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Roman von Karina Sainz Borgo:"Jetzt sehen wir, wie die Welt vom Populismus bedroht wird"

Sie verliert auch ihre Nationalität.

Das ist für sie das Schlimmste. Als sie in Spanien ankommt, sieht sie sich im Spiegel an, und sie sagt zu sich: Ich komme nicht von einem anderen Ort, ich komme aus einer anderen Zeit.

Vom literarischen Standpunkt gesehen: Wie schafft man es, eine Abfolge furchtbarer Ereignisse zu beschreiben, ohne dass man selbst oder der Leser dabei taub wird?

Ich habe versucht, ein literarisches Buch zu schreiben. In dem Gewalt und Tod eine große Rolle spielen, aber auch Schönheit. Venezuela ist sehr schön, eine wunderschöne Landschaft, die eine grausame Logik verbirgt. Ich bin in diesem Umfeld aufgewachsen, und es gelingt mir nicht, das loszuwerden: dass Gewalt etwas Normales ist. Dabei ist sie das nicht.

Wie geht man als Autorin damit um, über ein Land zu schreiben, das man nicht mehr betreten kann?

Ich musste mich sehr weit von dem Ort entfernen, an dem ich aufgewachsen bin, um über die schmerzhaften Dinge zu schreiben. Die ersten Jahre fühlte ich mich schuldig, weil ich nicht da war. Ich dachte, wenn ich nicht dort bin, kann ich nicht darüber schreiben. Ich lebe seit 13 Jahren in Spanien, mein Vater, mein Großvater kommen ursprünglich von dort. Sie waren Spanier, die nach dem Bürgerkrieg das Land verließen, weil sie sonst getötet worden wären. Spanien wurde in unserem Haus nicht erwähnt.

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Mit keinem Wort?

Mit keinem Wort. Erst als ich dort ankam, entdeckte ich meine Familiengeschichte. Ihnen war das Gleiche passiert wie mir. 80 Jahre später überquerte ich wieder das Meer, nur in die andere Richtung. Und auch sie konnten nicht zurücksehen.

Paradox.

Wir reden heute viel von der Flüchtlingskrise in Europa, aber in karibischen Ländern wie Venezuela oder Kolumbien haben wir so viele Menschen aufgenommen, damals. Dadurch sind die Venezolaner ein sehr durchmischtes Volk, der Durchschnittsbürger hat einen italienischen Großvater, eine portugiesische Großtante. Dass ist auch im Buch wichtig: Du kannst nicht entscheiden, wo du lebst und wer du dort wirst.

Im Buch geht es viel darum, wie der Mensch in extremen Situationen zum Feind des Menschen wird. Haben Sie auch Hoffnung gesehen?

Wenn die Umstände grausam sind, kümmerst du dich nur um dich selbst. Das ist in der Geschichte der unterschiedlichsten Länder passiert und jetzt eben in Venezuela. Ich habe diese Dinge gesehen. Im Buch will die Protagonistin Medizin, die sie nicht mehr braucht, an zwei Mädchen verschenken, deren Mutter krank ist. Die aber fühlen sich so bedroht, dass sie sie nicht annehmen können und leugnen, eine Mutter zu haben. Sind sie schuldig? Oder bloß verzweifelt? Unsere Generation - ich nehme an, Sie sind so alt wie ich?

Ungefähr.

Unsere Generation ist in einer demokratischen Welt aufgewachsen, die zu funktionieren schien. Und jetzt sehen wir, wie diese Welt vom Populismus bedroht wird.

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