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Literatur:Nun schweigen an allen Fronten die Waffen

Vor dem Hintergrund des Schlachtendonners wirkt die Idylle immer rührend, und wenn Deutschland in Schuld, Not und Angst versinkt, bewegt ein biedermeierlicher Vers gleich doppelt.

"Die letzten Tage der Menschheit"

Aber eigentlich bezeichnen diese hauchzarten Gedichte - samt einigen Tagebucheinträgen von Jünger oder Hans Carossa, die sich mit dem aufblühenden Frühling 1945 befassen - das große Gegenüber des Kollektivsubjekts dieses Tagebuchs: Gegen Geschichte und Krieg kommt Natur in Stellung, die unerschütterliche, leise, sanfte, am Ende siegende, unschuldige Natur, das Jenseits zum zerstörerischen Menschen.

Die Bände des "Echolot" sind so etwas wie "Die letzten Tage der Menschheit" für den Zweiten Weltkrieg. Aber während Karl Kraus bei seinem Welttheater aus Originaltönen immer noch als souveräner Regisseur mit leidenschaftlicher Parteinahme, rasendem Zorn und empörtem Mitleid präsent bleibt, zieht sich der Autor in Kempowskis Montage in die mienenlose Rolle dessen zurück, der das Wort erteilt, aber keinen Kommentar abgibt.

Natürlich ist auf jeder Seite dieser große, mit unfehlbarem Gehör und feinstem Takt begabte Künstler zu spüren. Die Effekte sind auch im Detail meisterhaft gesetzt, so wenn Kempowski Hitlers "Politisches Testament" in ein Dutzend Teile zerlegt, die wie ein quäkendes Instrument im Orchester immer wieder auftauchen zwischen all den anderen Tönen.

Objektive Trauer

Trotzdem gilt: Da in der Tendenz alle Stimmen gleichwertig werden, da das Gesamtgeschehen sie als einzelne alle überwältigt, wirken sie auch alle gleich hilflos, genauer gesagt: kreatürlich. Noch das dümmste Geschwätz hat seinen Platz in diesem Chor von zerfahrener Menschlichkeit, und noch die tiefsinnigste Spekulation hat dem Schmerzgestöhn nichts voraus.

Was in den ersten Bänden noch als Kritik an der Phrase, als Wut über ideologischen Selbstbetrug und verlogene deutsche Innerlichkeit lesbar war, verschwimmt nun im Unisono großer objektiver Trauer.

Man mag lächeln über einen Professor, der im Königsberger Straßenkampf noch Sonderdrucke verteilt, aber im Grunde bemitleidet man ihn für diesen läppisch anmaßenden, fast geisteskranken Versuch, sich auch noch nützlich zu machen.

Reine und unreine Töne

Das letzte Gesülze von Goebbels, der ölige Schlussbericht der Wehrmacht, die Wahnsinnsstammelei von Hitler - alles wird zu Farbe im Bild. Natürlich gibt es reine und unreine Töne, die Masken der Selbstgerechtigkeit und das bare Entsetzen: Denn neben der Not von Bomben und Vergewaltigungen, also den Leiden der Deutschen, bleibt ja auch ihr Verbrechen gegenwärtig, ja es bricht erst hervor und wird für jedermann sichtbar in diesem Moment:

In Bergen-Belsen kann ein britischer Offizier nicht unterscheiden, ob Pritschen belegt sind oder nicht, weil die abgemagerten Menschen so dünn sind, dass sie unter den Decken fast unerkennbar bleiben; letzte KZ-Züge mit verdurstenden brüllenden Menschen werden durch die Flüchtlingsmassen auf deutschen Bahnhöfen geschleust, und ein unbeschreiblicher Gestank entweicht ihnen.

"Culpa" - Schuld, der Titel von Kempowskis Selbsterklärung könnte kaum undeutlicher und vieldeutiger gewählt sein. Ja, Schuld haben die, die nun, im "Abgesang", zugrundegehen, und diese Schuld wird durch ihren Untergang nicht gelöscht. Aber schuldig sind die Überlebenden es auch den Toten, sich ihrer Leiden zu erinnern.

Überwältigt von Eindrücken

Das "Echolot" ist ein Memorial, hat man gesagt, es gleicht einer Installation aus Texten. Es entwickelt, trotz kräftiger Spuren von Humor (einer bürgerlichen Antipathetik, die zum Kern von Kempowskis Schreiben gehört) am Ende eine Ästhetik des Erhabenen, die ganz auf Schrecken und Mitleid zielt.

Das aber heißt auch: Von der Erkenntnis, die laut Burckhardt auf Jubel und Jammer in der Geschichte immer folgen muss, ist hier wenig zu sehen. Wer diese Bände liest und zuklappt, wird von Eindrücken überwältigt, aber nur wenig belehrt zurückbleiben.

WALTER KEMPOWSKI: Das Echolot. Abgesang '45. Ein kollektives Tagebuch. Gebunden im Schuber. Albrecht Knaus Verlag, München 2005. 496 Seiten, 49,90 Euro.

DERS.: Culpa. Notizen zum Echolot. Albrecht Knaus Verlag, München 2005. 280 Seiten, 19,90 Euro.