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Literatur:Storys To Go

Eine Münchner App bietet hunderte Kurzgeschichten

Von Constanze Radnoti

Der neueste Roman von T. C. Boyle hat 600 Seiten, der aktuelle von Paul Auster sogar 1250. Wer hat dafür Zeit? Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Erwachsene angeblich nur acht Sekunden betragen soll. Was also tun, wenn man literarisch nicht einrosten möchte? Kurzgeschichten lesen. Doch die haben es schwer, die Kunst der Kurzgeschichte droht auszusterben.

Das behauptet zumindest Otger Holleschek - und genau das will er verhindern. Deshalb veranstaltet er seit mehr als 20 Jahren Kurzgeschichtenwettbewerbe. Und deshalb hat er nun eine App für Kurzgeschichten herausgebracht, die "Storyapp". Die kann man sich aufs Handy oder Tablet laden und schon hat man Zugriff auf bis zu 600 Geschichten. Zwei neue kommen jeden Tag hinzu. Etwa 15 Minuten soll man für eine benötigen, sagt Holleschek.

Die Geschichte der Storyapp beginnt einerseits in Frankreich und andererseits in München. In Frankreich gibt es seit vergangenem Jahr Leseautomaten, die auf Knopfdruck Kurzgeschichten auf einer Art Kassenbon ausspucken. Holleschek hielt das für eine feine Idee, allerdings "umwelttechnisch" nicht ganz optimal. Und nachdem die Leute ja sowieso die meiste Zeit über ihrem Smartphone hängen - warum entwickelt man nicht einfach eine App? In München nimmt die Storyapp ihren Ursprung, weil Holleschek dort das Finale seines Kurzgeschichtenwettbewerbs abhält. Bei dem machen jedes Jahr etwa 1500 Autoren mit, knapp zehn Prozent der Geschichten seien akzeptabel bis gut, sagt Holleschek. Ein Prozent sogar sehr gut. Die besten vier Texte kommen ins Finale und werden dort von Schauspielern vorgelesen. Am Ende entscheiden Publikum und Jury, wer gewonnen hat. Danach passiert mit den Geschichten nicht mehr viel. "Sie liegen rum", sagt Holleschek. 15 000 Kurzgeschichten.

Gut ein Drittel von ihnen kann man inzwischen in der Storyapp nachlesen, 100 auch nachhören. Götz Otto hat schon einige Geschichten eingesprochen, "spannende Sprecher" sollen folgen, verspricht Holleschek, Eva Briegel, zum Beispiel, die Sängerin von Juli. Und auch bei den Autoren soll Prominenz dazukommen. Aktuell stammen die Geschichten von eher jungen und unbekannten Autoren, "Novizen", wie Holleschek sie nennt. Das merkt man den Texten durchaus an, schlecht sind sie deswegen nicht. Demnächst könnten sich aber auch größere Namen darunter mischen. Helmut Krausser ist der erste Promi, der in der Storyapp eine Geschichte veröffentlicht hat, Doris Dörrie oder Ronja von Rönne könnten folgen.

Doch auch ohne prominente Schriftsteller läuft es mit der App recht gut. In den ersten sechs bis acht Wochen hätten sich fast 2000 Nutzer angemeldet, jeden Tag kämen zehn bis 15 weitere hinzu, sagt Holleschek. Dabei gibt es zur Storyapp bislang keine große Werbestrategie. Lediglich einige E-Mail-Verteiler habe er angeschrieben und in Facebook-Gruppen gepostet. Zudem liegen in Wartezimmern Flyer aus. Primär gehe es bei Storyapp nicht ums Geldverdienen, sagt Holleschek. "Die App ist einfach eine Möglichkeit, gute Geschichten zu veröffentlichen." Außerdem wolle er vor allem bei jungen Leuten die Leselust wecken und sie so für Literatur begeistern. Für die Autoren bedeutet das, dass auch sie mit der Veröffentlichung in der Storyapp kein Geld verdienen. Dafür aber Blumen. Denn wenn ein Leser eine Geschichte besonders mochte, kann er dem Autor dafür eine Blume schenken. Die gibt es in der App zu kaufen, 100 Stück für knapp elf Euro. Die Blumen kann man dann nach Belieben an seine Lieblingsautoren verteilen.

Wie es mit der Storyapp weitergeht, ist völlig offen. Erst mal muss sich herausstellen, ob die Leute sie nutzen, denn die Konkurrenz ist groß und eine kleine App schnell übersehen. "Wir machen das jetzt mal ein Jahr lang, dann sehen wir weiter", sagt Holleschek. Grundsätzlich wolle er durchaus weitermachen. Vielleicht sogar mit einem Verlag, falls einer Interesse anmeldet. Das hieße aber auch, ein Stück Freiheit bei der Auswahl der Texte aufzugeben. "Im Moment sind wir da völlig unabhängig", sagt Holleschek. Nun steht ohnehin erst mal der nächste Wettbewerb an. Noch bis 30. September können Autoren ihre Geschichten zum Thema "Frontberichte" einsenden. Die besten kommen ins Finale am 25. November in München - und in die Storyapp.

Weitere Informationen zum Kurzgeschichtenwettbewerb und zur App auf www.zuendeln.de

© SZ vom 01.08.2017
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