Literatur Patrick Süskind

Patrick Süskind.

(Foto: Alfred Haase)

Von Sebastian Herrmann

Gerade ist der große, öffentlich nicht anwesende Schriftsteller Patrick Süskind 70 Jahre alt geworden, und da ist die Erinnerung an einen Moment mit diesem Autor aufgetaucht. Im Frühjahr 1991 war im Deutschunterricht in der elften Klasse ein Referat über den Roman "Das Parfum" zu halten. Das Buch las sich auch für einen zerstreuten Schüler flüssig, die Inhaltsangabe für den Vortrag stellte keine Herausforderung dar. Doch dann die lästigste aller Fragen, die wir als Schüler stets auf diese Weise formulierten: "Was hat sich der Autor dabei gedacht?" Meistens hatten wir keine Antwort parat.

Als Schüler stellte ich mir vor, es ginge im Kopf eines Schriftstellers so zu wie in "Königs Erläuterungen". Diese Autoren mussten doch einen exakten Plan haben, einen, der sich mir verschloss, auch im Fall von "Das Parfum", zu dem es damals keinen Erläuterungsband gab. Das war blöd, denn die Büchlein kopierten wir stets großzügig, wenn Texte zu interpretieren waren. Also fragte ich Ute, eine Bekannte. Ute war Studentin und arbeitete in einem Buchladen, die musste doch wissen, was sich Süskind gedacht hatte. "Keine Ahnung", sagte sie, "frag ihn halt."

Die Angst vor der Referat-Schmach war größer als die Furcht vor einem Telefonat mit einem berühmten Schriftsteller, und Patrick Süskind stand im Telefonbuch. Der zurückgezogene Autor, der keine Interviews gab und gibt, nahm ab, und ich sagte nervös mein Anliegen auf: Deutschunterricht. Referat. "Das Parfum". "Und da wollte ich wissen, was Sie sich dabei gedacht haben." Der Autor antwortete unwirsch und ehrlich: "Was weiß denn ich? Nichts!", knorzte er ins Telefon, "ich wollte halt eine Geschichte schreiben." Das Telefonat dauerte keine halbe Minute.

Den Moment am Ende meines Referates, das eine lange Inhaltsangabe wurde, kostete ich aus: "Was der Autor sich dabei gedacht hat?", sagte ich und macht eine effektheischend Kunstpause. "Nichts! Ich habe ihn angerufen." Frau Bartl, unsere Lehrerin, gab mir eine Eins, und ich fühlte mich schrecklich wichtig. In diesem Sinne, lieber Patrick Süskind, nachträglich alles Gute und vielen Dank, für diesen Moment.