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Literatur rund ums Mittelmeer:Kopftuch als Zeichen öffentlicher Präsenz

Aus Algerien war Maissa Bey gekommen und sprach über die Rolle der Frauen in der arabischen Revolte, über deren starke und sichtbare Präsenz in der Öffentlichkeit, wo das Kopftuch oftmals nichts anderes bedeute als ein nachdrückliches Unterstreichen des Willens, einfach "da", öffentlich präsent zu sein. Al-Khamissi berichtete Ähnliches aus den Straßen von Kairos Auch dort bietet die Rolle der Frauen den Lackmustest auf das Gelingen oder Misslingen aller politischen wie kulturellen Veränderungen. Letztere hält er für bereits so gefestigt, dass der Reaktion auf lange Sicht keine Chance bliebe. Ägypten aber, das Land, in dem die Zeit erfunden wurde, bräuchte Zeit, und die nehme es sich auch.

Von Europas Politik und seinen Politikastern, die - wie der west-östliche Kulturvermittler und Lyriker Joachim Sartorius sagte - durch ihr Schweigen und ihr Untätigkeit schon im Falle Tunesiens, danach Ägyptens und jetzt Syriens versagt haben, erwarten Bei und Al-Khamissi einmütig "nichts mehr" - außer, "dass sie uns in Ruhe lassen". Europas Versagen, sagte Al-Khamissi, zeuge für das "Sterben der Politik" schlechthin. An ihre Stelle müssten andere, neue Formen des öffentlichen Handelns treten.

Gibt es bei allem Trennenden - und so schön und überzeugend sich alle Mittelmeermodelle auch ausnehmen: das UNO-Flüchtlingswerk hat es gerade zum "tödlichsten Gewässer der Welt" erklärt -, ein gemeinsames kulturelles Erbe der Völker, die am Mittelmeer leben? Auch dort gilt leider noch immer der Satz Primo Levis, an den der griechische Lyriker Haris Vlavianos erinnerte: "Jeder ist des anderen Jude". Vlavianos' eigener Entwurf schloss dagegen mit dem Wunsch, ". . . im schönsten Meer meines Lebens keine Grenze vor mir zu sehen, sondern eine Passage, einen Übergang vom Ufer der zwanghaften Intoleranz zu dem der schöpferischen Verbindung".

Gibt es ein kollektives Gedächtnis des Mittelmeerraums? Gibt es gemeinsame Erinnerungsorte?, fragte Sartorius, auch er ein Mittelmeergewächs, nicht der Geburt, sondern der Emotion nach. Fragen wie diesen wird das Projekt an beiden Ufern des "geteilten Meeres" (Predrag Matvejevic) nachgehen.

Vorläufig gingen ein paar mythische Namen um: Antigone, Medea, Elektra, Penelope, Scheherezade - lauter Frauen, alle bereits in modernen Gewändern, aber auch ein Mann war dabei: Ein beschädigter Odysseus, den Ilma Rakusa in eine andere Heimatstadt zurückkehren ließ, nicht nach Ithaka, sondern nach Triest. Nächste Station.