eine schwäbische Jelinek" (Lilienfeld) und Jan Graber "süffiger als eine Lesung und schlauer als Rock'n'Roll".

Das Gegenteil von Rock'n'Roll, nämlich sprachliches Classic Radio sind Ankündigungen von Büchern, in denen es um Liebe geht. Suhrkamp dichtet: Carole L. Glickfeld hat "eine wundertraurige, komische Geschichte geschrieben, Louise Erdrich eine "amüsante, bittersüße Liebesgeschichte", und Edvard Hoem "einfach nur wunderschön poetisch, liebevoll, still und unaufgeregt".

Danach ist die Ankündigung eines Gulag-Romans eine richtiggehende Wohltat. Und es hat etwas von Fastenkur, nach all dem klebrigen Adjektivkonfekt die staubtrockenen Texte zu den stw-Bänden zu lesen, zu Lévi-Strauss, John Dewey und den anderen Theoretikern. Kein Superlativ. Kein Blurb. Nichts Liebenswertes, wundertraurig Bittersüßes. Einfach auf 30 Zeilen ein Thema umrissen. Danke, ihr Lektoren, habt Dank für diese graue, kluge Arbeit!

Und man wünscht sich, dass einmal, ein einziges Mal ein Verlag schreibt, tut uns leid, unser Autor war diesmal geistig etwas indisponiert und hat sich auf den 430 Seiten auch sprachlich grob einen von der Palme gewedelt, aber wir schätzen ihn und ein Schuss in den Ofen wird ja wohl mal erlaubt sein.

Na ja, vielleicht ein bisschen viel verlangt. Aber muss denn wirklich alles nur immer noch pompöser werden? Grisham-Bücher werden mittlerweile über acht Seiten angekündigt, wovon ganze vier Seiten nichts als Power-Point-Halbsätze sind.

Auswandern nach Papua-Neuguinea

Wann hat überhaupt der Power-Point Einzug gehalten in die Verlagsprogramme? Und wozu? Sollte per Power Point nicht das ganz und gar Besondere an einem Buch hervorgehoben werden? Stattdessen bekommt man durch die Special Highlights, die powerpointiert werden, den Eindruck, in den Verlagen sei lange schon Schmalhans Küchenmeister.

"Deko-Plakat!", schreibt Heyne als wichtigsten Punkt zu Tanja Heitmanns "Morgenrot". Und am Schillerkalender 2009 des Artemis-Verlags scheint besonders hervorhebenswert zu sein, dass der Kalender doch tatsächlich "ein Blatt pro Woche" enthält. Vielleicht könnte man noch betonen, dass die Bücher aus Papier sind und durchnummerierte Seiten haben.

Was bleibt zu tun? Auswandern nach Papua-Neuguinea, in ein Seitental des Karawari im Süden der East Sepik Province, dort wohnt ein Volk, das sich auf Yimas unterhält, einer Sprache, die nur vier Adjektive kennt: groß, klein, gut, schlecht. Die müssen ihre Literaten zwangsweise anders ankündigen.

Oder hierbleiben und Schopenhauers "Parerga und Paralipomena" lesen. Darin heißt es, genauso schwer wie die Kunst des Lesens sei "die Kunst, nicht zu lesen: Um das Gute zu lesen, ist eine Bedingung, dass man das Schlechte nicht lese: denn das Leben ist kurz, Zeit und Kräfte beschränkt."

Ah, Schopenhauer, das war eben noch einer dieser wirklich großen und wundertraurigen Autoren mit einem Hauch von Menschenhass. Oder frei nach Marcel Reich-Ranicki: "Wir stehen selbst enttäuscht und seh'n betroffen den Vorhang zu und alle Phrasen offen."