Literatur Strom der Erzählungen

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Die Demokratie steht unter Druck und kann andererseits nur gelingen, wenn es Autoren gibt, die sie immer wieder aufs Neue verteidigen: Am Mittwochabend wurde die Leipziger Buchmesse eröffnet.

Von Felix Stephan

Als die Leipziger Buchmesse am Mittwochabend mit einer feierlichen Zeremonie eröffnet wurde, drehten sich die Reden vor allem um zwei Themen, um die es jeweils auch schon einmal besser stand: Europa und das Urheberrecht. Und man konnte leicht den Eindruck bekommen, dass beide in einer Art Schicksalsgemeinschaft verbunden sind. Die Argumentationslinie verlief an diesem Abend ungefähr so: Die Demokratie steht einerseits unter Druck und kann andererseits nur gelingen, wenn es Autoren gibt, die sie immer wieder aufs Neue herausfordern, die blinden Flecken des öffentlichen Gesprächs herausarbeiten und die Bevölkerung mit seiner Vergangenheit konfrontieren. Dafür brauche es Bücher, Buchhandlungen und Verlage, sagte etwa Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) in ihrer Eröffnungsrede. Eine europäische Gedächtniskultur könne nur entstehen, wenn es einen "Raum für den Strom der Erzählungen" gebe, sagte Grütters und zitierte dabei den Historiker Karl Schlögel. Diesen Raum garantiere heute die Kunstfreiheit.

Weder Tweets noch Zeitungsartikel könnten in dieser Angelegenheit Romane oder politische Sachbücher ersetzen, wie etwa jenes der amerikanischen Autorin Masha Gessen, die mit dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung ausgezeichnet wurde (SZ vom 19. März). Gleichzeitig sorgten der Medienwandel, die Konzentration der Kapitalflüsse und Gerichtsurteile zu Ungunsten der Verlage dafür, dass es immer schwieriger werde, Bücher zu schreiben, herzustellen und zu vermarkten, was wiederum, siehe oben, zu einer Schwächung der Demokratie führe.

Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, zitierte in Leipzig den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der wiederum Christopher Clark zitierte: "Wir dürfen nicht Schlafwandler in einem erschlafften Europa sein." Der europäische Humanismus erfordere Handeln. Im Speziellen betrifft dieser Aufruf nun das Europa-Parlament, das Ende des Monats über die Reform des europäischen Urheberrechts abstimmt, die bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse gefordert und beklatscht wurde. Sollte die Reform scheitern, so wieder Monika Grütters, stehe Europa nach der Wahl im Mai ohne Urheberrecht da.

Darauf, dass sich Demokratie aus öffentlichem Streit ergebe, wurde immer wieder hingewiesen an diesem Abend. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer fing gleich damit an: Auch er sehe es so, dass Lesen Emanzipation bedeute, aber wer mit Jüngeren über die Lage des Urheberrechts spreche, stelle fest, dass diese die Sicht der Kulturstaatsministerin eher nicht teilten. Man dürfe die Meinungsfreiheit nicht beschränken. Dann betonte er, dass er zu Europa stehe, auch wenn das bis dahin gar nicht die Frage war und erst durch dieses Bekenntnis zu einer Möglichkeit unter anderen wurde; dass Europa allerdings nur dann eine "gute Zukunft" habe, wenn man sie stärker vom Osten her denke. Es gebe Meinungsverschiedenheiten zwischen den Gründungsmitgliedern der EU im Westen und den neuen Mitgliedern östlich von Sachsen. Der Kulturminister des Gastlandes der Leipziger Buchmesse Tschechien, Antonín Staněk, empfing Kretschmer nach der Rede mit einem gesonderten Handschlag.

Aus der Branche selbst kamen indes verhalten positive Nachrichten: Der Börsenverein verkündete, dass im vergangenen Geschäftsjahr 600 000 neue Buchkäufe gezählt wurden - der erste Anstieg seit 2012. Und er sei "optimistisch", dass der systemrelevante Buchlogistiker KNV trotz seiner Insolvenz Anfang des Jahres erhalten bleibe.