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Literatur-Nobelpreis für Tomas Tranströmer:Sieg für Schweden, Sieg für die Sprache

Viele hatten mal wieder auf Bob Dylan gewettet. Doch der Literatur-Nobelpreis geht nun an den Schweden Tomas Tranströmer. Er ist als Dichter ein Meister der Reduktion, eigenwillig und unberechenbar. Insofern ist er ein bisschen wie Dylan.

Michael Grill

Manchmal gibt es eine Überraschung, manchmal kommt das Erwartete. Diesmal war es irgendwo zwischendrin: Tomas Tranströmer erhält den Nobelpreis für Literatur - das ist eine originelle, aber nicht völlig überraschende Entscheidung der Schwedischen Akademie.

Wieder einmal, es ist fast schon zum Ritual in Stockholm geworden, ging die Jury an Bob Dylan vorbei, der heuer von britischen Wettanbietern sogar als Favorit gehandelt worden war. Nicht der große Poet der jüngeren Musikgeschichte ist es geworden, sondern ein Poet schlechthin: Der 80 Jahre alte Transströmer steht wie kaum ein anderer Lyriker für Reduktion, Konzentration und trotz einer formal möglichst reduzierten Ausdrucksweise für eine gewisse Unberechenbarkeit. Insofern ist er Dylan sogar ein bisschen ähnlich.

Dass aber in Stockholm überhaupt ein Dichter - und nicht etwa ein Romanautor - ausgezeichnet wurde, ist ein Signal für etwas ganz anderes: für einen bewussten Umgang mit dem Wort, im Sinne einer Ästhetik der Kommunikation. "Überdrüssig aller, die mit Worten, Worten, aber keiner Sprache daherkommen", ist das unmittelbar nach der Preis-Bekanntgabe meisterwähnte Zitat von Tranströmer, es stammt aus dem Gedicht "Aus dem März '79" von 1980.

Es war die Zeit, in der Tranströmer seine Formen für Sprache bereits gefunden, und dabei auch die Folgen seiner ästhetischen Radikalität zu spüren bekommen hatte. In den bewegten Jahren nach der 68er Revolution wandte sich ein Teil seines schwedischen Publikums von ihm ab, da sich der Dichter beharrlich weigerte, das Politische in seine Sprache hineinzulassen.

Bis heute betont er, dass seine Kunst nicht von Ideologien, sondern von Visionen gespeist werde. Diese strenge, geradezu asketische Herangehensweise, mit der Tranströmer Worte baut, führte ihn schon in seinem Frühwerk in den 50er Jahren zu den japanischen Haiku-Gedichten. Schwedische Klarheit und japanische Konzentration - was den jungen Dichter schnell bekannt machte, war später nicht immer trendy in der Welt der Lyrik.

Tranströmers Karriere als Schreiber zeigt aber auch, wie schwer sich mit Dichtung ein Leben materiell bestreiten lässt. Der Sohn eines Journalisten arbeitete nach seinem Studium und bis zur Pensionierung in einem sogenannten Brotberuf: erst als Anstaltspsychologe mit jugendlichen Straftätern, später als Berufsberater in schwedischen Arbeitsämtern.

1990 erlitt er einen schweren Schlaganfall, der ihn zwar zum Rückzug in ein bescheidenes Privatleben zwang und sein Sprachzentrum schwer beeinträchtigte, der aber dem Dichter nicht die Worte nehmen konnte. Ein Großteil seiner heute bekanntesten Werke erscheinen nach dieser Zäsur: "Das große Rätsel", Gedichte, 2005 - "Die Erinnerungen sehen mich", Autobiografie, 1999 - "Sämtliche Gedichte", 1997 - "Für Lebende und Tote", Gedichte, 1993 (alle im Hanser Verlag).

Das Oeuvre des Schweden ist überschaubar, aber nicht klein. Als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis war er immer wieder genannt worden, doch wirklich zwingend schien seine Wahl nie zu sein. Auch seine Ehefrau, Monica Bladh-Tranströmer, hat die Auszeichnung in einer ersten Reaktion "als Riesenüberraschung" bezeichnet. Ihr Mann habe mit dem Nobelpreis schon seit Mitte der 90er Jahre nicht mehr gerechnet: "Wir dachten, dass es eigentlich viel zu kompliziert mit der Vergabe an einen schwedischen Autoren sein würde."

Der 80-jährige Tranströmer ist der achte Schwede, der den wichtigsten Literaturpreis der Welt gewinnt. Die Auszeichnung ist mit umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert und wird am 10. Dezember in Stockholm überreicht. Es wird ein Festtag sein. Für alle, die der Flut der Worte, aber keineswegs der Sprache überdrüssig sind.

© sueddeutsche.de/rus/gba

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