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Literatur:Seitenwechsel

Ein Cowboy empört sich: "Ich bin doch kein Buch", gibt er vor.

(Foto: ijb)

Eine Buch-Ausstellung in der Blutenburg

Von Ramona Dinauer

Immer mehr Menschen sammeln sich auf einer Seite und würden zu gern die Grenze überqueren - doch ein General hat dies verboten. Dass es sich bei der Grenze um den Buchfalz eines Kinderbuches und beim ersehnten Ankunftsort um die rechte, noch weiße Seite handelt, zeigt, wie simpel und gleichzeitig aktuell Kinderbücher sein können. Ob Norwegen, Japan oder Deutschland - das Lesen und Gelesenwerden ist ein gern behandeltes Thema in Bilderbüchern. In der Ausstellung "Wenn das Buch vom Buch erzählt" hat die Internationale Jugendbibliothek die schönsten Beispiele der vergangenen 15 Jahre aus aller Welt zusammengetragen, die metafiktional mit der Geschichte spielen.

Durch ein auf die Tür und den angrenzenden Vorhang gedrucktes Meer an Buchstaben betritt man die Ausstellung im historischen Wehrgang. Einige der Autoren lassen ihre Bücher in andere Bücher einwandern. Die in einem Bild zitierten Bücher sind so unscheinbar, dass sie oft nur von Kinderaugen entdeckt werden. Andere Autoren thematisieren das Schreiben sowie die Diskrepanz zwischen alten und neuen Medien. Ein Hase verkörpert die romantische Vorstellung eines Autors, der noch Blätter aus der Schreibmaschine anhäuft.

Ganz anders geht ein Esel das Schreiben an, der mit dem Laptop auf dem Schoß den Affen fragt, wie Bücher funktionieren, wenn man weder damit scrollen noch bloggen kann. Durch die Metaebenen und die Materialität des Buches kann man sich bis hin zur Pointe blättern - und eben nicht scrollen. Im Rahmen gegenüber tritt ein Cowboy in Dialog mit dem Leser und fragt ihn direkt, was der ihn so anglotze. "Ich bin doch kein Buch! Ich bin ein Cowboy!", empört er sich. Und das in seinem Mund ist wahrscheinlich auch keine Pfeife.

Klassische Märchen wie das der drei kleinen Schweinchen werden konterkariert, indem der Wolf die Schweinchen aus der Geschichte pustet, woraufhin die ihn einfach in den Buchseiten einknicken. Wie auch bei dieser Geschichte, finden sich einige Seiten der Bilderbücher in Rahmen an der Wand auf unterschiedlichen Höhen, da Kuratorin Katja Wiebe findet, dass die Geschichten auch Erwachsene zu Gedankenspielen einladen. Im Turmzimmer dürfen Kinder in den Büchern schmökern; in Workshops können sie auch selbst kreativ werden. Und wer wissen möchte, ob der General im Kinderbuch "Hier kommt keiner durch!" die willkürliche Grenzziehung in der Buchmitte aufhebt, kann sich selbst seine Meinung über nur eine bunte Buchseite bilden.

Wenn das Buch vom Buch erzählt; Mo.-Fr., 10-16 Uhr, Sa. und So., 10-17 Uhr, Internationale Jugendbibliothek, Schloss Blutenburg; bis 10. September

© SZ vom 01.03.2017
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