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Literatur und Theater:Es gibt sie noch, diese Utopie

Martin Kusej mit Wahlaufruf zur bayerischen Landtagswahl, 2018

Einmischen: Martin Kušej ruft 2018 zur Landtagswahl auf.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Residenztheater präsentiert ein gedankenschweres Buch als Resümee der Intendanz von Martin Kušej

Schwarz. Ein schwarzer Klotz, schwer, unhandlich, imposant gestaltet. Selbst der Buchschnitt ist schwarz. Schwarz wie die vielen Blacks, mit denen Martin Kušej gern die einzelnen Szenen seiner Inszenierungen voneinander separiert. 352 Seiten, jede am Rand schwarz. In glänzend dunkelroter Schrift steht auf Vorder- und Rückseite der Titel: "Die Erde ist gewaltig schön, doch sicher ist sie nicht!"

Fast jedes größere Theater macht zum Ende einer Intendanz ein Buch. Meist sind das Ansammlungen von vielen Aufführungsfotos, anhand derer man die Ära einer Theaterleitung Revue passieren lassen kann. Beim Residenztheater ist das ein bisschen anders. Martin Kušej leitet das Haus noch ein halbes Jahr lang, aber bereits jetzt liegt der Klotz vor, verlegt beim Hanser-Verlag, herausgegeben von Georg Diez. An diesem Dienstag, 19 Uhr, wird er im Residenztheater präsentiert. Hanser-Verleger Jo Lendle wird das Buch vorstellen, die Philosophen Srećko Horvat und Oliver Marchart sowie die Schriftstellerin Kathrin Röggla werden diskutieren, Stefan Kornelius von der SZ moderiert, dazu lesen die Ensemblemitglieder Bibiana Beglau, Mathilde Bundschuh, Thomas Lettow, Thomas Loibl, Charlotte Schwab und Nils Strunk Texte aus dem Buch.

Daran sieht man schon, was dieses Buch im Kern sein will, nämlich viel mehr als ein Buch über Theater, was es dank einiger Interviews mit Residenztheaterschauspielerinnen und -schauspielern sowie einiger Aufführungsfotos auch ist. Vor allem aber will es ein Buch sein über Europa und die Welt und wie beide sich verändert haben in den acht Jahren von Kušejs Intendanz (nicht wegen der Intendanz). Aufsätze und Debattenbeiträge aller Art sind hier versammelt, die nun den gedanklichen Hintergrund bilden für Einiges, was in Kušejs Zeit am Residenztheater stattfand. Nicht für alles, weil Theater nun einmal vielschichtig und divers ist. Beispielsweise die letzte Inszenierung des Hausherrn, den Theaterulk "Der nackte Wahnsinn", kann man schlecht in diesen Kontext hineinintegrieren. Kušej selbst trägt zum Buch nur einen kleinen Text bei mit dem Titel "Theater", eine seltsame Geschichte, flackernd, vielleicht der Abdruck einer Erinnerung an die 18 Inszenierungen, die er selbst als Intendant hier herausbrachte.

Dieses Buch durchzuackern erfordert Zeit und Ausdauer. Ein paar Splitter: C. Bernd Sucher beschreibt den Wandel der Spielweisen durch die vergangenen Jahrhunderte und kommt zu dem Schluss, dass Performances und Projekte, die "neuen Formen", die Zukunft seien. Der politisch sehr wache Regisseur Oliver Frljić sagt im Interview: "Theater ist im Vergleich zu den anderen Künsten sehr träge. Die künstlerischen Umschwünge passieren in der bildenden Kunst oder in der Literatur und erst danach im Theater." Georg Diez entwirft in einem einleitenden Essay eine Bestandsaufnahme von Welt und Gesellschaft, Neoliberalismus, Dummheit, Totalitarismus, Festung Europa und endet: "Deshalb bleibt es auch so wichtig, das Licht zu beschreiben, das möglich ist, das Gute zu formulieren, dass es nicht Wunsch bleibt." Bibiana Beglau sagt über die Arbeit mit dem Regisseur Dimiter Gottscheff: "Ich mochte seine Menschenliebe in all ihrer Widersprüchlichkeit: Man könnte die Menschen so wunderbar lieben, wenn man sie nicht hassen müsste." Thomas Loibl sieht in den Helden der Gegenwart diejenigen, die im Lärm der Schrottinformationen und tiefsitzenden Ängste die Stimme der Vernunft vertreten und verweist auf seine Rolle in Arthur Millers "Hexenjagd", dem Stück über Hysterie in einer Gesellschaft und wie diese alle niederen Instinkte bloßlegt. Die Dramaturgin Angela Obst denkt über Frank Castorfs Inszenierungen am Residenztheater nach und entdeckt in dessen "Don Juan" das utopische Potenzial der Frauenfiguren.

Das könnte man lange so weitertreiben. Der schwarze Klotz feiert das Theater in diskursiver Vielfalt und trägt seine Bedeutung hinaus in die Welt.