Literatur "Natürlich können wir die Welt verändern"

Der Schriftsteller Ingo Schulze kuratiert das zehnte Literaturfest 2019. Unter dem Motto "Einübungen ins Paradies" will er nicht nur die Umbrüche in Deutschland nach 1989/90 beleuchten, sondern den Blick in die ganze Welt weiten

Interview von Antje Weber

Er ist einer der wichtigsten Chronisten der Wiedervereinigung - nun soll der Schriftsteller Ingo Schulze das nächste Literaturfest München kuratieren. Das zehnte Literaturfest beginnt am 13. November und nimmt zum Jubiläum das noch ein wenig größere Jubiläum 30 Jahre Mauerfall zum Ausgangspunkt. Der in Berlin lebende Schriftsteller Schulze hat sich in zahlreichen Büchern und Essays mit den Umbrüchen von 1989 und den Folgen beschäftigt; in Romanen wie "Simple Storys", "Neue Leben", "Adam und Evelyn" oder zuletzt "Peter Holtz". Beim Forum:Autoren des Literaturfests will er unter dem Motto "Einübungen ins Paradies" Fragen "an die Welt nach 1989" stellen. Dabei möchte er den Blick vom Nationalen ins Internationale weiten und auch nach den Auswirkungen in Osteuropa, China oder Afrika fragen.

SZ: Mit dem Motto "Einübungen ins Paradies" zitieren Sie ein eigenes Buch - eine Parabel auf die Freiheit hinter Gittern?

Ingo Schulze: Für mich stand der Buchtitel gar nicht im Vordergrund. Mein Buch "Einübung ins Paradies" beschreibt ja einen Idealort. Es ist eine Geschichte über einen Tierpark, in dem Mensch und Tier auf paradiesische Weise zusammenleben - das hat etwas Utopisches, da steckt ein ganzer Gesellschaftsentwurf der DDR drin. Vor 1989 hieß es ja, mit dem Kommunismus ist irgendwann eine Art paradiesischer Zustand erreicht. Und nach 1990 war die Rede vom Ende der Geschichte. Für mich bedeutet es: Jeder Gesellschaftsentwurf will das Paradies schaffen.

Und das gilt es einzuüben?

Die Einübung ist ein gewisser Widerspruch: Das Leben im Paradies verspricht eine unmittelbare Erfüllung, ohne dass ich darüber reflektieren müsste. Einübung ist ein Training, Sich-daran-Gewöhnen, Beherrschen, Sich-Abfinden. Diese Spannung im Titel für das Literaturfest fand ich angemessen. Letztlich würde ich nach dem Festival gern mehr über die Zeit wissen, in der wir leben. Indem wir über Zeitgrenzen nachdenken: Wo sind Einschnitte, wo ist etwas gekippt, haben sich Selbstverständlichkeiten geändert? Wie eben 1989. Aber es geht keinesfalls um die museale Form "Wie habe ich das damals erlebt?" Das ist schon viel erzählt worden, und bei jeder Veranstaltung merke ich, wie tief die Stereotype stecken. Aber mir wäre wichtig: Was hat das in uns verändert? Damit meine ich vor allem auch den Westen: Was hat das für neue Selbstverständlichkeiten geschaffen? Gerade auch bei denjenigen, die behaupten: 1989 hat uns doch überhaupt nicht berührt, wir sind weiter nach Brüssel oder New York geflogen, wir waren auch mal in Dresden ...

Das würden manche Münchner vermutlich genau so formulieren.

Ja, aber was hat sich denn gerade in München verändert? In München kenne ich mich zwar nicht so aus, und man sagt, das sei ganz speziell hier. Aber die Idee einer Alternative, eines Sozialismus, die war ja plötzlich weg - und vielleicht hat das Bestehende auch hier viel mehr Auftrieb bekommen als vorher. Was hat sich im Ökonomischen getan, mit den Parteien, den Gewerkschaften? Plötzlich ist der Osten offen, nach Tschechien hin: Was ist mit denen, die hierher zur Arbeit kommen? Wir nehmen vieles so selbstverständlich, ob das den Wissenschaftsbetrieb mit den Drittmitteln betrifft oder die Kunst mit dem Sponsoring, überhaupt die weitere Ökonomisierung und Privatisierung wichtiger Bereiche wie Gesundheit und Bildung.

Sie führen all diese Veränderungen, wie Sie immer wieder in Romanen und Essays schreiben, auf den entfesselten Kapitalismus zurück.

Ja, diese Entwicklung ist prägend - nicht nur für den Westen, sondern für die ganze Welt. Dass die Blockkonfrontation geendet hat, hat zum Beispiel bis heute einen großen Einfluss auf China. Für die ist ein Schreckbild, was in der Sowjetunion passiert ist. Wie hat sich Indien geändert? Ich war zum Beispiel in Sri Lanka und sprach von der friedlichen Revolution, da sagte eine Abgesandte aus Pakistan: "Wissen Sie, bei Ihnen konnte es so friedlich sein, weil bei uns das Blut geflossen ist." Sie dachte an Afghanistan, daran, dass sich die Schauplätze verschoben haben: Was in Europa als Kalter Krieg aufgelöst werden konnte, hat woanders die Konflikte ausbrechen lassen und verschärft. Oder Vietnam, wo Vergangenheit überhaupt keine Rolle mehr spielte. Wenn man wiederum die Autobiografie von Nelson Mandela liest: Er wollte in Südafrika verstaatlichen, doch das war mit 1989 vom Tisch. Oder manche Chilenen, die sagten: Wo ist unsere Exilheimat DDR hin? Ich würde gerne zeigen, dass 1989 eine weltweite Bedeutung hat und nicht nur deutsch oder europäisch ist.

Als 1989 die Mauer fiel, war die Euphorie groß. Heute merkt Ingo Schulze bei jeder Veranstaltung, "wie tief die Stereotype stecken". Und ruft zum gemeinsamen Nachdenken auf.

(Foto: imago/imagebroker)

Auch in Europa gibt es unterschiedliche Perspektiven ...

In Osteuropa, dem ehemaligen Jugoslawien oder der Sowjetunion ist die Bedeutung von '89 völlig klar. Wenn ich mir dagegen französische Autoren wie Didier Eribon oder Édouard Louis anschaue: Da spielt der Osten überhaupt keine Rolle - dabei wäre es so interessant, das danebenzuhalten! Der bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan wiederum würde sagen: Nicht 1989, sondern 1992 ist der Einschnitt. Da endet das 20. Jahrhundert, mit den Schüssen in Sarajevo und mit der Belagerung. Die Konstruktion von Zeitgrenzen soll durchaus befragt und eventuell auch in Frage gestellt werden.

Als Schriftsteller geht es Ihnen immer darum, eine Art Resonanzraum zu sein. Nun müssen Sie als Kurator auf andere Weise den richtigen Stil für den Stoff finden?

Ja, ich werde in den kommenden Monaten sehr viel lesen und sehr viele Auskünfte und Empfehlungen einholen dürfen und müssen, um die für unser Vorhaben Richtigen einzuladen - aus aller Welt und aus München. So ein Festival ist ja wie eine Wunscherfüllungsmaschine und zugleich eine große Verpflichtung.

Wie sehr setzen Sie dabei auch auf Konfrontation, Polarisierung? Der Dialog, zumindest innerhalb Deutschlands, ist ja derzeit nicht immer einfach.

Ich sehe es eher als ein gemeinsames Nachdenken. Gar nicht so sehr, dass man Standpunkte gegeneinander stellt - sondern möglichst versucht, differenziert etwas von den anderen zu erfahren. Zum Beispiel war ich erfreut, dass vor ein paar Tagen die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy hier war, die in Frankreich die Rückgabe von Kolonialkunst vorantreibt. Das ist für mich als neues Denkmodell auch eine Zeitgrenze: diese neue Provenienzforschung im weitesten Sinne in den Museen. Die betrifft ja auch den Alltag: Wo kommt dieses Ding her, wo jenes? Wo stammt meine schöne Jeans her? Es geht darum, die Doppelbödigkeit unseres Alltags zu beleuchten: Der Westen sagt, der Osten wollte nur die Bananen haben, und der Osten sagt, ihr habt gut reden, ihr habt die Bananen schon immer - aber die eigentliche Frage ist doch, dass die Bananen nicht an Rhein und Mosel wachsen, sondern zu Preisen importiert werden, die weder den Produzenten noch der Umwelt der Herkunftsländer angemessen sind. Die Frage nach Nord-Süd fällt völlig unter den Tisch. Das alles gehört für mich dazu, und ich will versuchen, beim Literaturfest auch philosophische und soziologische, kunsthistorische und politische Sichtweisen einzubinden.

Das Globale interessiert Sie mehr als das Nationale - haben Sie auch die Befürchtung, dass das deutsche Thema am Ende dieses Jahres zu sehr ausbuchstabiert ist?

Ich würde eher sagen: das Nationale in den internationalen Zusammenhang stellen, verstärkt auf diesen Aspekt hinweisen. Um eine einfache Frage zu stellen: Warum hat noch keine Partei gefordert, die für afrikanische Länder nachteiligen EU-Agrarsubventionen zu stoppen? Das wäre ja politisch relativ einfach möglich. Wenn man Fluchtursachen bekämpfen will, gehört das dazu. Vielleicht ist auch 2015 eine Zeitgrenze für uns - und wie steht die im Verhältnis zu '89/90? Wir reden derzeit außerdem über 70 Jahre Grundgesetz: Ist es vielleicht auch an der Zeit, sich den Luxus zu erlauben, über eine neue Verfassung nachzudenken? Es geht mir jedenfalls nicht darum, die alten Schlachten von '89 wieder aufzuwärmen und zu fragen, was da verschenkt wurde. Auch wenn man das nicht vergessen soll. Ein Problem ist nur: Das Alte muss immer herhalten, um etwas heute zu rechtfertigen. Der Begriff "Unrechtsstaat" zum Beispiel macht alle zukunftsträchtigen Ansätze, die es im Osten ja auch gab, erst einmal undiskutierbar. Damit berauben wir uns wichtiger Alternativen.

Gerade '89 gab es ja, das haben Sie immer wieder beschrieben, ein großes utopisches Potenzial, das sehr schnell ...

... von uns Ostdeutschen abgeschafft wurde. Das muss man auch immer sagen: Verantwortlich waren in erster Linie mal die Ostdeutschen. Dabei gab es kurz einen unglaublich demokratischen Zustand. Wir hatten Ende 1989 alle Rechte und Freiheiten, machten aber vor der Ökonomie nicht halt. Und die Frage war: Wie eignen wir uns die Betriebe an? Das war ein Anspruch, der heute kaum in eine Utopie passt.

"Natürlich können wir die Welt verändern! Wie weit das geht, liegt dann nicht immer nur an einem selbst", sagt der Berliner Schriftsteller Ingo Schulze.

(Foto: Catherina Hess)

Heute unterstützen Sie zum Beispiel die linke Bewegung "Aufstehen" - scheint Ihnen die Zeit für neues Handeln reif?

Die Zeit wäre längst reif, seit Jahren. Ich will ja nicht immer nur reden. Ich suche nach Möglichkeiten, mit anderen zusammen etwas zu ändern. Ich sehe schon eine neue Bereitschaft, sozusagen "bündnisfähig" zu werden. Ich würde auch sofort zur CDU oder FDP gehen, die haben mich nur noch nie eingeladen. Natürlich gibt es Grenzen, aber grundsätzlich würde ich nie ein Angebot zur Verständigung ausschlagen, nicht mal mit einem von der AfD. Ich habe auch versucht, mit jungen Neonazis zu reden, wenn sie sich einer Diskussion stellen. Die waren so verunsichert, als sie erklären sollten, was sie denn mit ihren ganzen abstrakten Begriffen meinen, die sie da vor sich her tragen. Ich halte es schon für einen Wert an sich, wenn man sich in die Augen sehen kann, den Namen des anderen kennt und miteinander spricht.

Was kann ein Literaturfest da beitragen?

Natürlich können wir die Welt verändern! Wie weit das geht, liegt dann nicht immer nur an einem selbst. Die Gesellschaft gibt uns ja unglaubliche Mittel an die Hand, sei es dieses Literaturhaus oder so ein Festival. Nun ist Literatur nicht in erster Linie dazu gemacht, etwas zu erklären. Aber sie kann für Erklärungen genutzt werden, und man kann gewisse Fragen an die Literatur stellen. Mir wäre es auch wichtig, dass wir in München in andere Bereiche gehen, etwa in Altersheime, in Gefängnisse. Ich würde auch gern in alter DDR-Tradition Betriebe besuchen. Warum soll ich nicht in einer Kantine lesen? Oder vor Bankangestellten - Peter Holtz in einer Bank!

... das ist Ihr jüngster Roman-Held, der am Ende all sein Geld verbrennt ...

Ja, man muss die eigenen Sachen auch einem Publikum aussetzen, an das man beim Schreiben nicht unbedingt dachte. Überhaupt: Wenn man selbst etwas ernst nimmt, kann das auch andere interessieren. Und man kann gemeinsam etwas herauskriegen.

Gemeinsame Einübungen ins Paradies - obwohl das Paradies, wie Sie in München gerade erst anhand des '89er-Romans und Films "Adam und Evelyn" gezeigt haben, ja wirklich schwer zu finden ist?

Das Paradies lag ja weder im Osten noch liegt es im Westen. Ich habe den Film zu meinem Roman im Literaturhaus zum sechsten Mal gesehen. Und ich schlucke immer bei der letzten Szene, nach dem Mauerfall. Da sagt Evelyn sinngemäß: "Es wäre doch absurd, wenn es jetzt so weitergeht wie bisher. Jetzt muss man keine Angst mehr vor Kriegen haben, statt eines Armeedienstes machen alle ein Jahr was Sinnvolles, wir werden nur noch 30 Stunden arbeiten ..." Mit diesem Anspruch, dieser Hoffnung - da ist man dem Paradies schon nahe. Und es spricht ja gar nichts dagegen, es zu suchen.