bedeckt München 17°
vgwortpixel

Literatur:Poesie der Stanzmaschinen

Stil- und pointensicher: Ronja von Rönne bei ihrem Auftritt in der Werkstatt des Handwerksbetriebs Schenkel-Fiola. Zwischen Stanzmaschinen und Formpressen liest die Bloggerin, Journalistin und Autorin aus ihrer Kurzprosasammlung "Heute ist leider schlecht: Beschwerden ans Leben".

(Foto: Robert Haas)

Bei der Lesenacht "Hörgang" stellen 30 Autoren an 27 Orten in Bogenhausen ihre Texte vor. Der Popstar des Abends ist Ronja von Rönne, die Beziehungstipps in einer Werkstatt für Feinblech gibt

Wenn man sich vorab das Programm ansieht, wird einem erst einmal ein wenig schwindelig: Mit mehr als 30 Autoren, die jeweils zur vollen Stunde an 27 Orten lesen, lockt der literarische Stadtteilbummel "Hörgang", der in diesem Jahr durch Bogenhausen führt. Aber wie so oft in unserer Multioptionsgesellschaft setzt die Realität der Angebotsvielfalt dann doch Grenzen. Da der Mensch sich physisch nicht an zwei Orten zugleich aufhalten kann, schrumpfen die Möglichkeiten: Tatsächlich kann jeder maximal vier Lesungen besuchen. Womit man mit der Qual der Wahl konfrontiert ist.

Der Popstar des Abends ist Ronja von Rönne. Die Bloggerin, Journalistin und Autorin, die mal als "It-Girl-Wunder der jungen deutschen Literatur", mal als Vertreterin der "Generation Produktiv" gepriesen wurde und mit ihrem Anti-Feminismus-Artikel einen Shitstorm ausgelöst hatte, verspricht einen kurzweiligen Auftakt. Also bricht man zu Schenkel-Fiola in die Montgelasstraße auf, einem im Souterrain eines Mietshauses gelegenen Handwerksbetrieb für Blechkonstruktionen, in dem die Zuhörer auf Holzbänken sitzen.

Zwischen Stanzmaschinen und Formpressen begrüßt uns die 25-Jährige mit "phantastischen Tipps gegen Schüchternheit beim ersten Date" aus ihrem Buch "Heute ist leider schlecht: Beschwerden ans Leben". Weil sie "Tipps so toll" findet, verrät sie uns auch noch, "wie man Eifersucht los wird". Es darf sehr viel gelacht werden bei Rönnes cool flapsiger, stil- und pointensicherer Kurzprosasammlung für LiebhaberInnen von Frauenzeitschriftenkolumnen. Ebenso lässig wendet sich die Jungautorin den Mühen des Schreibens zu, das ihr wie "eine schlechte Party mit einer miserablen Auswahl an Gästen" vorkommt. Zu denen gehören der ätzend miesepetrige Feuilletonist ("Wir lachen nicht gern."), ihr Vater ("Und dafür habe ich dir drei Studienabbrüche finanziert!") und die Verzweiflung, die ihr rät: "Wer aufgibt, darf ausschlafen." Zwischendurch stöhnt sie völlig zu Recht über die grausam kurze Zeitspanne, die jedem Autor beim "Hörgang" einberaumt ist. Nach fünfzehn Minuten steht man erneut vor der Frage: was nun? Soll man bei Florians Blumenpavillon vorbeischauen, in die Bar Daherkomma zu Stephanie Gessner oder ins Kult zu Stefan-Manuel Eggenweber?

Wenn man in Bogenhausen ist, will man natürlich die Chance nutzen, einmal eine der Villen, in denen man nie wohnen wird, von innen zu sehen. Eine davon ist die Villa Hepp in der Mauerkircherstraße, hinter der sich ein traumschöner Garten auftut. Die reizende Dame und der Herr des Hauses leiten uns in einen von Kerzenleuchtern illuminierten Salon, in dem Weißwein serviert wird und an hellblauen Wänden Knabenporträts hängen. Der bei der Puls-Lesereihe des BR preisgekrönte Text, den Felisa Walter hier vorstellt, steht in prächtig krassem Kontrast zum noblen Ambiente. "Halt endlich deine Scheiß-Fresse, du Arschloch!" lautet der Titel der kleinen Geschichte über eine Frau, die vom Zwang befallen wird, rotzfrech alles auszusprechen, was ihr durch den Kopf geht. Allerdings beschränken sich ihre Gedanken weitgehend auf das Aussehen ihrer Mitmenschen ("zu dick, zu picklig, zu faltig, zu großnasig"). Als finalen Gag erklärt die Ich-Erzählerin beim "risky" Date mit "Mr. Verwegen" diesem: "Nach Pizza und Pasta fehlt nur noch ein Penis". Woraufhin er sie zum Happy End auszieht. "Erfrischend jung und superlustig" findet ein Zuhörer Felisa Walter, derweil man selbst beschließt, dass es für heute Abend gut ist mit jung und lustig.

Draußen auf der Straße diskutieren Menschengruppen, wohin sie gehen könnten, und reihen reihum die vielen verrückten Locations auf. Weil man selbst inzwischen ein starkes Bedürfnis nach ein wenig Poesie verspürt, nach der einen oder anderen Metapher, die nicht nur eine tolle Pointe ist, ignoriert man diese allesamt und macht sich auf den Weg zu Albert Ostermaier in die Monacensia. Der enttäuscht einen nicht. Passend zum Rahmen liest er einige seiner frühen Gedichte über Toller und Brecht vor und zudem ein neues poetologisches Gedicht über die Macht und Ohnmacht von Worten, das Ginsbergs "Howl" und die Bibel anzitiert, sprachlich ausgefeilte Lyrik, über die man Lust hat nachzudenken, mit Bildern, die auf mehr als nur sich selbst verweisen.

Eigentlich würde es nun ja naheliegen, zu Matthias Tonon ins Griechische Generalkonsulat zu wandern oder zum Friedhof Bogenhausen, wo Oskar Maria Graf und Fassbinder ruhen und Fabian Bross auftritt. Anderseits ist die für 23 Uhr angekündigte Lesung von John von Düffel ein guter Grund, in der Monacensia zu bleiben. Zudem hat hier endlich ein Café eröffnet, in dem man im Innenhof unterm Sternenhimmel sitzen kann. Während man im "Hörgang"-Heft blättert, unterhält sich nebenan ein Paar über den Verlauf des Abends und die (gefühlten) "90 Prozent des Programms", die es "leider verpasst" hat.

"Mir ist irgendwann die Orientierung abhanden gekommen. Je dunkler es wurde, desto verlorener war ich", gesteht Düffel drinnen im Saal, ehe er einen Ausschnitt aus seinem neuen Roman "Klassenbuch" über die Gefühlsverwirrungen von Heranwachsenden präsentiert, eine lakonisch melancholische und an feinen Beobachtungen reiche Passage. Darin schildert der Junge Henk in einer (erwachsenen) Jugendsprache, einen Herbsttag, an dem er die Schule schwänzte und sich durch die Stadt treiben ließ. Und während man sich in der entspannenden Gewissheit, nun nichts mehr versäumen zu können, zurücklehnt, wünscht man sich, John von Düffel würde noch lange weiterlesen.

© SZ vom 22.05.2017

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite