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Literatur und Kosmos:Ein Gebet für Juri Gagarin

Zwei Bücher zeigen, eine wie große Künstlerin die Malerin und Schriftstellerin Etel Adnan ist.

Von Insa Wilke

Besser, man beginnt mit dem dünnen Buch. Es erzählt die Geschichte einer Begegnung: Im Mai 2019, fast genau 50 Jahre, nachdem Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat, brechen zwei junge Leute nach Paris auf, um eine 94-Jährige zu besuchen. Es ist die Malerin, Schriftstellerin und Philosophin Etel Adnan. Die beiden mehr als 60 Jahre Jüngeren sind der Schriftsteller Joshua Groß und der Lektor Moritz Müller-Schwefe, der sich als Mitherausgeber der Bändchen des SuKuLTuR-Verlags und des Literaturmagazins metamorphosen ganz unaufgeregt einen Namen gemacht hat.

Was von dieser Begegnung zeugt, ist ein schmales, konzentriertes Buch. Der Titel: "Wir wurden kosmisch". Der Inhalt: ein Gedicht, einige Tuschezeichnungen, Fotos von Raketenstarts, ein kurzes Gespräch. Die beiden Herausgeber tauchen nur in der Übersetzung, im Arrangement und als Fragende auf. Sie sind ganz auf die Begegnung konzentriert, die wie auf extraterrestrischem Terrain stattfindet. Dem Terrain der Gedanken, der sorgfältigen Gestaltung und des Interesses, nicht dem der guten Absichten, der Posen und Interessen.

Wer den Kern eines so ausgedehnten Werks, wie es das von Etel Adnan ist, berühren will, muss wohl selbst ein sehr eigenes Verhältnis zum All haben, bedeutet es doch, in der Weite des Raums und der Zeit den einen Punkt anzusteuern, von dem aus die Konstellation eines Lebens und Denkens sichtbar wird. Auf die Idee, dass "Ein Trauermarsch für den ersten Kosmonauten", ein langes, 1968 geschriebenes Gedicht für den ersten Raumfahrer Juri Gagarin, ein solcher Punkt sein kann, muss man erst mal kommen. Im Nachhinein leuchtet es ein.

Was alles hätte einem den Blick verstellen können. Gleich als erstes Etel Adnans opulente Biografie: 1925 in Beirut geboren, ist sie mit drei Räumen verbunden. Durch den Vater, der aus Damaskus stammt, gibt es eine Verbindung ins Arabisch-Muslimische. Durch die Mutter, eine griechische Christin aus Smyrna in diesen anderen Osten. Und durch die Lebensrealität der Eltern, die sich in Smyrna kennenlernten, als der Vater für das Osmanische Reich dort Stadtkommandant war, mit einem ganzen Imperium und der Erfahrung seines Zerfalls.

Etel Adnan: Sturm ohne Wind. Gedichte, Prosa, Essays, Gespräche. Herausgegeben von Hanna Mittelstädt und Klaudia Ruschkowski, Edition Nautilus. Hamburg 2019. 560 Seiten, 38 Euro.

Etel Adnan wuchs mit der türkischen Sprache auf, mit der griechischen und mit der arabischen, die sie aber bis heute nicht spricht. Sie ging in Beirut auf französische Schulen, wo sie von den Nonnen gegen die vermeintlich minderwertige arabische Welt und Sprache konditioniert wurde, wie sie selbst deren damalige Pädagogik deutet. Um den Preis der Entfremdung von den Eltern studierte sie, ging 1949 nach Paris. Als der Algerienkrieg sie wiederum vom Französischen entfremdete, zog sie in die USA. Dort, in Kalifornien, wurde sie Malerin und Dichterin, schiffte sich ein auf dem Floß, mit dem sie seitdem als Abenteurerin den breiten Amazonas der englischen Sprache bereist, wie sie es in ihrem großartigen Essay "Schreiben in einer fremden Sprache" (1984) erzählt.

In den 1970er-Jahren gehörte sie als Feuilletonredakteurin der Zeitungen Al-Safa und L'Orient-Le Jour zu denen, die ein Netzwerk knüpften zwischen den Intellektuellen der arabischen Welt, des Maghreb und der westlich-europäischen Sphäre. Ablenken lassen können hätten sich Joshua Groß und Moritz Müller-Schwefe von den starken politischen Texten, die vor, in und nach diesen erneuten Beiruter Jahren entstanden sind und auf die Kriege reagierten, die Etel Adnan erlebt hat: Algerien, Vietnam, Libanon und später die wiederholten Massaker an den Palästinensern, der Irakkrieg. Oder von der mystisch-mythologischen Ebene ihrer Zwiegespräche mit dem Mount Tamalpais. Warum das Gedicht für den Kosmonauten?

Im Gespräch über dieses Gedicht, das Adnan als Gebet für Gagarin schrieb, der 1961 wie Ikarus in den Himmel stieg und sieben Jahre später aus ihm in den Tod stürzte, erklärt sie, dass Raumfahrt und Mondlandung nicht nur politische Ereignisse gewesen seien: "Es berührte unsere Vorstellungskraft." Weniger eine Revolution hätten diese großen, mit grausamen Feueropfern erkauften Schritte für die Menschheit bedeutet als vielmehr den Eintritt in eine neue Dimension: "Weil wir nicht mehr hier waren, wir sind fortgegangen."

Klingt esoterisch? Ja. Aber was bedeutet es denn, wenn die Menschen den Raum einnehmen, in dem sie bislang ihre Existenzerklärungen angesiedelt haben? Etel Adnans ganzes Denken ist darauf ausgerichtet, diese Zäsuren auszuloten, in Verbindung zu bleiben mit dem mythischen Fundament, auf dem die Menschheit doch immer noch steht.

Das Verdienst der beiden Herausgeber ist es, dieses Denken in unserer scheinbar durchrationalisierten Welt gegenwärtig werden zu lassen und zwar auf künstlerische Weise: Indem sie Tuschezeichnungen mit aufgenommen haben, die Etel Adnan nach dem Besuch der beiden zu ihrem 51 Jahre alten Gedicht angefertigt hat und die in ihrer Schlichtheit ungeheuerlich wirken, will man verstehen, wie sie einen Zusammenhang verschiedener kultureller Sphären behaupten. Die in den Band montierten trashigen Fotos von Raketenstarts widersprechen zudem jeder esoterischen Deutung und betonen die Härte und den Realitätssinn, die Etel Adnans Sprache prägen. Ein Realitätssinn, der sich gerade nicht intuitiven, instinktiven Unterströmungen verschließt: "Alles, was einem Angst einflößt, hat etwas Religiöses. Eine spirituelle Erfahrung ist nie schön, sondern beängstigend."

Etel Adnan: Wir wurden kosmisch. Ein Gedicht, Zeichnungen, Fotografien und ein Gespräch. Herausgegeben von Joshua Groß und Moritz Müller-Schwefe. starfruit publications, Fürth 2019. 80 Seiten, 18 Euro.

Am gegenwärtigsten wird Adnan aber in der Übersetzung der beiden Herausgeber und die unterscheidet dieses Büchlein von dem dicken Lesebuch, das Hanna Mittelstädt und Adnans langjährige Übersetzerin Klaudia Ruschkowski unter dem Titel "Sturm ohne Wind" herausgegeben haben. In der Übersetzung von Groß/Müller-Schwefe beginnt "Ein Trauermarsch für den ersten Kosmonauten" so: "Du hast die Pipeline gesucht, die in den Himmel führt / tief in den Ästen des Affenbaums". Ergibt Sinn, trifft kräftig und direkt. Wer sucht nicht in den Ästen von Bäumen nach dem Himmel? Bei Klaudia Ruschkowski klingt es so: "Du suchtest mit den Händen des Affenbaums / die Pipeline zum Himmel". Was für Hände hat ein Affenbaum und warum soll man solche Hände haben? Sofort verschließt sich der Text.

Man kann an diesen, übrigens zeitgleich und unabhängig voneinander entstandenen Erstübersetzungen, gut erkennen, wie sinnvoll es sein kann, sich von der wortwörtlichen Übertragung zu befreien und eine Über-Setzung in einen anderen Sprach- und Zeitraum zu wagen, um ein Werk in der Gegenwart zu halten.

Diese zu große Treue ist leider das Manko des trotzdem unbedingt empfehlenswerten Lesebuchs "Sturm ohne Wind", das auch in der Komposition nicht geschickt vorgeht. Die Gespräche und autobiografischen Essays stehen ganz hinten im Band, sind aber notwendig, um sich Etel Adnans Gedanken- und Ausdruckswelt zu erschließen. Wer tatsächlich vorn anfängt und zuerst mit einem ohne Hintergrundwissen opak bleibenden Brief aus Beirut, Auszügen aus Gedichten und längeren Prosatexten oder gar den sogenannten "Großen Poemen" konfrontiert wird, bei denen es sich eher um philosophische Notizen handelt, mag diese als altbacken, konfus und, ja, esoterisch wahrnehmen: Gespräche mit der See, der Nacht, dem Nebel, der Seele? Kennt man den politischen Hintergrund von Etel Adnan, die Härte ihrer Urteile und auch ihrer Sprache, wird man diese Notizen anders lesen, nämlich als eine Brücke zwischen ihrer schriftlichen und ihrer bildnerischen Kunst.

Trotz dieser Ungeschicklichkeit aus gutem Willen ist "Sturm ohne Wind" eine Schatztruhe und eine große Tat des Zusammentragens, birgt der Band doch absolut aktuelle, formal so konsequent wie grandios gedachte Prosatexte wie "In einer Kriegszeit leben", entstanden bei Ausbruch des Irakkriegs 2005, oder "Eine Millionen Vögel" von 1977, ein Augenzeugenbericht, der von Männlichkeitsproblemen handelt und voll Trauer erzählt, wie die Freunde und das ganze Land zu einer "Ansammlung von Killern vor einem kosmischen Hintergrund" mutieren. In ihrem Gedicht "Jenin" von 2002 heißt es: "Die Nacht fragte sich, ob es moralisch sei, / so etwas Monströses zu verbergen. Dann beschloss sie, / ihre Tätigkeit einzustellen und hoch oben am Himmel zu bleiben, / dem letzten Gut der Besitzlosen. / Das Schweigen kam herab, und da die Leiter / verschwunden war, fiel es / mit all seiner Schwere, / wie Blei."

Der Ausbruch des Bürgerkriegs in Libanon habe das Ende der arabischen Welt, so Adnan später in Bezug auf "Arabische Apokalypse" (1980), bedeutet - und damit auch die Welt insgesamt ins Rutschen gebracht. Hat sie damit nicht recht behalten?

"Was wird aus uns, ohne das Meer?", fragt Etel Adnan. 2012 notiert sie, Neil Armstrong habe unsere "Vorstellungskraft verwaist" zurückgelassen. "Seitdem segeln wir los, ohne uns einzuschiffen." Aber dabei bleibt eine Frau wie sie, die in einem Berg ihr Gegenüber erkennt, nicht stehen. Auf die Frage nach den schlichten runden Formen für Erde, Mond und Sonne in ihrer Malerei antwortet sie in einem der Gespräche des Lesebuchs: "Wir haben unsere Visionen abgetötet. Wir müssen von vorn anfangen." Und: "Mein Rat ist: Hab keine Angst. Und das ist alles."

© SZ vom 26.11.2019
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