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Literatur:Verweile doch, hier ist's so schön

'Buch und Bohne' in München; Buch & Bohne

Treffpunkt fürs Viertel: "Buch & Bohne" von Marianna Geier ist Buchhandlung und Café zugleich.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Sie beraten kompetent und individuell, beleben ihr Stadtviertel mit Lesungen und Veranstaltungen - und kämpfen ums Überleben: Bei der "Woche unabhängiger Buchhandlungen" stellen inhabergeführte, kleine Buchläden einmal mehr ihre Vielfalt unter Beweis

Das Viertel möchte ja, dass es mich gibt", sagt Marianna Geier und tippt mit den Fingerspitzen auf die Platte ihres mit Mosaiken verzierten Café-Tischchens. Das Viertel von dem sie spricht, ist das Schlachthofviertel. Geier hat hier vor neun Jahren ihren Laden "Buch und Bohne" eröffnet. Das Konzept: Eine unabhängige Buchhandlung mit Café. Der geräumige Laden ist voller Bücher, im hinteren Teil stehen alte Möbel, eine Gruppe Frauen sitzt auf einem geblümten Sofa und diskutiert. Mittlerweile ist Geiers Buchhandlung aus dem Gegend nicht mehr wegzudenken. Geier verbindet mit diesem Geschäft ihre Liebe zu Büchern mit ihrer Leidenschaft fürs Gastgeben. "Ich bin Ungarin. Die Kaffeehauskultur hat mich inspiriert, es sind Orte des guten Lebens. Die Leute sollen die Bücher nicht nur kaufen, sondern auch über sie sprechen".

Die Anwohner kommen gerne her, lassen sich von ihr und ihren drei Mitarbeitern beraten, essen den selbstgebackenen Kuchen, besuchen die Veranstaltungen. Eigentlich ist Geier gelernte Controllerin. Doch sie kündigte ihre Stelle, machte ein Praktikum in einer Buchhandlung und bekam Unterstützung durch einen Existenzgründer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Längst kennt sie sich in der Verlagswelt aus, weiß, wie die Abläufe sind und hat ein gutes Gespür für Bücher entwickelt. "Wir lesen 200 bis 300 Kataloge. Jedes Buch hier ist eine bewusste Entscheidung. Ich kaufe keine fertig geschnürten Buchpakete", betont Geier.

Die Kunden wissen das zu schätzen. "Buch und Bohne" ist zu der Stadtteilbuchhandlung geworden, die dem Schlachthofviertel gefehlt hat. Kinder stöbern nach Lesefutter, die Stammkunden grüßen die Inhaberin mit Namen, das Geschäft ist ein Platz zum Verweilen. Solche Buchläden feiert die "Woche unabhängiger Buchhandlungen" (WUB), die an diesem Wochenende beginnt. Die Idee: Es soll auf die individuellen, inhabergeführten Läden aufmerksam gemacht werden, die ihren Kunden ein Sortiment abseits des Mainstreams bieten und Inseln der Inspiration und des Austauschs sind. Deshalb organisieren die teilnehmenden Geschäfte besondere Veranstaltungen. Marianna Geier veranstaltet eine Lesung mit der chinesischen Autorin Luo Lingyuan, die schon lange in Deutschland lebt. Sie wird aus ihrem Roman "Die chinesische Orchidee" lesen, der von einer modernen Konkubine in China handelt. In Lingyuans Heimatland ist ihr Roman verboten. "Für die WUB suche ich entweder Autoren oder unabhängige Verlage raus, die idealerweise in München ansässig sind", sagt Geier. Der Louisoder Verlag, der Lingyuans Roman verlegt hat, wurde dieses Jahr leider aufgelöst.

Im Rahmen der Aktionswoche sind Kooperationen zwischen kleinen Verlagen und Buchhandlungen häufig, man unterstützt sich gegenseitig. Und was bringt die Woche? "Solche Aktionen sind immer schwierig", sagt Marianna Geier. "Bookuck", eine Münchner Initiative zur Sichtbarkeit von inhabergeführten Buchhandlungen schlief nach einiger Zeit ein, niemand weiß so richtig, ob und wie es weitergeht. Übergreifende Projekte, die Aufmerksamkeit auf ihre Branche richten, seien gut, allerdings würde ihr gezielte Werbung in ihrem Stadtteil mehr bringen, sagt Geier: "Wenn jemand aus Milbertshofen zu einer Lesung bei mir kommt, ist das schön. Aber seine Bücher kauft er dann doch bei sich im Viertel". Konkrete Auswirkungen der WUB seien nicht spürbar.

So sieht es auch Regina Moths von "Literatur Moths", die zusätzlich ein ganz anderes Problem ausmacht: "Die Ästhetik. Wir sind eine Branche, die sich mit Typografie, Grafik und Aufmachung beschäftigt, und dann diese Optik". Damit bezieht sie sich sowohl auf das weiß-blaue Design der WUB als auch auf den Auftritt des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Trotzdem ist sie von Anfang an bei der WUB dabei und organisiert Veranstaltungen, die das besondere Profil ihrer Buchhandlung unterstreichen. "Natürlich lade ich tolle, unabhängige Verlage ein. Denn das ist es, was uns von den großen Ketten unterscheidet", sagt Moths. An einem Abend liegt der Fokus auf den Übersetzerinnen von Reden berühmter Frauen, die eine amerikanische Autorin gesammelt hat, das Buch wurde im Münchner Sieveking Verlag veröffentlicht. "Große Kleinverlage", nennt Regina Moths diese Verlage.

Ihre Kunden, die auch oft Touristen sind, denen "Literatur Moths" empfohlen wurde, wissen, was sie an dem Laden am Isartor haben. Trotzdem findet Moths, dass es einen Wandel der Leserschaft geben sollte. "Es muss viel mehr gelesen werden. Und die Menschen müssen verstehen, dass es unmöglich ist, bei Amazon zu bestellen", sagt sie. Der Konzern ist vielen Buchhändlern ein Dorn im Auge. Vielen Menschen sei das Bewusstsein dafür abhanden gekommen, was die Buchhandlung um die Ecke alles leisten könne. Sowohl bei Geier als auch bei Moths können Bücher bis abends bestellt werden, am nächsten Morgen sind sie da. Marianna Geier geht gelassen mit dem Thema Amazon um. "Wenn Menschen zum Einkaufen nicht mehr das Haus verlassen möchten, muss ich ihnen etwas bieten, was über das Einkaufen hinausgeht. Die Atmosphäre, meine Gastfreundschaft. Und die bekommen sie hier", sagt sie.

Ihre größte Sorge ist, dass die Buchpreisbindung wegfällt. Dann wären inhabergeführte Buchhandlungen machtlos gegenüber den großen Firmen, die viele Bücher viel günstiger verkaufen würden, als es ein kleines Geschäft jemals könnte. Was die Großkonzerne nicht können: Spannende Autoren in Stadtteile bringen, in deren Buchhandlungen man sich mit Namen kennt, Bücher zum Teil nach den Präferenzen der Stammkundschaft ausgesucht werden und auf alle Kundenwünsche eingegangen wird. Der Buchkauf in einem Laden mit Flair ist eben doch schöner als eine Bestellung per Mausklick.