Fatma Aydemirs Roman "Dschinns":Verdichtete Trauer

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Fatma Aydemirs Roman "Dschinns": Epischer Atem: Die Journalistin und Schriftstellerin Fatma Aydemir.

Epischer Atem: Die Journalistin und Schriftstellerin Fatma Aydemir.

(Foto: Sibylle Fendt/Sibylle Fendt)

In der Hochdruckkammer der Gefühle: Fatma Aydemirs"Dschinns" ist ein Familienroman von außerordentlicher Intensität.

Von Meike Fessmann

Die warme Luft, die laute Musik, das Geschrei der Möwen, Hupen, Stimmen und der Ezan - für Hüseyin Yılmaz fühlt es sich an, als wäre er endlich nach Hause gekommen. Dabei kennt er Istanbul nicht einmal besonders gut. Die "prachtvolle Stadt", die er bald seinen vier Kindern zeigen will, war einst eine Zwischenstation, als er aus dem Dorf nahe der armenischen Grenze nach Süddeutschland ging, um den Lebensunterhalt für seine Familie zu verdienen. Ein paar Tage hatte er hier verbracht, Anfang der 1970er Jahre, eine Atempause zwischen den Pflichten.

Fast dreißig Jahre hat Hüseyin in Deutschland gearbeitet, die meiste Zeit am Schmelzofen einer Metallfabrik. Er hat Überstunden gemacht, Extraschichten geschoben, vier Kinder großgezogen. Sobald Ümit, der fünfzehnjährige Nachzügler, mit der Schule fertig ist, will Hüseyin mit seiner Frau Emine Deutschland verlassen, "dieses kalte, herzlose Land", das seit der Wiedervereinigung nur noch mit sich selbst beschäftigt ist. Dann möchte er hierherziehen, nach Istanbul, in die frisch renovierte Wohnung, die er von seinen Ersparnissen gekauft hat. Nächste Woche will sich die Familie die Wohnung ansehen, bis dahin soll alles vorbereitet sein.

Doch plötzlich mischt sich Unwohlsein in die Vorfreude, seine Schulter schmerzt, die Brust wird enger. Er kann noch nach der Nachbarin rufen, bevor er zu Boden sinkt. Eine Woche vor seinem sechzigsten Geburtstag stirbt Hüseyin an einem Herzinfarkt, knapp vor der Frührente, für die es längst höchste Zeit war.

Nicht schlimm, wenn man in "Dschinns" auch "Jeans" mithört

"Dschinns" ist ein Familienroman von außerordentlicher Intensität. Hüseyins Tod wird zum Anlass, dass sich die Familie in Rekordzeit einfindet. Nach dem islamischen Ritus muss er spätestens nach achtundvierzig Stunden beerdigt sein. Und so werden alle aus ihrem Alltag gerissen, müssen Flüge buchen, Fahrten unternehmen, Vorhaben abbrechen. Sie sind in einer existentiellen Ausnahmesituation. Sie leiden, trauern, fallen in alte Rollen zurück. Sie sind seelisch nackt durch den Schmerz, aber auch durch den Druck, der durch die Plötzlichkeit des Todes entsteht.

Fatma Aydemir inszeniert diesen hoch verdichteten Trauer-Augenblick als eine Mischung aus Kammerspiel und Roadnovel. Und sie haucht ihm zugleich epischen Atem ein. Ihr deutsch-türkischer Familienroman, der kurz vor der Jahrtausendwende spielt, ist ein Wunderwerk an Präzision und Einfühlung. Er ist realistisch erzählt und soziologisch genau und lässt doch genügend Raum für die guten und die bösen Geister. Die "Dschinns", die er (mit bewusst falschem Plural, er entstammt einer Figurenperspektive) im Titel trägt, sind körperlose Geisterwesen, die im Koran, neben den Menschen, als Adressaten fungieren. Auch in den Erzählungen aus den "Tausendundeine Nacht" kommen sie häufig vor. Da sie längst popkulturell überschrieben sind, schadet es nicht, wenn man "Jeans" mithört.

Der Roman ist aus sechs Perspektiven erzählt, den Perspektiven der Familienmitglieder. Neben den Eltern sind das die drei erwachsenen Kinder, Sevda, Hakan, Peri, dazu der fünfzehnjährige Ümit. Während deren Perspektive in erlebter Rede geschildert wird, wählt Aydemir bei Hüseyin und Emine die Du-Perspektive. Sie werden von inneren Stimmen angesprochen, die sich von ihnen ablösen können. Wie sonst sollte von den letzten Gedanken eines sterbenden Menschen erzählt werden, wenn nicht aus der Perspektive eines Geistes, eines Dschinn oder eines "Schattens"? So nennt sich die Stimme, die dem sterbenden Hüseyin verspricht, sie werde "hierbleiben", in seiner Wohnung, "und ich werde über deine Familie wachen".

Fatma Aydemirs Roman "Dschinns": Fatma Aydemir: Dschinns. Roman. Hanser Verlag, München 2022. 367 Seiten, 24 Euro.

Fatma Aydemir: Dschinns. Roman. Hanser Verlag, München 2022. 367 Seiten, 24 Euro.

Sevda trägt den Namen eines erstgeborenen Kindes, von dem die Eltern immer erzählt haben, es sei kurz nach der Geburt verstorben. Erst ganz am Schluss, im vertrauten Zwiegespräch, erfährt sie von ihrer Mutter die Wahrheit. Das Gefühl, ihr Dasein sei "geborgt", prägt ihr Leben. Und auch die Erfahrung, von ihren Eltern eine Zeitlang wie ein "kaputter Koffer" bei den Großeltern zurückgelassen worden zu sein, als der Vater den Rest der Familie nach Deutschland holte.

Wie ein Mosaik setzt sich die spezifische und für die sogenannte erste "Gastarbeiter"-Generation doch auch typische Geschichte zusammen. Die Hoffnungen, mit denen Hüseyin aufgebrochen war, verwandelten sich bald in Einsamkeit, eine Schleife von Erinnerungen und Sehnsüchten, die ihn immer stummer werden ließ. Angst und Einsamkeit durchwehen den Roman wie böse Geister, die sich mal in dieser, mal in jener Seele niederlassen.

Jahrzehntelang haben die Kinder nicht gewusst, dass ihre Eltern Kurden sind

Es ist erstaunlich, wie wandelbar Fatma Aydemirs Erzählstimme ist. Jede Figur ist glaubhaft und stimmig und zugleich völlig verschieden von den anderen. Am aufmüpfigsten ist Peri, die das "Scheißkaff" und ihre "Scheißfamilie" so schnell wie möglich verlassen hat, um zum Studium nach Frankfurt zu ziehen. Dort vertieft sie sich zunächst verzweifelt in Schopenhauer und Nietzsche, um schließlich glücklich bei Judith Butler zu landen. Hinreißend das Lehrstück, das Aydemir über das grammatische Geschlecht in ihren Roman einbaut, wenn sie Peri ihrer Mutter erklären lässt, dass es im Türkischen kein Femininum und Maskulinum gibt, um im späteren Verlauf des Romans mit einem türkisch aufgemöbelten Deutsch eine gezielte Scharade durchzuführen.

Jahrzehntelang haben die Kinder nicht gewusst, dass ihre Eltern Kurden sind. Nach seiner Erfahrung beim türkischen Militär hat Hüseyin Emine verboten, Kurdisch zu sprechen. In Istanbul hört Ümit seine Mutter mit Trauergästen zum ersten Mal in einer Sprache sprechen, die ihm fremd ist. Es ist nicht zuletzt der doppelte Sprachverlust, der Emine bitter werden ließ. "Hüseyin hatte dir erst deine Muttersprache genommen und dich dann in ein Land gebracht, in dem du gar keine Sprache mehr hattest. Es fühlte sich an, als habe er dich verraten. Als verrate er dich täglich, seit ihr euch das erste Mal begegnet wart, indem er sein Innerstes vor dir verbarg."

Nach ihrem rasanten, etwas schematischen Debütroman "Ellbogen", der den spontanen Gewaltexzess einer Siebzehnjährigen schildert, läuft Fatma Aydemir mit ihrem zweiten Roman zu großer Form auf. Die 1986 in Karlsruhe geborene Schriftstellerin lebt als Kolumnistin und Redakteurin der taz in Berlin. Zuletzt gab sie mit Hengameh Yaghoobifarah die Anthologie "Eure Heimat ist unser Albtraum" heraus.

Die Stimmenvielfalt ihres Romans ist ebenso außerordentlich wie die Nonchalance, mit der sie die gängigen Diskurse zu Herkunft, Geschlecht und Identität ins Erzählen überführt. Das Spiel mit Leitmotiven beherrscht sie genauso wie lockere Dialoge und geschickte Dramaturgie. Was für ein Einfall, den größten Teil der Handlung in einer Wohnung spielen zu lassen, die zum symbolischen Ort unterdrückter Träume wird: ein bedrängendes Setting, eine Hochdruckkammer der Gefühle, durchpulst von Imaginärem zwischen Leben und Tod. In seiner Mischung aus Nüchternheit und Poesie erinnert der Roman gelegentlich an Emine Sevgi Özdamar. In einigen Motiven an Orhan Pamuk, etwa wenn vom "Museum der Träume von Hüseyin Yılmaz" die Rede ist. Mit "Dschinns" hat sich Aydemir einen Erzählton erobert, der es mit der Gegenwart aufnehmen kann, ohne den Geist des Epischen verloren zu geben.

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