Literatur-Sensation Elena Ferrante:Männer, lest diese "Frauenbücher"!

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Literatur-Sensation Elena Ferrante: Die vier Bücher der Neapolitanischen Saga: Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes

Die vier Bücher der Neapolitanischen Saga: Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes

(Foto: Suhrkamp Verlag)

Bücher von Männern sind Bücher für alle Menschen. Bücher von Frauen hingegen gelten als Bücher, die für Frauen geschrieben sind. Zeit, dass sich das ändert - am besten mit Elena Ferrantes Neapel-Romanen.

Von Kathleen Hildebrand

Frauen, die lesen, sind gewissermaßen Transsexuelle. Von Anfang an. Denn was liest jedes Mädchen, wenn es beginnt, sich für ernsthafte Literatur zu interessieren? Den "Fänger im Roggen" zum Beispiel. "Der Ekel" von Jean-Paul Sartre vielleicht oder "Der Fremde" von Albert Camus, "Narziß und Goldmund" von Herrmann Hesse. Bücher, geschrieben von Männern, in denen die - männlichen - Erzähler sich einen Reim auf die Welt machen. In denen Jungs und Männer leiden, lieben, lernen und vielleicht am Ende zu sich selbst finden.

Frauen sind es gewohnt, in Männerköpfe zu schlüpfen. Das ist schön und im Grunde ja auch die Essenz des Lesens: Man bereichert sein eigenes Leben, indem man durch die Fiktion andere mitlebt. Wer liest, fühlt sich ein, auch in ganz und gar Unbekanntes. In von Zyklopen aufgezogene Waisen, die ihre eigene Mutter heiraten (König Ödipus), in Handelsvertreter, die sich über Nacht in Käfer verwandeln (Kafka) oder, so wie heute, in die Lebensprobleme von sehr viel Tee trinkenden norwegischen Schriftstellern (Karl Ove Knausgard). Jeder, der liest, übernimmt den Blick des Erzählers, schlüpft in einen fremden Kopf.

Schade ist bloß, dass es andersrum so selten passiert. Selbst in den Bücherregalen von an Gegenwartsliteratur interessierten Männern stehen erfahrungsgemäß fast nur Bücher von männlichen Autoren.

Austen, Woolf, Jelinek? Gewiss keine Pflicht

Wer das nicht glaubt, zähle bitte mal nach - Joanne K. Rowling dürfte in den meisten Regalen die einzige Frau sein, deren Name auf den Buchrücken steht. Ganz zu schweigen davon, dass man eine solide klassisch-literarische Bildung ohnehin ganz ohne die Lektüre weiblicher Autoren haben kann. Shakespeare, Goethe und Grass? Muss-Autoren, klar. Aber Austen, Woolf, Jelinek? Vielleicht, für richtige Nerds. Aber gewiss keine Pflicht.

Wer als Frau einen anerkannten Klassiker wie "Stolz und Vorurteil" seinem Lebenspartner ans Herz drücken möchte, blickt mit trauriger Regelmäßigkeit in ein gequältes Gesicht: Da gehe es nur um Gefühle, das interessiere ihn nun mal nicht, sagt der Mann dann gern, obwohl ihm Gefühle im Alltag ganz und gar nicht fremd sind. Jenseits von literaturwissenschaftlichen Seminaren gilt immer noch die Faustregel: Was Frauen schreiben, ist gewissermaßen aus Nischenperspektive verfasst - und deshalb auch nur für Frauen als Leserinnen gedacht. Was Männer schreiben, erscheint der Mehrheit hingegen als universell gültig.

"Männer nehmen von Frauen geschriebene Bücher als Bücher für Frauen wahr"

Elena Ferrantes Neapel-Büchern ist es - in Maßen - ebenso ergangen. In eine Reihe mit Jane Austen haben Kritiker sie schon nach dem ersten Band gestellt: "Stellen Sie sich vor", schrieb ein australischer Rezensent, dass Jane Austen wütend wird. Dann haben Sie eine Vorstellung davon, wie explosiv dieses Werk ist." Wie Austen schreibt Ferrante unter Pseudonym, auch wenn es mittlerweile gelüftet ist. Und wie Austen wird sie von manchen in der Literaturschublade "Kitschiges Frauenbuch" einsortiert, also gleich neben dem Backpulver. Im Interview, das der Spiegel vor zwei Jahren mit ihr geführt hat, sagt Elena Ferrante: "Männer nehmen von Frauen geschriebene Bücher als Bücher für Frauen wahr."

Niemand muss einen Zuckerschock befürchten

In den USA, wo die Tetralogie der italienischen Autorin zu einem gewaltigen Erfolg wurde, bevor sie in Deutschland erschienen, sind die Cover der Reihe klischeehaft "weiblich" gestaltet, die Motive, vom ersten bis zum vierten Band: ein Brautpaar, noch ein Paar, eine Frau mit Kleinkind, zwei kleine Mädchen, pastellige Farbgebung. Und ja, nicht nur die Autorin ist weiblich (so viel hat ihr Verlag verraten), auch die Erzählerin ist eine, und die zweite Hauptfigur, deren beste Freundin, ist es auch. Aber sind Elena Ferrantes Bücher deshalb "Frauenromane"? Bücher also, die nur Frauen interessant finden können? Auf gar keinen Fall. Sie sind vielmehr eine große Chance für männliche Leser, die Einfühlung in Frauenfiguren nachzuholen, wenn sie bisher einfach keine Lust auf pastellfarbene Cover gehabt haben.

Ferrantes Sprache ist so nüchtern, dass niemand einen Zuckerschock befürchten muss, trotzdem aber von einer natürlichen Lesbarkeit. "Meine geniale Freundin" und seine drei Nachfolger oszillieren zwischen ernster und Unterhaltungsliteratur, wie es große Erfolgsromane tun. Zwischen Seifenopern-Sog und brillanter Einsicht in die Grundwahrheiten des Lebens. Es gibt keinen objektiven Grund für Männer, diesen Büchern auszuweichen: In der neapolitanischen Saga kommen nämlich sogar lauter Themen vor, von denen Männer meistens sagen, dass sie sie in Büchern interessant finden: Sie zeichnen ein detailreiches Panorama der italienischen Nachkriegsgeschichte. Es geht um die Armut der Fünfzigerjahre in einem neapolitanischen Stadtviertel, um Politik, Korruption und Gewalt, um Revolution und Camorra. Um die 68er-Bewegung und den Terror der roten Brigaden im Italien der Siebziger.

Elena Ferrante erzählt davon brutal ehrlich: Ihre Protagonistinnen, die Pförtnertochter Elena Greco und Raffaella Cerullo, die Tochter des Schusters im Viertel, sind zwei begabte Mädchen. Zwei, die früh merken, was alles nicht stimmt in ihrer rauen Welt, in der Frauen nicht ernst genommen werden, sich unterordnen müssen und irgendwann aufgeben. Sie enden verrückt, verzweifelt oder mit einem schielenden Auge und einem hinkenden Bein wie Elenas Mutter. Wie sie zu werden, ist Elenas größte Angst. Kein eigenes Ich zu haben ohne die geniale Freundin Lila, das ist die zweitgrößte. Trotz der symbiotischen Beziehungen, von denen es einige gibt in diesen Büchern, ist Fremdheit Ferrantes großes Thema. Elena Greco, die Erzählerin der Romane, erlebt in den Büchern, was es bedeutet, in einer Männerwelt Erfolg haben zu wollen.

Was hier geschrieben steht, ist universell gültig

Man könnte sagen: Ferrantes Bücher behandeln letztlich das Dilemma von Frauen, Literatur und "Frauenliteratur": Elena Greco wird Schriftstellerin, schreibt für Zeitungen. Ihre Professoren, ihr Verleger, ihr Lektor, die Chefredakteure der Zeitungen, ihre Konkurrenten und Kritiker: alles Männer. Als erwachsene Frau sagt sie irgendwann, dass keiner besser wisse als sie, "was es bedeutet, seinen Kopf gegen einen Männerkopf einzutauschen, nur damit er in der Männerkultur akzeptiert wird." Wie präzise Ferrante den mühsamen Aufstieg eines Mädchens aus einem Arbeiterviertel bis in die intellektuelle Bildungselite des Landes beschreibt, mit all den Rückschlägen und all der Scham, die das bedeutet - das ist universal. Also, Männer: Macht es den Frauen nach. Werdet Lektüre-Transsexuelle!

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