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Literatur:Schriftstellerin Assia Djebar ist tot

Assia Djebar gestorben

Selbstbewusstsein beginnt immer mit der Sprache: Assia Djebar, algerisch-französische Weltbürgerin.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Ihre Art zu erzählen, war mutig, klug und geistreich. Deshalb wurde die algerisch-französische Schriftstellerin Assia Djebar immer wieder als Anwärterin auf den Literatur-Nobelpreis gehandelt. Am Samstag ist sie mit 78 Jahren gestorben.

Sie stand seit Jahren unter Nobelpreisverdacht. Eine Frau, 1936 im damals noch französischen Algerien geboren, in der Sprache der einstigen Kolonialmacht schreibend, spontan sich auch auf Arabisch ausdrückend, zugleich aber der von der Mutter geerbten Berberkultur verpflichtet, durch amerikanische Lehrstühle, internationale Preise und Mitgliedschaft in der Académie Française hoch geehrt und doch bis zuletzt einen Kern Auflehnung bewahrend - zentraler könnte man nicht im Koordinatenkreuz unseres zeitgenössischen Befindlichkeitshorizonts aus Gespaltenheit, Konfliktbereitschaft und Verschmelzungsträumen stehen.

Aus all dem hat die Volksschullehrerstochter Fatima-Zohra Imalayène alias Assia Djebar mit Leidenschaft, Überzeugung, Mut, Zielstrebigkeit, großem Wissen, Schreibtalent und einem offensichtlichen Selbstdarstellungsgeschick ein beispielhaftes Schicksal und ein persönliches Werk zu machen verstanden.

Nach dem Studium in Paris veröffentlichte sie 1957 ihren ersten Roman "Durst". Unter dem Pseudonym Assia Djebar begann damit eine Karriere als Schriftstellerin, Hochschulprofessorin, Journalistin, Filmemacherin, Intellektuelle, Feministin. Ein erster Höhepunkt war der Roman "Die naiven Lerchen" (1967), in dem eine nordafrikanische Frau auf neue Weise ihren eigenen Körper entdeckt. Das damit verbundene Empfindungsgemisch aus Hochgefühl, Scham und gesellschaftlicher Demütigung taucht im Werk immer wieder auf.

Aufarbeitung von Kolonialzeit und algerischem Unabhängigkeitskrieg

Tradition und Moderne waren nach der Unabhängigkeit Algeriens eine weitere Spannungsachse im Werk. Der Kinofilm "La Nouba des femmes du Mont Chenoua" (1978) über die unterschiedliche Erfahrung von Alltag, Eheleben und Unabhängigkeitskampf zwischen Frauen und Männern auf dem Land löste heftige Debatten in Algerien aus. Zwei Jahre später übersiedelte die Autorin endgültig nach Paris, wo sie von 1983 an ein paar Jahre lang als Ministerin für soziale Angelegenheiten tätig war.

Zugleich trat in ihrem Werk die Aufarbeitung von Kolonialzeit und algerischem Unabhängigkeitskrieg in den Vordergrund. "Fantasia" machte 1986 den Anfang eines Romanzyklus, der später durch das Buch "Weißes Algerien" (1996) und die Erzählungen "Oran - Algerische Nacht" (1997) - über die Gräuel zwischen Islam-Terroristen und Armee - ergänzt wurde.

Die Wahl der Sprache, der Gebrauch der Worte, die Handhabung der Grammatik war für die Intellektuelle, die mit der Übersiedlung 1995 nach Louisiana und dann nach New York sich einem weiteren Kulturkreis öffnete, stets zugleich Studienobjekt und Teil des politisch-feministischen Engagements. In den Romanen wechselt die Erzählperspektive oft zwischen "ich" und "sie" oder "er". Auf der Straße habe er die Leute ein grün-rot-weißes Tuch schwenken sehen, berichtet in "Das verlorene Wort" (2003) der junge Berkane der Mutter. "Sag nicht 'Tuch', das ist unsere Fahne", antwortet diese: Selbstbewusstsein beginnt mit der Sprache.

In einem Pariser Krankenhaus ist die 78-jährige Autorin, die im Jahr 2000 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, am Freitag gestorben.

© SZ vom 09.02.2015/dayk

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