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Literatur:Vorzugsweise verheiratet

Kombo

Zärtlichkeit hatte Mutter Marion Thoma (rechts) für ihren Sohn Ludwig nicht übrig. Über abgewiesene Zärtlichkeiten beklagte sich seine Frau Marietta de Rigardo, genannt Marion (links). Maidi von Liebermann (Mitte) schrieb der Schriftsteller zärtliche Liebesbriefe.

(Foto: Allitera-Verlag/Münchner Stadtbibliothek, Monacensia)

Zum 150. Geburtstag Ludwig Thomas hat die Historikerin Martha Schad ihre Untersuchung über den Dichter und sein Verhältnis zu Frauen neu überarbeitet

Liebesgeschichten darzustellen war seine Sache nicht. Das wusste Ludwig Thoma selbst. "Ist dirs nicht aufgefallen, ... daß ich immer wieder eine sterbende Mutter (im Vöst, Magdalena) schilderte? Und ich glaube, nicht eine richtige Liebesszene?", schrieb er im Januar 1919 an seine Geliebte Maidi von Liebermann. Zärtliche Briefe geschrieben hat er jedoch viele. Einige davon sind nachzulesen in Martha Schads Buch "Weiberheld und Weiberfeind". Die Augsburger Historikerin hat ihre detailreiche, amüsant zu lesende Arbeit über "Ludwig Thoma und die Frauen" bereits 1995 im Pustetverlag vorgestellt. Für den Allitera Verlag hat sie anlässlich des 150. Geburtstags des Autors am 21. Januar eine Neufassung erarbeitet.

Im Mittelpunkt stehen Marion Thoma, Ehefrau von 1907 bis 1911, und Marie Liebermann von Wahlendorf, die Thoma von 1918 bis zu seinem Tod 1921 anbettelt, sich scheiden zu lassen und ihn zu heiraten. Er fleht vergeblich, fast wie in seiner Kindheit, als er um die Gunst der Mutter wirbt. Katharina Thoma ist eine starke Frau, die es als Wirtin schafft, sich und ihre sieben Kinder nach dem frühen Tod ihres Mannes zu ernähren. Den neunjährigen Ludwig muss sie zu Verwandten geben, der arme Kerl wird herumgeschubst, reagiert allmählich aufsässig. "Ludwig macht mir so viel Verdruß u. Kummer", klagt die Mutter 1884 in einem Brief. Ein bisschen ungerecht, denn Ludwig macht zwei Jahre später Abitur. Die Mutter in den "Lausbubengeschichten" lässt er später milder und höchstens ein bisschen traurig reagieren.

Der Sohn tröstet sich mit anderen Frauen, auch vielen Prostituierten. "Ab und zu haue ich über die geschlechtliche Schnur, habe gerade kein Unglück im Entdecken der hiezu nötigen Objekte", stellt er fest. Martha Schad merkt dazu nur an, seine Ausdrucksweise in Tagebüchern sei unflätig und zotenreich. Politisch korrekt äußert er sich sowieso nie, gegen Frauen, die er verabscheut, wütet er ungeniert. Schon im Gedicht "Bekenntnis", einem Beitrag, den er 1899 als Peter Schlemihl für den Simplicissimus schreibt, macht er aus seiner Abneigung gegen Frauenrechtlerinnen keinen Hehl. "Sie taugen nichts im Hause, nichts im Bette / Mag Fräulein Luxemburg die Nase rümpfen, / Auch sie hat sicherlich - was gilt die Wette? - / Mehr als ein Loch in ihren woll'nen Strümpfen."

Als Dagny Björnson-Langen, Frau seines Verlegers Albert Langen, die groben Angriffe nerven, erklärt er ihr im April 1910, sie als Dame könne an wirklicher Satire keinen Gefallen finden - "für Satire ist Derbheit die erste Grundbedingung". Im Falle der "giftigen kleinen polnischen Jüdin" (Luxemburg) habe er bestimmt recht. Clara Zetkin nennt er "ein russisches Mannweib", die Frauenrechtlerin Luise Zietz ein "Weibsbild - Frau ist keine Bezeichnung für diesen Abhub"; die Pazifistin Constanze Hallgarten beschimpft er als "hysterische Jüdin, die sogar kommunistischen Rotzbuben überlästig wurde".

Vorzugsweise verliebt er sich in verheiratete Frauen, etwa in Hedwig von Xylander. Die Affäre im Jahr 1902 verhindert allerdings, dass der vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs begeisterte Thoma an die Front darf. Dem 47-Jährigen wird die Altersausnahmegenehmigung verwehrt, Major Xylander spricht sich dagegen aus. Eine kleine, späte Rache.

1904 lernt Thoma Marietta de Rigardo kennen. Eine 25-jährige exotische Schönheit, geboren auf den Philippinen und verheiratet mit dem Schriftsteller und Kabarettisten Georg David Schulz. Thoma ist nicht der einzige, der von ihr hingerissen ist. Die Zeitungen schwärmen von der Tänzerin, Max Slevogts Ölgemälde, das in der Dresdner Galerie "Neue Meister" hängt, bezeugt ihre Grazie. Beim zweiten Treffen am Tegernsee macht Thoma ihr einen Heiratsantrag. Olaf Gulbransson erinnert sich später an einen Tanz auf dem Tisch, was Thoma missfällt. Als sie mit einem anderen flirtet, will er den zum Duell fordern. "Dann kannst du gleich ein Maschinengewehr nehmen", kommentiert Simplizissimus-Zeichner Ferdinand von Reznicek. Marietta kehrt nach Berlin zurück, aber bald reist ihr Thoma nach und "entführt" sie nach Bayern.

Im März 1907 heiraten sie, ein Jahr später ziehen sie in das neu gebaute Haus auf der Tuften. Zunächst gefällt ihr das häusliche Leben, sie hat die Oberaufsicht über Hühnerstall und Gemüsegarten, trägt Dirndl, lernt von ihm, das Hauspersonal nicht zu freundlich zu behandeln und bereitet Surfleisch oder Hasenragout mit Knödel nach seinen Anweisungen zu. Aber bald langweilt sie sich, geht lieber zum Tangotanzen. Prompt schreibt er ein 43 Strophen umfassendes Gedicht. "Wenn eine als dressierte Puppe / nur stets mit dem Schlawiner schleift,/ bleibt sie den braven Männern schnuppe. / Ich hoffe, daß ihr dies begreift." Marion hat kein Erbarmen mit ihrem "braven" Mann, der wochenlang seiner Jagdleidenschaft frönt und nichts anderes anzieht als Lederhose und Trachtenjanker. Am 30. Juni 1911 wird die Ehe geschieden, schuld ist die Ehefrau, der diverse Seitensprünge nachgesagt werden. Trotzdem bleiben die beiden eng befreundet. "Ich war in meiner Ehe ein Oberlehrer und Grantlhuber und habe ihre Zärtlichkeit so oft abgewehrt, bis sie erstickte", schreibt Thoma selbstkritisch im November 1911 an seine Freunde Ignaz und Helene Taschner.

Erst 1918 kommt es zur endgültigen Trennung. Thoma hat sich in die nächste verheiratete Frau verliebt: Marie von Liebermann. 1904 hatte er sie schon einmal getroffen, aber da fehlte wohl der Reiz des Verbotenen. Jetzt hat sie einen Ehemann: Willy Liebermann von Wahlendorf, einen "haltlosen Kerl", der seine Geschäfte nur über die Familie seiner Frau bewerkstellige, behauptet Thoma. Eine einseitige Sicht, wie Liebermann von Wahlendorfs Memoiren belegen, 1936 im Exil unter dem Titel "Erinnerungen eines deutschen Juden 1863 bis 1936" verfasst. Darin beschreibt er dezidiert das Ringen um seine Frau, berichtet auch von Gesprächen mit Thoma. "Aus einer Unterhaltung mit ihm über Juden und die Judenfrage ging zumindest hervor, dass er, ohne vielleicht Antisemit zu sein, der damals als national und salonfähig erachteten Ideologie von der Schädlichkeit der Juden für das deutsche Volk doch stark anhing."

Maidi will nicht auf die Tuften ziehen. Sie kritisiert sein Aussehen, hält seinen Hausstand für verschlampt und stört sich als evangelisch getaufte Tochter eines jüdischen Vaters an seinem antisemitischen Gedankengut. "Ich bin wirklich kein Antisemit, so sehr ich die ostjüdische Kulturfeindlichkeit hasse", beschwichtigt er sie in einem Brief. "Außerdem hoffe ich ja der jüdischen Rasse mein Liebstes zu verdanken..." Er verspricht, keinen Artikel mehr zu schreiben, wenn sie zu ihm zieht. Wäre doch interessant zu wissen, ob er das Versprechen gehalten hätte.

© SZ vom 21.01.2017

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