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Literatur:Verbrannte Tage

Ein Macho-Roman, geschrieben von einer Frau? Geht das gut? Rachel Kushners zweiter Roman "Flammenwerfer" erzählt vom Bike-Girl Reno aus Nevada, das temporeiche Wüsten-Land-Art schaffen soll. Das Motto: Lass es brennen.

Erster Weltkrieg, im Hinterland des Isonzo: Valera, ein Angehöriger der italienischen Elite-Einheit "Arditi", schlägt einem angreifenden k.u.k-Soldaten mit einem Motorrad-Scheinwerfer, den er gerade repariert, den Schädel ein. Dann Zeitsprung zu einer jungen Frau, die in glühender Hitze mit 160 Sachen auf einem Motorrad über den Highway rast, von Reno, Nevada, wo sie aufgewachsen ist, in Richtung Osten.

Das ist der Auftakt von "Flammenwerfer", dem zweiten Roman der 1967 geborenen Amerikanerin Rachel Kushner, der ihr eine mehrere Seiten lange Lobeshymne im New Yorker bescherte, und parallel dazu Anfeindungen, es sei der "Macho-Roman einer Frau". Tatsächlich sprengt dieses Buch einige Erwartungen. Es ist wild und intellektuell, europäisch und amerikanisch zugleich. Es handelt von den Roten Brigaden so gut wie von New Yorker Autonomen und drückt behäbige Gender-Diskussionen an die Wand.

Doch wie kommen das Bike-Girl in der Wüste Nevadas und der oberitalienische Erste Weltkrieg ins selbe Buch? Als glaubwürdiger Menschen- und Themenfänger fungiert die Internationalität der New Yorker Kunstszene. Dort trifft Reno, das schnelle Mädchen vom Land, Anfang der Siebzigerjahre auf Sandro Valera, den um vierzehn Jahre älteren, abtrünnigen Sohn einer italienischen Reifen- und Motorrad-Dynastie. Reno will in New York Künstlerin werden, und Sandro ist in der Minimal Art bekannt. Den Älteren fasziniert am ambitionierten Land-Ei, dass es genau die Kraft hat, von der die damals modische Land-Art gerne träumt. Mit einer Moto Valera, die Sandro für sie organisiert, soll Reno Land-Art machen, die dem Land entspricht. Als schnellste Frau der Welt soll sie durch Salzwüsten rasen und die Spuren der Räder fotografieren.

Rachel Kushner near her home in Los Angeles.

Rachel Kushner wurde 1968 geboren, ihr Ford Galaxie 500 ist vier Jahre älter.

(Foto: Ann Summa/The New York Times/Redux/laif)

Ein ungewöhnlicher Künstlerroman auf der Höhe unserer Gegenwart

Eine Kunst-Rockerin als Roman-Heldin? "Fac ut ardeat" heißt das lateinische Motto des Buchs: "lass es brennen". Eine verkürzte Zeile aus dem "Stabat Mater", in dem sich das Herz Marias für Christus entflammen soll. Bei Rachel Kushner ist der Spruch eine Huldigung an sprachliche Energie und eine Absage an Konventionen. Die Intensität Renos trifft in Sandros Umfeld auf bizarre Charaktere an den Rändern der damals wenig domestizierten Kunstwelt. Der Straßenkämpfer Burdmore erzählt Reno am späteren Abend, dass er zur "Motherfucker-Bewegung" gehörte, die eben noch mit brachialer Gewalt die in den Drogenhandel verwickelte Polizei zu ersetzen versuchte. Es ging bis zur Hinrichtung eines Heroin-Dealers, der ein sechzehnjähriges Mädchen auf dem Gewissen hatte. Bankraub zur Finanzierung eigener "Projekte" war üblich. Als Burdmore eine Chemical Bank überfällt, trägt er nichts als einen schwarzen Satinbikini und eine Skibrille. "Incognito bleiben", sei das Konzept der Verkleidung gewesen.

Die gewollt schrillen Überschneidungen von Leben und Kunst im Umkreis von Andy Warhols Factory, geben den Theorie-Diskussionen in "Flammenwerfer" Zunder. Kushner kennt sich gut aus. Früh hat sie in Berkeley politische Ökonomie studiert. Ihr Vater, ein Biologe, kam aus einer Familie New Yorker jüdischer Kommunisten, fuhr eine Vincent Black Shadow und sammelte Lyrik. Die Mutter, ebenfalls Biologin, soll einen Sommer lang im Central Park geschlafen haben.

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Rachel Kushner: Flammenwerfer. Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag, Reinbek 2015. 560 Seiten, 22,95 Euro.

Die Tochter der Beatnik-Biologen wächst teils im Wohnwagen auf, geht aber auch mit achtzehn als Austauschstudentin nach Florenz, wo sie Berlusconi und die Erinnerung an die rebellischen Siebziger erlebt. Nach schnellem Studium vertut sie die Zeit, arbeitet in Bars, gehört zu einer Motorrad-Clique, fährt eine 500er-Moto Guzzi. Bis sie nach New York geht, um an der Columbia-University zu studieren, mit Jonathan Franzen als Dozent.

Eine so intellektuell privilegierte wie erfahrungssatte Biografie, die dem Buch eine doppelte Basis gibt und Kushner mit großer Selbstverständlichkeit ein Leben entwerfen lässt, das an gegenwärtigen Schemata kratzt. Reno provoziert, weil sie nicht die aus Werbe-Clips und Unterhaltungsfilmchen bekannte souveräne Frau ist, die Männer reihenweise in die Tasche steckt. Ganz im Gegenteil. Sie lässt sich ausnutzen und begreift es nicht. Sie hat Energie, aber wartet brav wie ein Lamm. Trotzdem gibt ihr Kushner keine schlechten Noten. Sie lässt Reno ihre Leidenschaften erleben und sagt heute, sie habe kein Gender-Ideal aufzeigen, sondern das Verhältnis von Frauen und Männern in einem bestimmten Milieu darstellen wollen. Schon in ihrem Erstling "Telex from Cuba" (2008) hatte sie mit den Erwartungen der Leser und der Sprache gespielt: "Rachel K.", eine Striptease-Tänzerin und Untergrund-Revolucionaria, die dem historischen Faschisten de la Mazière verfällt, ist nicht Rachel K., sondern eine historische kubanische Hure, die ermordet wurde.

Erst im zweiten Teil der "Flammenwerfer", ganz langsam, verändert sich Reno. Als sie mit Sandro in Italien ist, bemerkt sie zum ersten Mal, dass er sie betrügt - mit seiner Cousine. Schockiert flieht sie, steigt in den Fiat des Verwalters der Valeras. Dabei stellt sich heraus, dass er zur autonomen Szene gehört. Er sagt ihr, "diese Familie wird büßen", und führt Reno und den Roman in die politisch aufgewühlte Hauptstadt.

Im italienischen Teil des Buchs rutscht Kushner gelegentlich ab in politische Reiseprosa. Doch die giftige Evokation des post-faschistischen Fabrikanten-Milieus am Comer See hat ihren Reiz. Gelungene Cuts öffnen das historische Material für neue Verbindungen: Kushner gibt dem verstorbenen Senior des Valera-Clans, der im Ersten Weltkrieg den "Deutschen" erschlägt, eine Jugend im ägyptischen Alexandria, verfugt das Leben des maschinen- und faschismusbegeisterten Futuristen Marinetti mit dem der Pirelli-Familie, einem der Vorbilder der Valeras.

Blauäugig lässt Rachel Kushner ihre Reno italienische Revolutionäre betrachten und zeigt nach historischem Vorbild, wie zwei Filmemacher, die in Venedig gewinnen wollen - im Original Alberto Griffi und Massimo Sarchielli -, Anna, eine sechzehnjährige schwangere Obdachlose benutzen. "Flammenwerfer" ist ein ungewöhnlicher Künstlerroman auf der Höhe der Zeit, der durch seine geradlinige, temporeiche, meist stilsicher übersetzte Sprache überzeugt. Ein mutiger Wurf, der die Möglichkeiten des modernen Romans auszuloten versucht. Über Jahre entstanden, erschien er 2013. Und spielte, über die internationale Occupy-Bewegung und den arabischen Frühling, die Wiederentdeckung politischen Protests, auf einmal mitten in der Gegenwart.

© SZ vom 04.04.2015

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