Literatur Und es wird Zoom machen

In politisch bewegten Zeiten will das Jugendliteratur-Festival "White Ravens", das bayernweit über die Internationale Jugendbibliothek auf Schloss Blutenburg hinausstrahlt, die Zeichen lesen - zum Beispiel beim Thema Rassismus

Von Antje Weber

Zoom ran. Zoom näher ran. Noch ein bisschen. Ein körniges Bild: ein Junge, das Gesicht auf dem Asphalt. Ein Mann über ihm. Fäuste stürzen auf ihn nieder wie Steine. Gebrüll, Blaulicht und Sirenen. Blut auf der Straße. Der Junge bewegt sich. Dann nicht mehr."

Mit diesen kurzen Sätzen, über eine dunkelgrau grundierte Seite verteilt, beginnt das Jugendbuch "Nichts ist okay!". Sofort ist damit klar: Bilder heranzoomen, Spannung erzeugen, das können die Autoren Jason Reynolds und Brendan Kiely bestens. Und wer weiterliest, merkt schnell: Sie können diese Spannung auch halten.

Das Thema ist ja auch brandaktuell: Ein weißer Polizist beschuldigt einen schwarzen Schüler, der in einem Laden eine Tüte Chips kaufen will, des Diebstahls - und schlägt ihn lebensgefährlich brutal zusammen. Erzählt wird dieses Drama abwechselnd aus zwei Perspektiven: aus der Sicht des schwarzen Jugendlichen, und aus der eines weißen Schulkameraden. Der hat die Szene beobachtet und fühlt sich in all seinen Gewissheiten erschüttert - denn jener aggressive Polizist ist ausgerechnet ein guter Freund seiner Familie.

Aya Cissoko.

(Foto: Jean-Baptiste Pellerin)

Der schwarze Jugendbuchautor Jason Reynolds, in den USA höchst erfolgreich, hat dieses Buch zusammen mit dem weißen Autor Kiely geschrieben. Traute er sich nicht zu, beide Perspektiven selbst zu beschreiben - und warum eigentlich nicht? Das ist eine der Fragen, die Christiane Raabe dem Schriftsteller gerne stellen würde. Sie wird als Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek dazu in den kommenden Tagen auch einige Gelegenheit haben, denn am Sonntag beginnt mit einem Eröffnungsfest das fünfte White Ravens Festival für internationale Jugendliteratur. Und nicht nur Raabe wird einen Autor wie Jason Reynolds befragen können: Jeder Interessierte, egal welchen Alters, kann bei diesem Festival 13 Jugendbuchautoren aus elf Ländern kennenlernen.

Zu erleben sind neben Reynolds, um die Autoren ein Mal in all ihrer Unterschiedlichkeit aufzuzählen, Ondřej Buddeus aus Tschechien, Aya Cissoko aus Frankreich, Gusti aus Argentinien, Piotr Karski aus Polen, Jamshid Khanian aus Iran, Davide Morosinotto aus Italien, Sally Nicholls aus Großbritannien, Ingrid Olsson aus Schweden und Edward van de Vendel aus den Niederlanden. Aus Deutschland sind die Autoren Que du Luu, Lea-Lina Oppermann und Oliver Scherz dabei. "Vielfalt abbilden", das ist Raabe wichtig; das Festival soll das Jugendbuch in all seinen Facetten zwischen verschiedenen Sprachen, zwischen Belletristik und Sachbuch zeigen. Doch auch wenn es sich um kein Themenfestival handelt - im Laufe der Planungen "schält sich immer ein Thema heraus", wie Raabe sagt. Vor zwei Jahren lag ein Fokus auf arabischen Kindheiten, diesmal hat sich als Schwerpunkt "das autobiografische Schreiben über Formen von Rassismus und Ausgrenzung" entwickelt.

Jason Reynolds.

(Foto: Dana Roc)

Dabei wäre nun eine weitere Frage an Jason Reynolds aus Washington fällig: Wie autobiografisch sind eigentlich seine Bücher? Darauf wird er während des Festivals ziemlich oft eine Antwort suchen müssen. Denn Reynolds hat ein straffes Programm vor sich: Er wird, wie alle eingeladenen Autoren, bayernweit an Schulen von Lindau bis Nürnberg lesen. Die Schulen mussten sich dafür bewerben; das Interesse an den Autorenbesuchen war so groß, dass nicht alle zum Zuge kamen. Reynolds wird übrigens auch in zwei Jugendstrafanstalten lesen. Und er wird zwischendurch noch in München an einer Podiumsdiskussion teilnehmen. "Nichts ist okay?", so lautet dabei die übergreifende Frage, in leichter Abwandlung seines Buchtitels.

Um die Antwort vorwegzunehmen: Nein, sehr vieles ist nicht okay. Das wird wohl nicht nur der US-Amerikaner Reynolds zum Thema Rassismus, Gewalt und Ausgrenzung feststellen. Auch die am Dienstagabend mitdiskutierende Autorin Que Du Luu kann dabei auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Die Familie der Autorin, 1973 in Saigon geboren, flüchtete nach dem Vietnamkrieg als sogenannte Boatpeople nach Deutschland, die Eltern eröffneten in Westfalen ein Chinarestaurant. In ihrem Roman "Im Jahr des Affen" erzählt Que Du Luu von einer Jugendlichen, die möglichst nicht auffallen will im Kreise ihrer deutschen Freundinnen. "Sie denkt, sie sieht genauso aus", sagte die Autorin einmal im Deutschlandfunk. "Sie weiß zwar, dass sie anders aussieht, aber nur, wenn sie draufgestoßen wird."

13 Autoren

aus elf Ländern reisen zum White Ravens Festival an. Es findet vom 14. bis zum 19. Juli an unterschiedlichen Orten statt. Am Eröffnungs-Sonntag, 15. Juli, können Kinder, Jugendliche und Erwachsene von 10.30 bis 16.30 Uhr alle Autoren in der Internationalen Jugendbibliothek auf Schloss Blutenburg erleben - und etwa einen Slackliner in luftiger Höhe. Autobiografisches Schreiben und Rassismus ist Thema einer IJB-Diskussion am Dienstag, 17. Juli, 19.30 Uhr. Weitere Programm-Details: www.wrfestival.de.

Wie es sich anfühlt, ständig auf sein anderes Aussehen gestoßen und abgewertet zu werden, weiß wiederum Aya Cissoko nur zu gut. Cissoko, die bereits beim vergangenen Literaturfest in München zu Gast war, lebt in Paris; wie sie dort als Tochter einer unermüdlich schuftenden Mutter aus Mali aufwuchs, erzählt sie unter anderem im berührenden Roman "Ma". In rauer Sprache schildert sie eine raue Jugend, geprägt von Armut, Machismus, Verlusten. Doch Cissoko boxt sich durch, im Wortsinn. Schließlich studiert sie sogar an einer Elitehochschule: "Zu Anfang gehe ich immer an der Wand entlang", schreibt sie. "Als wenn ich, ein großgewachsenes schwarzes Mädchen, mich unbemerkt durch diese weiße Umgebung bewegen könnte." Vielleicht müsste sie sich unauffälliger anziehen, rätselt sie, und ihre Nikes ausziehen. "Aber sie sind das Zeichen, dass ich mich nicht ändern noch vergessen will, woher ich komme. Was bringt es, Leute wie uns aufzunehmen, wenn wir am Ende aussehen sollen wie alle anderen?"

Mit solchen Fragen, auf die wohl manch ein bayerischer Politiker sofort eine eindeutige Antwort parat hätte, ist man mittendrin in all den Debatten um Identität, Integration, Migration, die derzeit auf unheilvolle Weise angeheizt werden. IJB-Direktorin Raabe findet es wichtig, mit solchen Themensetzungen Stellung zu beziehen. Es geht ihr insgesamt darum, "genauer hinzugucken" - in der Hoffnung, "dass es zu einem interkulturellen Gespräch kommt, das einen Aha-Effekt auslöst".

Ob sich der Lauf der Welt damit verändern lässt? Noch so eine schwierige Frage. Jason Reynolds beantwortet sie im Nachwort seines Jugendromans ganz einfach: Um einen Wandel in der Gesellschaft herbeizuführen, müssten sich Menschen in allen Bereichen dafür einsetzen. "Demonstranten und Nachbarschafts-Aktivisten, Künstler, politische Bündnispartner, Lehrer und Bibliothekarinnen, einfache Menschen, die ihre innere Stimme nicht zum Schweigen bringen - wir alle müssen unseren Teil dazu beitragen. WIR ALLE."

Zoom näher ran. Noch ein bisschen.