Literatur Wer ist "Wir"?

Leipziger Montagsdemo, 12. März 1990: Aus den ersten freien Volkskammerwahlen der DDR am 18. März 1990 ging die CDU als stärkste Partei hervor.

(Foto: Frank Kleefeldt/dpa)

Der Schriftsteller Ingo Schulze hielt bei den "Darmstädter Gesprächen" eine Rede zum Thema: "Warum mich die Frage umtreibt, ob wir so gut leben, weil die anderen so schlecht leben." Hier ist sie zu lesen.

Wenn es stimmt, dass sich die Lösung eines Problems am Verschwinden der Frage zeigt, dann deutet das Auftauchen einer Frage auf ein Problem. Haben wir ein Problem mit uns? Wer ist wir? Ich muss gestehen, ich bin, wie das Korrekturprogramm meines Computers, immer wieder über diese Formulierung gestolpert. Dieses Stolpern erzeugt eine Distanz zur Sprache. Vertraue ich meinem Gehör, so macht "Wer ist wir?" aus dem korrekten einen "Wer sind wir?" mehrere Wirs. Ich kann die Frage auch unterschiedlich betonen: "Wer ist wir?" bedeutete: das Wir hat eine Kontur und wäre bekannt, nur sein Verhalten gibt womöglich Rätsel auf. Frage ich hingegen "Wer ist Wir?" werden Zweifel laut, ob ein Wir überhaupt existiert. Oder ich halte mich an das Hilfsverb, um zwischen beiden Möglichkeiten hin und her zu schaukeln.

Das Wir, in das ich 1962 in Dresden hineingeboren wurde, machte mich zu einem Kind der DDR. Taste ich nach einem ersten eigenen Wir-Gefühl jenseits der Familie, so lande ich noch vor allen Schulhof-Banden bei unseren von den Defa-Indianerfilmen inspirierten Spielen. Meine Heldenmuster bezogen ihre Kraft und Anschaulichkeit aus diesen Filmen, deren Hauptfigur immer ein Indianerhäuptling war, der immer von dem schönen, starken und charakterlich erstklassigen Goijko Mitić gespielt wurde. Immer kämpfte Chincangook oder Tecumseh oder Ulzana einen heroischen Kampf gegen gierige, hinterlistige und brutale, jedoch mit besseren Waffen ausgestattete Okkupanten. Die Schwierigkeit für unsere von den Filmen angefeuerten Spiele bestand darin, dass keiner ein Bleichgesicht sein wollte, und wenn, dann ein gutes, eines, das bereits die Fronten gewechselt hatte, sodass wir alle schnell wieder im selben Wigwam saßen. Unserem Spiel haftete allerdings eine selbst Kindern zugängliche Melancholie an. Auch wenn alle unsere Spiele siegreich endeten, wussten wir doch: Nicht wir, die Indianer, hatten gewonnen. Dass wir selbst Bleichgesichter waren, wie auch Goijko Mitic eines war, kam zumindest mir nicht in den Sinn.

Der Staat, in dem ich aufwuchs, gab sich nicht damit zufrieden, dass ich sein Staatsbürger war. Er wollte sichergehen, dass ich es auch bliebe, und forderte außerdem ein aktives Bekenntnis zu seinem Wir, als hätte ein Kind da überhaupt eine Wahl, was aufgrund der Mauer gleich zweifacher Unsinn war. Umso mehr wundere ich mich heute, wie leicht mir damals eine Antwort auf die Frage nach meinem Wir gefallen wäre. Denn noch lange über meine Jugendjahre hinaus hing ich der Überzeugung an, dass derjenige, der es wagt und dem es gelingt, die offensichtliche Wahrheit für alle hörbar auszusprechen, die Mehrheit zwangsläufig auf seiner Seite haben würde. Diese imaginäre Mehrheit betrachtete ich als mein Wir. Wir war offen und demokratisch und die freie Entwicklung des Einzelnen die Voraussetzung für die freie Entwicklung aller. Wir konstatierten die eigenen Missstände, ohne den Kapitalismus als Alternative in Betracht zu ziehen.

Noch vor meinem 27. Geburtstag durfte ich erleben, wie zutreffend meine Wir-Vorstellung war: Mein Wir ging auf die Straße und eroberte gewaltlos Demokratie und Freiheit - Visafrei bis Shanghai. Eine unabhängige Justiz war nicht über Nacht zu etablieren, aber die Gewaltenteilung wurde de facto praktiziert. Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der der Privatbesitz an Produktionsmitteln keine Rolle spielt und zum Recht auf Arbeit, auf eine Wohnung, auf einen Ausbildungsplatz, auf kostenlose medizinische Versorgung die bürgerlichen Rechte und Freiheiten hinzutreten.

In mir steckt noch die Erfahrung von einigen Monaten Demokratie, die weder vom Lobby-Geld noch von Parteien-Hierarchien eingeschürt wurde, die vor allem eine unmittelbare Mitbestimmung am Arbeitsplatz bedeutete. Das Volk war im Begriff, sich das Volkseigentum tatsächlich anzueignen. Zwischen der unblutigen Abdankung des vormundschaftlich-diktatorischen Apparates und der Einführung der D-Mark entstand für einige Monate eine Ahnung davon, was eine sozialistische Demokratie sein könnte. Dass mein Wir dabei nicht so homogen war, wie es sich mir noch bis in den November/Dezember 1989 hinein dargestellt hatte, drückte sich zeichenhaft in der Opposition der beiden Slogans: "Wir sind das Volk" contra "Wir sind ein Volk" aus. Ich war überrascht und irritiert, dass man sich nicht politisch, sondern national definieren wollte. Das Nationale allerdings ließ sich immer schwerer vom D-Mark-Patriotismus unterscheiden.

Die Erinnerung an diese Wochen und Monate ist vor allem eine Erinnerung an eine fürchterlich anstrengende Zeit. Mein Wir war nicht mehr imaginär, sondern konkret. Diejenigen, mit denen ich nun beinah täglich zusammensaß, waren Meister, Arbeiter, Ingenieure, Krankenschwestern, Kirchenmitarbeiter, Bauern, Busfahrer. Wie klein war meine Welt zuvor gewesen. Doch für ein paar Monate wurde etwas erprobt und auch hier und da verwirklicht, was heute schon das Fassungsvermögen von Utopien überfordert.

Diese kurze Epiphanie einer sozialistischen Demokratie wurde durch die ersten freien Wahlen für zu schwierig befunden - keine Experimente! - und abgewählt. Ich glaubte zumindest an den sanften Zwang des besseren Arguments, also an die Einsicht, dass ein Betrieb nicht im Juli jene Löhne und Gehälter in D-Mark würde zahlen können, die er im Juni noch in Ostmark gezahlt hatte. Mit der Einführung der D-Mark am 1. Juli war der Beitritt zur alten BRD besiegelt, was ich als einen gravierenden Verlust an Souveränität und Selbstbestimmung erlebte.

Was ich für mein Wir gehalten hatte, schien keine Rolle mehr zu spielen. Die Vorstellung eines neuen Wirs war schwierig. Der im Arbeitsalltag Wettbewerb genannte Konkurrenzkampf führte jeden Ansatz zu einem Wir ad absurdum, es sei denn, man fasste das Wir als ein Unternehmen auf, das sich gegen das Wir eines anderen Unternehmens durchzusetzen hatte. Zugleich erfüllte die D-Mark Wünsche, die zuvor außerhalb der Vorstellungskraft gelegen hatten. Über Nacht gehörte auch ich zum Westen, also zu jenem Teil der Menschheit, der - nach Maßgabe des jeweiligen Geldbeutels - über unvorstellbaren Reichtum verfügte. Ein Gang durch jeden Supermarkt machte das Wunder erlebbar. Im real existierenden Sozialismus suchten die Kunden nach Waren, im Kapitalismus suchen die Waren nach Kunden, die Produktion schien eine zu vernachlässigende Selbstverständlichkeit geworden zu sein.

Wie irritierend die Erfahrung doch ist, dass unser Leben einen doppelten Boden besitzt

Wäre ich damals zu meiner Wir-Vorstellung befragt worden, so weiß ich nicht, was ich geantwortet hätte. Ich, ein Bundesbürger in seinen Dreißigern, der, nachdem er dem Unternehmertum ohne Schulden entkommen war, wider Erwarten von seinem Schreiben leben konnte, in Berlin-Neukölln wohnte, in der Welt herumreiste und sich zu der Ansicht durchgerungen hatte, dass es gar nicht hätte anders kommen können. Ich war bemüht, die soziale Marktwirtschaft, von Kapitalismus sprach man damals nicht mehr oder noch nicht wieder, als das kleinere Übel anzuerkennen, glaubte an Rot-Grün und die Gewerkschaften als Garanten sozialer Gerechtigkeit und ökologischen Denkens, hoffte auf den Euro und die EU und wünschte, dass es eines Tages allen so gut oder zumindest fast so gut gehen würde wie uns. Offenbar hielt ich es ohne ein großes Wir nicht lange aus.

Selbst während des neoliberalen Galopps in die marktkonforme Demokratie gab es einzelne Entscheidungen, wie das Nein zum Irakkrieg, die Energiewende oder die Aufnahme von Flüchtlingen im September 2015, in denen sich mein Wir in Übereinstimmung mit dem nationalstaatlichen Wir befand. Entscheidungen, bei denen unterschiedliche deutsche Regierungen nicht dem Selbstlauf des politischen und wirtschaftlichen business as usual gefolgt waren, weckten Hoffnungen auf eine Politik, die so handelt, wie wir selbst behandelt werden wollen, eine Politik, die Artikel eins des Grundgesetzes global versteht.

Der Amerikaner, der den Kolumbus entdeckte, machte eine böse Entdeckung

Spätestens als die Frage nach den Ursachen der Flucht von Millionen Menschen gestellt wurde, konnte sich das Selbstbild unseres großen Wirs nicht in den modernen Samaritern erschöpfen, die schon bald die Gestrandeten taxierten, wie brauchbar sie für Hof und Stall sein könnten. Doch bei der Diskussion der Fluchtursachen ging es vor allem um die Schleuser und die Sicherung der EU-Außengrenzen. Die Ärzte von Lampedusa haben immer wieder darauf hingewiesen, dass es kaum Frauen und Jugendliche gibt, die Europa erreichen, ohne missbraucht worden zu sein. Wenn sie überhaupt Europa erreichen. Aber die Ursache der Flucht sind die Kriminellen nicht. Ohne Schleuser kein Selfie mit der Kanzlerin. Solange sie die einzige Möglichkeit bleiben, nach Europa zu kommen, klagen wir mit den Schleusern auch uns selbst an.

"Der Amerikaner, der den Kolumbus als erster entdeckte, machte eine böse Entdeckung." Ich wünschte, uns gelänge es mitunter wie Lichtenberg, die Perspektive zu wechseln. Unsere europäischen Vorfahren, also die Bleichgesichter, haben der Welt den Sklavenhandel großen Stils und den Kolonialismus gebracht. Das liegt noch nicht lange zurück. Seit dem Ende der Apartheid in Südafrika und Namibia sind noch keine dreißig Jahre vergangen. Europa hat immer von der Ausplünderung anderer Kontinente gelebt und lebt bis heute davon. Leicht lässt sich ein Bogen vom Gold der Inkas und Azteken zum Kobalt des Kongo oder der argentinischen Sojabohne schlagen. Die entscheidende Frage dabei ist: Geht es uns gut, weil es den anderen schlecht geht (Stephan Lessenich, Berlin, 2016)? Ich lasse das Fragezeichen stehen, obwohl ich nach allem, was ich durch Lektüre, Berichte und eigene Anschauung in Erfahrung bringen konnte, ein Ausrufezeichen setzen müsste. Ich weiß, dass ich Ihnen damit nichts Neues verkünde, aber ich weiß auch, wie blind ich selbst lange Zeit dafür gewesen bin und wie irritierend die Erfahrung eines doppelten Bodens unseres Lebens ist, irritierend bis in die Verhinderung des eigenen Schreibens hinein, was noch das Geringste dabei ist.

Lange habe ich in dem nie gekannten Wohlstand unseres Landes, der höchst unterschiedlich verteilt ist, das entscheidende Plus für den Westen mit seiner kapitalistischen Marktwirtschaft gesehen. Lange habe ich das, was ich immer wieder aus Artikeln, Reportagen, Büchern erfuhr, als Ausnahmen abgetan und die Schuld den korrupten Regierungen und Geschäftemachern vor Ort zugeschoben. Sei es der Kakaobauer, der noch nie Schokolade gegessen hat, oder die Lebens- und Arbeitsverhältnisse in der vom Banden- und Bürgerkrieg verwüsteten Volksrepublik Kongo, aus der ein beträchtlicher Teil jener Bodenschätze kommt, die für die Herstellung von Smartphones und Computern notwendig sind, wie Kobalt oder Coltan.

Wenn wir Deutschen heute pro Kopf mehr Soja als Kartoffeln konsumieren, weil damit Schweine made in Germany für den Export auch in afrikanische Länder gemästet werden, wo der unschlagbar gute Preis, oft mit EU-Subventionen versehen, die einheimischen Bauern zur Aufgabe zwingt, setzt sich eine Verheerung der Lebensgrundlagen fort, die in Argentinien oder Brasilien mit massenhaften Rodungen begann und die Bauern in die Slums der Großstädte getrieben hat. Es ließen sich sehr viele Geschichten über alle möglichen Produkte erzählen, Baumwolle, Bauxit, Eisenerz, Sand, Fisch, Kupfer, Holz ...

Das Gefälle von Reich und Arm ist im Weltmaßstab so groß wie in keiner einzigen Nationalgesellschaft. Während die einkommensstärksten Länder den größten ökologischen Fußabdruck aufweisen (der um das Dreifache über der verfügbaren Biokapazität der Erde liegt), können sie ihre Umwelt schonen und verbessern und ihre Lebenserwartung stetig erhöhen. Hingegen werden Umwelt und Mensch in jenen Ländern, die nicht über die Verhältnisse des Planeten leben, ruiniert. Dieses Paradoxon erklärt sich nicht mit der Technologie, denn die ist teuer, sondern damit, dass unseren Dreck jetzt andere schlucken, andere ihre Flüsse ruinieren, ihre Luft, andere, von deren Arbeits- und Lebensbedingungen wir profitieren. Wenn wir anerkennen, dass die von Kolonialismus, Sklaverei und Massenmorden (bis hin zum Völkermord an den Hereros und Namas in Deutsch-Südwestafrika) geprägte Geschichte wie auch unser heutiger Alltag, der von den neokolonialen Beziehungen profitiert, zu den Hauptursachen für die Flucht zählen, sind wir Mitverantwortliche.

In einem Wir kann man etwas gemeinsam verschweigen oder gemeinsam über etwas sprechen. Ein fortgesetztes Gespräch jedoch führt früher oder später zu Schlussfolgerungen, die ein Handeln erzwingen können. Wenn wir tatsächlich wünschen, dass es anderen besser geht und sie nicht gezwungen sind, sich auf den Weg in den Norden zu machen, kann das nicht allein Sache von nichtstaatlichen Organisationen sein. Sollen tatsächlich Fluchtursachen bekämpft werden, ist über Kredit- und Handelsvereinbarungen zu sprechen, über den Abbau von EU-Agrarsubventionen, über Gesetze, die nicht den Markt zum alles entscheidenden Maßstab nehmen. Weniger Ausplünderung bedeutet auch weniger Gewinn. Diese Forderungen sind nicht ohne eine spürbare Einhegung des kapitalistischen Wirtschaftens oder, wenn das Recht zur Erzielung von privatem Profit über die Menschenrechte gestellt wird, gar seine Infragestellung denkbar.

Ein Vorbote internationaler staatlicher Bemühungen war die zu Beginn der Achtzigerjahre von Willy Brandt mitinitiierte Nord-Süd Kommission bei der Uno. Seit dem letzten Jahr gibt es einen von der Bundesregierung beschlossenen Nationalen Aktionsplan 2016 - 2020, der die Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte umsetzen soll. Darin heißt es: "Ziel ist es, dass mindestens 50% aller in Deutschland ansässigen Unternehmen mit über 500 Beschäftigten bis 2020 die in Kapitel III beschriebenen Elemente menschenrechtlicher Sorgfalt in ihre Unternehmensprozesse integriert haben."

Wenn man aus dieser Beschreibung auf den Ist-Zustand schließt, dann haben heute deutlich weniger als die Hälfte aller großen deutschen Unternehmen die Elemente menschenrechtlicher Sorgfalt in ihre Unternehmensprozesse integriert. Verbindlich ist an diesem Aktionsplan nichts, von Sanktionen oder Strafen kein Wort. In seinem derzeitigen Zustand ist dieser Aktionsplan nicht viel wert. Aber er könnte trotzdem zu dem Spalt in der Tür werden, in den sich einen Fuß schieben ließe, wenn der öffentliche und politische Druck dementsprechend stark würde. Es geht immer noch um die Frage: Leben wir so gut, weil die anderen so schlecht leben?

Mich macht oft die Hilflosigkeit derer fassungslos, die glauben, mit der Proklamation von Weltoffenheit und Willkommenskultur oder gar mit Befürchtungen zum Standortfaktor irgendetwas zum Besseren wenden zu können. Eine Haltung, die nur wünscht, dass die AfD-Wähler wieder verschwinden und der frühere Status quo zurückkehrt, verschlimmert die Situation nur. Diese Klientel, die lautstark, teils nationalistisch bis rechtsextrem, protestiert, hat Angst um den exquisiten Status, den die deutsche Staatsbürgerschaft ihnen gewährt. Kein Wunder, dass jene, die noch nicht so lange dazuzählen und häufig das Gefühl hatten, Deutsche zweiter Klasse zu sein, nun besonders auffallen.

In dieser Angst um ihre Exklusivität aber treffen sie sich mit einem großen Teil der Bevölkerung. Jetzt rächt sich die Politik der letzten Jahrzehnte, die der Gesellschaft nicht viel mehr als Marktgläubigkeit anzubieten hatte, in der Privatisierung, betriebswirtschaftliche Effizienz und Wachstum die Kriterien nicht nur für die Ökonomie, sondern die gesamte Gesellschaft wurden und die eine Vereinzelung und sozial-ökonomische Polarisierung bewirkt haben, die ein Wir nur noch als Sentimentalität erträgt. Als ich vorhin behauptete, ein Wir entstünde, indem ich etwas tue, ging ich von der Annahme aus, dass ich, wenn ich etwas beginne, damit nicht allein bleiben muss. Deshalb lassen Sie mich zum Schluss bekennen, dass ich einem Wir angehören will, das die Doppelbödigkeit der eigenen Existenz und Lebensweise nicht hinnimmt, auch wenn wir tagtäglich darin mit Haut und Haar verstrickt sind, ein Wir, das es leid ist, zu den bösen Entdeckungen gezählt zu werden, und deshalb nicht aufhört, der eigenen Gesellschaft wie sich selbst Fragen zu stellen, wie jene, ob wir gut leben, weil die anderen schlecht leben. Deshalb kann mein letzter Satz eigentlich nur lauten: Und was meinen Sie?

Ingo Schulze, geboren 1962 in Dresden, lebt in Berlin. Vor Kurzem erschien sein Roman "Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" (S. Fischer). Dies ist die Eröffnungsrede, die er zum Darmstädter Gespräch "Wer ist Wir?" am Wochenende hielt, in einer gekürzten Fassung.